Türkische Mega-Hochzeiten: Schon in jungen Jahren wird die Basis für Familienschulden gelegt

Es sind rauschende Feste, meist mit hunderten Gästen. Der Start ins Eheleben ist für türkische Paare ein Großereignis. Doch die Kosten für eine solche Mega-Party steigen mittlerweile ins Unermessliche. Die Folge: Ein Mindestlohnempfänger verschuldet sich schon in jungen Jahren für den Rest seines Lebens.

Der Wirtschaftsexperte Dr. Ahmet Refii Dener warnt vor den Folgen einer überzogenen türkischen Hochzeitsfeier. Mit gut 20.000 Euro Durchschnittskosten und 300 bis 350 Gästen sind solche Feste für nicht wenige eine echte finanzielle Belastungsprobe. Dabei ist das nur das erste Familienfest in einer Reihe von weiteren.

„Heiraten ist ein türkisches Glücksspiel. Oder sagen wir besser die Hochzeitsfeier. Die Paare spekulieren darauf, dass sie so viele Geld- und Goldgeschenke bekommen, dass dadurch die Hochzeitskosten raus sind und evtl. noch einen Überschuss erzielt werdenkann“, schreibt Dener in einem aktuellen Blogbeitrag. Doch diese Rechnung geht nicht immer auf.

Rund 600.000 Paare haben dem Türkischen Statistik Institut (Türkstat) zufolge im Jahr 2013 den Bund fürs Leben geschlossen. 2014 sollen es gar 650.000 gewesen sein. Für die dazugehörigen Feiern setzt der Experte einen Durchschnittswert von 50.000 Türkische Lira, umgerechnet etwa 20.000 Euro, an. Somit gebe man in der Türkei jedes Jahr ca. 30 Mrd. TL zum Heiraten aus, rechnet der Fachmann vor.

Im Schnitt sind die türkischen Frauen bei ihrer Hochzeit 23,6 Jahre, ihre Ehegatten 26 Jahre alt. Und diese setzten in den Metropolen mittlerweile verstärkt auf weniger Gäste bei der Hochzeitsfeier, dafür aber auf eine zweite Party mit Freunden.

„Da die Großfamilie in der Regel auf eine Hochzeitsfeier besteht, zeigt sich die Ausweglosigkeit der Massen“ so Dener weiter. Er rechnet vor:

„Ein Mindestlohnempfänger, der unter 1.000 TL im Monat ausgezahlt bekommt, kann den Mittelwert an Kosten, nämlich die 50.000 TL niemals aufbringen. So werden schon zu Beginn des gemeinsamen Lebens der Basis zu den Familienschulden gelegt. Hat man sich davon erholt, wenn überhaupt, kommt der Beschneidungsfest der Söhne und man ist wieder da, wo man war.“

Die Haushaltslage vieler türkischer Familien ist desolat. In den vergangenen neun Jahren sind ihre Verbindlichkeiten um das 18-fache angestiegen. Ihr Gehalt hat sich im gleichen Zeitraum allerdings nur verdoppelt. Darauf hat ein Abgeordneter der türkischen Opposition bereits im Jahr 2012 hingewiesen (mehr hier).

Millionen türkische Haushalte droht die Eintreibung ihrer Schulden, warnte damals Sinan Aygun, ein Abgeordneter der türkischen Oppositionspartei CHP. Sinan Aygun, der auch etliche Jahre Leiter der Handelskammer in Ankara war, hatte dazu eine entsprechende Untersuchung vorgelegt.

„Die Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre zeigen, dass die Schulden der türkischen Familien wie ein Schneeball anwachsen”, so Aygun in einer Stellungnahme. Von einer niedrigeren Schuldenrate als sie etwa in einigen anderen europäischen Ländern herrsche, solle man sich jedoch nicht täuschen lassen. Die Türkei nähere sich hier Europa an. So habe die Verschuldung der türkischen Familien mittlerweile 50 Prozent des den Familien zur Verfügung stehenden Einkommens überstiegen und 45 Prozent der finanziellen Vermögenswerte.

Das Problem liegt für den CHP-Abgeordneten auf der Hand: Türkische Bürgerinnen und Bürger würden ihren Konsum über Schulden finanzieren (die Zahl der ungedeckten Schecks wächst derzeit dramatisch – mehr hier). Anschließend versuchten diese Schulden dann über neue Schulden tilgen. Gleichzeitig sinkt Ihr reales Einkommen jedoch. „Mehr als zwei Millionen laufen derzeit Gefahr, dass die Schuldeneintreiber aufgrund ihrer Schulden bei den Banken, tätig werden”, so Aygun weiter (dabei tun auch die türkischen Banken ihr Übriges, um ihre Kunden in die Schuldenfalle zu locken – mehr hier).

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