Zweimal lebenslänglich für„Cumhuriyet“-Journalisten: Türkische Künstler unterstützen von Erdoğan bedrängten Chefredakteur

Türkische Intellektuelle wie Orhan Pamuk haben dem von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan bedrängten Chefredakteur der Zeitung «Cumhuriyet» ihre Solidarität ausgedrückt. Die Zeitung veröffentlichte in ihrer Mittwochsausgabe Solidaritätsbekundungen von 30 Künstlern, darunter bekannte Schauspieler, Sänger und Autoren.

Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk mahnte eindringlich zur Besonnenheit. (Foto: Flickr/ Orhan Pamuk by David Shankbone CC BY 2.0)

Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk mahnte eindringlich zur Besonnenheit. (Foto: Flickr/ Orhan Pamuk by David Shankbone CC BY 2.0)

Pamuk schrieb, die Pressefreiheit sei ein unverzichtbarer Teil der Demokratie und dürfe der Aufregung und dem Ärger vor der Wahl nicht zum Opfer fallen. Die Türken wählen am Sonntag ein neues Parlament.

Erdoğan hatte dem «Cumhuriyet»-Chefredakteur Can Dündar am Montag wegen eines Zeitungsberichts über angebliche Waffenlieferungen an Extremisten in Syrien offen gedroht. «Die Operation gegen den Geheimdienst war ein Spionageakt. Die Person, die diese Exklusivnachricht veröffentlicht hat, wird dafür einen hohen Preis bezahlen. So einfach lasse ich ihn nicht davonkommen», sagte Erdoğan.

Die türkische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen «Cumhuriyet» wegen Terrorpropaganda und Spionage. Inzwischen hat Erdoğan nach Berichten der regierungsnahen Nachrichtenagentur Anadolu auch persönlich Strafanzeige gegen Dündar gestellt. Der Autor teilte auf Twitter mit, die Staatsanwaltschaft fordere zweimal lebenslänglich und 42 Jahre Haft.

Die türkische Staatsanwaltschaft hatte vergangene Woche Ermittlungen gegen die regierungskritische Tageszeitung «Cumhuriyet» eingeleitet. Es werde unter anderem wegen Terrorporpaganda und Spionage ermittelt, erklärte die Istanbuler Staatsanwaltschaft am Freitag. Die Bilder von «Cumhuriyet» sollen belegen, dass unter Medikamenten Tausende Geschosse und Patronen versteckt waren. Die Zeitung «Hürriyet» schrieb, Grund sei die Veröffentlichung von Bildmaterial über eine angebliche Waffenlieferung für Extremisten nach Syrien.

Die Foto- und Videoaufnahmen dokumentieren laut «Cumhuriyet» eine Lastwagenkontrolle in der Grenzprovinz Adana, die in der Türkei im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt hatte, so die dpa.

Die Aufnahmen stammen nach Angaben der Zeitung aus dem Dossier der Staatsanwaltschaft von Adana. Die Staatsanwaltschaft hatte im Januar 2014 nach Medienberichten eine Durchsuchung des Lastwagens angeordnet, weil sie darin Munition und Waffen vermutete. Der damalige Gouverneur Hüseyi Avni Cos ließ den Lastwagen jedoch weiterfahren. Was bei der Kontrolle gefunden wurde, gelangte zunächst nicht an die Öffentlichkeit. Die Behörden verhängten eine Nachrichtensperre.

Die Bilder von «Cumhuriyet» sollen nun belegen, dass unter Medikamenten Tausende Geschosse und Patronen versteckt waren. Nach Darstellung der türkischen Regierung handelte es sich bei der Lieferung dagegen um Hilfsgüter für Türkmenen. Kritiker werfen der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP vor, Waffen an syrische Extremisten zu liefern.

Mehr zum Thema:

Türkei: Zivilpolizisten nehmen Journalisten der Zeitung Zaman fest
«Cumhuriyet»: Ermittlungen wegen kritischem Bildmaterial
Neue Erdoğan-Attacke: „Die New York Times kotzt ihren Hass gegen mich aus“

 

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.