Leben auf Probe – wie Flüchtlinge um Arbeit in Deutschland kämpfen

Hunderttausende Flüchtlinge leben in Deutschland in Ungewissheit. Während die Politik auf höchster Ebene darüber diskutiert, wie mit ihren umzugehen ist, wollen viele einfach nur arbeiten. Schicksale von Menschen zwischen Demut und Zorn.

Das Damoklesschwert einer eventuellen Abschiebung führt dazu, dass Unternehmen meist davor zurückschrecken, Flüchtlinge auszubilden oder zu beschäftigen. (Foto: Flickr/ intruder alert! call security! by [AndreasS] CC BY 2.0)

Das Damoklesschwert einer eventuellen Abschiebung führt dazu, dass Unternehmen meist davor zurückschrecken, Flüchtlinge auszubilden oder zu beschäftigen. (Foto: Flickr/ intruder alert! call security! by [AndreasS] CC BY 2.0)

Als die Kugeln die Fenster zertrümmerten und im Zimmer einschlugen, drückte ihn sein Vater auf den Boden. Da war er fünf Jahre alt. Vater und Sohn überlebten. Heute ist Veaceslav 27, doch das traumatische Erlebnis aus dem Moldawienkrieg Anfang der 90er Jahre wirkt nach. Die Bedingungen zur Verarbeitung sind ungünstig. Über seinen Vater daheim macht sich Veaceslav Sorgen. Er werde in Moldawien bedroht. Der Sohn ist 1500 Kilometer entfernt in Berlin und weiß nicht, ob und wie es für ihn in Deutschland weitergeht.

Veaceslav ist einer von Hunderttausenden Flüchtlingen, die eine reguläre Ausbildung oder Arbeit in Deutschland anstreben – aber riesige Hürden zu überwinden haben.

Veaceslav hat seinen Schnupperkurs im Maler- und Lackiererhandwerk unterbrochen, um seine Geschichte zu erzählen. Er hat volle, weiche Gesichtszüge und spricht so leise, dass man nah an ihn heranrücken muss, um ihn zu verstehen. Er ist der einzige Osteuropäer in dem Kurs in einer mehr als 100 Jahre alten ehemaligen Fabrik für Rohrpostanlagen nahe der Stadtautobahn. Die anderen jungen Männer kommen etwa aus Nigeria, Mali oder dem Libanon. Jeder hier hat eine Übungswand zum Bemalen. Ein Meister in weißem Kittel gibt freundlich, aber bestimmt Anweisungen.

Mit feinen Strichen hat Veaceslav eckige Umrisse gezeichnet, sie stehen für einzelne Länder. Deutschland sieht aus wie ein dickes, einladendes Schiff. Als nächstes kommen Farben dazu. «Es soll biergelb werden», sagt Veaceslav. Was hat der junge Mann für Pläne? Seine Zeit in Deutschland ist bisher ein Leben auf Probe. Sein Asylantrag wurde in erster Instanz abgelehnt – aber er hofft, doch noch Asyl zu bekommen oder auf anderer Grundlage bleiben zu dürfen.

Deutsch hat Veaceslav schon in der Schule gelernt. Das ist – anders als bei vielen anderen Flüchtlingen – nicht das Problem. Das von der Handwerkskammer mitbetriebene Projekt zum Kennenlernen verschiedener Berufe hat ihn beeindruckt, auch ein Kurs für Maschinenbau. Betriebe gäbe es genug, die junge Flüchtlinge mit Fähigkeiten ausbilden möchten. Und Veaceslav möchte gern arbeiten – auch wegen der dunklen Schatten der Vergangenheit und seiner Sorgen um die Familie. «Wenn ich arbeite, denke ich darüber nicht nach», sagt er. «Wenn ich darüber nachdenke, werde ich verrückt.»

Die Lage von Veaceslav ist so ungewiss wie bei vielen anderen. Die Bundesagentur für Arbeit erwartet in diesem Jahr 350 000 Flüchtlinge auf Jobsuche. Insgesamt rechnen die Behörden mit 450 000 Asylanträgen. Die Politik hat das Arbeitsverbot zwar von neun auf drei Monate verkürzt. Die Wirtschaft verlangt aber mehr Klarheit.

«Das Damoklesschwert einer eventuellen Abschiebung führt dazu, dass Unternehmen meist davor zurückschrecken, Flüchtlinge auszubilden oder zu beschäftigen», sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Eric Schweitzer. Asylbewerber mit Bleibeperspektive und Geduldete in Ausbildung sollten auf jeden Fall auch abschließen dürfen. Das solle auch für eine anschließende Beschäftigung gelten, verlangt er. Jobperspektiven für Flüchtlinge sind eines der Hauptthemen eines Spitzentreffens der Länder mit Kanzlerin Angela Merkel an diesem Donnerstag.

Khalid Habib Gibreil Habib hat seinen Traumjob schon so gut wie in der Tasche – und lebt trotzdem in ständiger Unsicherheit. Der 51-jährige Sudanese arbeitet seit kurzem als Pflegehelfer. Gerade kommt er von der Arbeit in einer mit roten Teppichen und gediegenen Möbeln ausgestatteten Pflege-Wohngemeinschaft. Er kommt gut an dort, seine Probezeit hat sein Chef bereits verkürzt.

Nun sitzt Habib im Schatten eines Baumes und erzählt seine Geschichte: «Schon im Juni 2012 hat mein Asylverfahren angefangen, noch immer ist es nicht abgeschlossen.» Wann es so weit ist, weiß er nicht. Mehrere Jahre arbeitete er zuvor in der sudanesischen Botschaft, mitverantwortlich für Organisation, Verwaltung, Transport. «Dann wurde ich plötzlich auf die Straße gesetzt, ohne Rechte, ohne Bezahlung.» Er klagte.

«Doch das Gericht konnte nichts machen», sagt Habib. Seine Stimme bekommt etwas Bitteres. «Im Sudan verletzt das Regime die Menschenrechte, und hier genießen diese Leute diplomatische Immunität.» Zurück könne er nicht, sagt Habib und blickt ins Leere. «Bei uns werden Menschen verhaftet, getötet, gefoltert. Man klagt bei uns nicht gegen eine Behörde wie die Botschaft.»

Er wirkt gedämpft, gedrückt. Er hat Bescheinigungen dabei, Bewerbungsschreiben, Lebenslauf – am Liebsten möchte er die ganzen Scherereien hinter sich lassen. Die Arbeit mit den Senioren beschreibt er als Lichtblick. «Ich möchte den alten Menschen helfen», sagt Habib, «sie sind sehr nett zu mir und freundlich.»

Nicht alle Flüchtlinge auf Jobsuche haben so eine abwartende, fast demütige Haltung. Besuch bei Ali Nazari. Der Iraner – anerkannter Asylant – sitzt in einem hellgrauen Anzug auf dem Sofa in seiner kleinen, einfach, aber elegant eingerichteten Wohnung in einem Ostberliner Plattenbauviertel und redet sich in Rage. «Ich bewerbe mich jeden Tag, ich weiß schon nicht mehr, was ich machen soll.» Nazari nimmt einen Stapel mit Weiterbildungsangeboten, Firmenadressen, Uni-Broschüren und wirft ihn auf den Tisch. Die ganze Zeit bemühe er sich, doch niemand wolle ihn bisher haben.

Seine Frau hat exzellent gewürztes persisches Essen gemacht, einer seiner zwei Söhne kommt gerade von der Schule und setzt sich dazu. Nazari erzählt, wie er als Manager im Staatsauftrag im Iran an wichtigen Entscheidungen über Bauprojekte beteiligt war, dann aber ausgebootet worden ist, nachdem der Radikalfundamentalist Mahmud Ahmadinedschad Präsident wurde. «Ich war nie religiös», sagt er. Dem Regime war er ein Dorn im Auge – seine Lage wurde immer ungemütlicher.

«Plötzlich musste es ganz schnell gehen, wir mussten quasi über Nacht weg und alles zurücklassen.» Im Iran hatten sie ein 200-Quadratmeter-Haus. In Deutschland kam die Familie für ein halbes Jahr in ein Erstaufnahmelager, dann in ein Wohnheim für Asylbewerber, wo Eltern und Kinder in zwei verschiedenen Zimmer unterkamen. Gekocht wurde in einer Gemeinschaftsküche, so die dpa.

Eine Wohnung hat die Familie jetzt zwar, aber Nazari brennt darauf, endlich wieder zu arbeiten. «Deutschland wartet auf Zertifikate», stöhnt er. Zuletzt habe ihn zum Beispiel ein Arbeitgeber abgelehnt, weil er keine Bescheinigung für das Programm SAP habe. «Ich habe gesagt, ich kann mir das selbst schnell beibringen», sagt Nazari, «aber das zählt nicht.»

Am Wichtigsten für den Zugang zum Jobmarkt ist erst einmal die deutsche Sprache. Entsprechende Kurse gibt es überall in Deutschland, aber laut Experten viel zu wenige.

Mohammed steht an der Tafel in einem Deutschkurs. Zehn junge Frauen und vier Männer aus einem Dutzend verschiedener Nationen sitzen im Neonlicht an grauen Tischen. Sie wirken überwiegend konzentriert, wissbegierig, aber auch abgeklärt. Sie wirken, als hätten sie schon einiges gesehen. Langsam schreibt Mohammed deutsche Wörter an die Tafel, die anderen sehen zu. Der richtige Name des 28-jährigen Ägypters darf nicht genannt werden, denn er fürchtet eine Abschiebung und den ägyptischen Geheimdienst.

«Ich habe einen Bachelor-Abschluss für Tourismus», sagte Mohammed auf Englisch, «in Deutschland kann ich mich aber derzeit höchstens mit Gelegenheitsjobs in Hotels durchschlagen.» Der Kurs soll ihn binnen sechs Monaten so weit bringen, dass er eine Sprachprüfung für Fortgeschrittene ablegen kann.

Jetzt soll Bewegung in die Gruppe kommen. Die Lehrerin, Jana Maatouk, hat Kärtchen verteilt, jeweils zwei mit gleichem Motiv. Anhand der Bilder soll sich die Gruppe in Paare aufteilen. Diese sollen diskutieren: «Pauschal- oder Individualreise – was sind Vor- und Nachteile?» Doch die Teilnehmer scheinen träge. Die Paare wollen nicht recht zusammenfinden. Maatouk macht Druck: «Verlieren Sie nicht zuviel Zeit, um Ihren Partner zu finden!»

Dann haben alle jemanden gefunden, um die Aufgabe zu diskutieren. Leises Gemurmel herrscht im Raum, die Lehrerin hat ein bisschen Zeit. «Viele Teilnehmer stammen aus autoritären Systemen», sagt Maatouk, «da sind sie nur Frontalunterricht gewohnt.» Deshalb täten sich solche Kurse am Anfang mit Gruppenarbeit schwer. Und viele Teilnehmer, die vom Jobcenter hergeschickt werden, würden meinen, sie könnten schon ausreichend Deutsch – und seien daher oft lustlos.

Nach einigen Minuten ruft Maatouk in den Raum. Die Gruppenarbeit ist beendet. Die Schüler wenden sich wieder der Lehrerin zu, und Maatouk fragt eine Syrerin: «Was ist der Vorteil einer Pauschalreise?» Zögerlich antwortet die Schülerin: «Ein Vorteil ist mehr Freiheit.» Die Lehrerin fordert: «Machen Sie das nochmal im ganzen Satz, bitte.» Die Syrerin richtet sich im Stuhl auf und sagt langsam, aber etwas lauter: «Ein Vorteil ist, dass man mehr Freiheit hat.»

Zurück im Maler-Schnupperkurs. Veaceslav zeichnet mit Lineal und Bleistift die Fantasie-Umrisse weiterer Länder auf seine Prüfungswand. Zwei Meter weiter hat Nasir einen langen Pinsel in rote Farbe getunkt. In Libyen hatte der Mann aus Nigeria bei einer großen Baufirma gearbeitet, bis er im Bürgerkrieg 2011 wie Hunderttausende andere Gastarbeiter fliehen musste.

Nasir schaffte es in einem Boot nach Lampedusa. «Seitdem ich in Europa bin, durfte ich noch nicht arbeiten.» Zu den Kursen der Handwerkskammer kommt er jeden Tag pünktlich – trotzdem fürchtet er, bald nach Italien abgeschoben zu werden und sich dort vielleicht als Ramschverkäufer an irgendeinem Touristenstrand durchboxen zu müssen. «Wir sind nicht gekommen, um Drogen zu verkaufen oder so etwas», beteuert Nasir, «ich will nur arbeiten.»

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