«Gewalt macht keine Pause» – Der Fastenmonat Ramadan im Bürgerkrieg

Er ist heilig und ein gesellschaftlicher Höhepunkt für alle Muslime: Im Ramadan geht es für Millionen Menschen in der arabischen Welt aber nicht nur ums Fasten, sondern auch um den Überlebenskampf im Krieg.

Durch das Tal der syrischen Stadt Idlib hallte früher der Knall von Kanonenschüssen als Zeichen, dass die Sonne vollständig hinter dem Horizont verschwunden war. Das ist der Moment, in dem während des Fastenmonats Ramadan endlich wieder gegessen und getrunken werden darf. Die Kanonenschüsse waren Tradition – vor dem verheerenden Bürgerkrieg.

Heute erfüllt Kampflärm die Luft in Idlib und der Umgebung, wie Videos aus dem Kampfgebiet zeigen: «Wir machen manchmal Witze darüber, wenn wir Abends die Bomben hören, und uns die Kämpfer der Milizen sagen, es sei Essenszeit», sagt Aktivist Ajad Korien. Für viele Muslime in der arabischen Welt beginnt am Donnerstag der erste Fastentag des Ramadan – Millionen müssen den bedeutenden Festmonat inmitten von Gewalt und Blutvergießen verbringen.

Nicht nur in weiten Teilen Syriens tobt der Bürgerkrieg. Auch im Irak, in Libyen und im Jemen wird gekämpft – Schätzungen zufolge leben mehr als 80 Millionen Menschen in arabischen Staaten, in denen Kriegszustände herrschen.

Ajad Korien sagt, die Zustände in Idlib und der gleichnamigen nordwestlichen Provinz – umkämpft zwischen Islamisten und Regimetruppen von Machthaber Baschar al-Assad – überschatteten den Ramadan schon seit Jahren. Mehr als 220 000 Menschen sind seit 2011 den UN zufolge in Syrien gestorben, Millionen geflüchtet.

Dabei ist der heilige Monat für die Muslime nicht nur religiöser Fixpunkt, sondern auch das gesellschaftliche Ereignis des Jahres. Familien und Freunde kommen zusammen, schmücken ihre Häuser und machen sich nach Sonnenuntergang beim Fastenbrechen über ein oft üppiges Festmahl her.

Normalerweise. Denn viele Menschen in den Kampfgebieten hätten ihren Enthusiasmus für den Ramadan weitgehend verloren, erklärt Korien. In Syrien habe der Krieg Familien auseinandergerissen: «Heute sind die meisten unserer Verwandten in andere Länder gegangen, um der Gewalt zu entfliehen», sagt Mohammed Abdallah, der in der Hauptstadt Damaskus lebt.

Während es in Idlib aber wenigstens genug Lebensmittel gibt, die aus der Türkei importiert werden, ist der Nachschub in Damaskus teilweise knapp. Vor dem Bürgerkrieg, erzählt Abdallah, seien die Viertel der Millionenstadt während des Fastenmonats mit Menschen überfüllt gewesen. Die Süßigkeitenläden hätten Tag und Nacht gearbeitet, um dem Ansturm gerecht zu werden.

Heute würde man mit Glück eine einzige offene Gebäckstube finden. Viele Menschen hätten aber schon Angst davor, sich in die Schlange auf der Straße einzureihen. In der Vergangenheit seien mehrfach wartende Menschen von Panzergranaten oder Luftangriffen getötet worden. «Obwohl Ramadan ein Monat des Friedens und Betens ist, obwohl die Syrer fasten, erleben sie keinen Frieden», sagt Abdallah.

Auch im Jemen können die Menschen nicht mit einem schnellen Frieden rechnen. UN-Gespräche laufen zwar, die Verständigung auf eine erneute Feuerpause zwischen Huthi-Rebellen und Anhängern der Regierung wäre aber schon ein großer Erfolg. Im Irak gehen die Kämpfe der Regierung gegen den IS ebenso weiter wie das Chaos in Libyen, das von einer Lösung meilenweit entfernt ist.

Und auch während der Sommerhitze des diesjährigen Ramadan wird die Gewalt weitergehen, erklärt ein ehemaliger General der syrischen Armee der dpa. «Die Befehlshaber entscheiden sich manchmal dafür, zu dieser Zeit Angriffe einzuleiten, weil sie glauben, die feindlichen Kämpfer könnten durch das Fasten geschwächt sein.»

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zählte während vergangener Fastenmonate ebenfalls nicht weniger Opfer als sonst. Die heilige Zeit wird für den Krieg benutzt, um Geländegewinne zu erzielen. Leiter Rami Abdel Rahman resümiert: «Die Gewalt von beiden Seiten macht keine Pause».

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