Blass, wenig charismatisch und liberal: Das sind die Chefs der wichtigsten Parteien bei der Türkei-Wahl

Bei der Wahl in der Türkei werden Umfragen zufolge drei Parteien sicher ins Parlament kommen: Die regierende islamisch-konservative AKP, die Mitte-Links-Partei CHP und die ultrarechte MHP. Eine vierte Partei, die pro-kurdische HDP, muss um den Einzug bangen. Das sind die Kurzporträts der Parteichefs - und des heimlichen Kandidaten Erdoğan, der gar nicht antritt, um den sich aber fast alles dreht.

Ein blasser Regierungschef und ein wenig charismatischer Oppositionsführer, ein ehemaliger Grauer Wolf und ein liberaler Kurde: Vor der Wahl in der Türkei buhlen die Parteichefs um Stimmen.

AKP: Ahmet Davutoğlu ist ein loyaler Gefolgsmann von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, dem er im August an der Spitze von Partei und Regierung nachfolgte. Auf beiden Posten blieb Davutoğlu – vor allem verglichen mit seinem Vorgänger – blass. Vor der Wachablösung war der heute 56-Jährige Außenminister. Seine damalige Doktrin «Null Probleme mit den Nachbarn» ist gescheitert: Ankara liegt mit zahlreichen Regierungen nicht nur in der Region im Clinch.

Davutoğlu stammt aus der zentralanatolischen AKP-Hochburg Konya. Der Politikwissenschaftler promovierte in Istanbul und verfolgte eine akademische Karriere, die ihn bis nach Malaysia führte. 2001 veröffentlichte der Professor sein außenpolitisches Buch «Stratejik Derinlik» («Strategische Tiefe») mit seiner Vision einer starken regionalen und globalen Rolle der Türkei.

– CHP: Kemal Kılıçdaroğlu wurde 1948 in Tunceli in der Osttürkei geboren. Er machte als Bürokrat im Staatsdienst Karriere, im Jahr 2002 zog er ins Parlament ein. Vor gut fünf Jahren übernahm er den Parteivorsitz. Kılıçdaroğlu ist ein wenig charismatischer Oppositionsführer. Ihm gelang es nicht, den Unmut der Massen über die AKP-Regierung während der landesweiten Gezi-Proteste für die CHP zu nutzen. Regierungskritiker beklagen, eines der größten Probleme der Türkei sei die Schwäche der Opposition.

– MHP: Devlet Bahçeli (67) schaut ausgesprochen grimmig von den Wahlplakaten, auf denen er um die Stimmen der Nationalisten wirbt. Nach Angaben seiner Partei hat der promovierte Ökonom «von Anfang an alle Stufen der nationalistischen Bewegung durchlaufen». Schon als Student engagierte er sich bei den militanten «Grauen Wölfen». Inzwischen führt er die MHP seit fast 18 Jahren. Unter Bahçeli scheiterte die Partei bei der Wahl 2002 nach vierjähriger Regierungsbeteiligung an der Zehnprozenthürde. 2007 zog sie wieder ins Parlament ein. Bahçeli ist strikt gegen einen Friedensprozess mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

– HDP: Mit Figen Yüksekdağ und Selahattin Demirtaş stehen eine Frau und ein Mann an der Spitze der Partei. Yüksekdağ wurde 1971 im südtürkischen Adana geboren und arbeitete unter anderem als Journalistin. Ihr politisches Engagement – das in der Frauenbewegung begann – brachte sie mehrfach ins Gefängnis. Das prominentere Gesicht der HDP ist der charismatische Demirtaş (42), auf dem die Hoffnungen vieler Erdoğan-Gegner ruhen. Bei der Präsidentenwahl im vergangenen August trat der liberale Kurde aus der Osttürkei gegen Erdoğan an – und bekam respektable 9,8 Prozent. Eigentlich ist Demirtas Menschenrechtsanwalt – ein potenziell gefährlicher Beruf in der Türkei. «Als ich jung war, dachte ich, ich würde die meiste Zeit meines Lebens im Gefängnis verbringen», sagte er kürzlich.

– Der Präsident: Recep Tayyip Erdoğan (61) ist ein Ausnahmepolitiker, der nun hofft, seinen größtes Ziel zu verwirklichen: der Türkei ein Präsidialsystem zu bescheren, an dessen Spitze er selber steht. Dafür muss die von ihm mitgegründete AKP allerdings am Sonntag ein Wahlergebnis einfahren, das ihr eine Verfassungsänderung ermöglicht – was bei einem Einzug der HDP ins Parlament kaum realistisch wäre.

Erdoğan kommt aus dem Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpasa und lernte dort, sich durchzuboxen. Er kickte auf dem Fußballplatz und spielte in der Amateurliga. Sein politischer Aufstieg erfolgte gegen massiven Widerstand vor allem des Militärs, das sich als Hüter des Erbes von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk sieht – und das von Erdogan inzwischen weitgehend entmachtet wurde. Seit Erdoğan die AKP 2002 an die Macht führte, hat er keine Wahl verloren. Im vergangenen August ließ er sich vom Volk zum Präsidenten wählen, in einem Präsidialsystem könnte er seine Macht noch ausweiten. Schon jetzt ist niemand in der Türkei so mächtig wie er – und niemand so umstritten.

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