Kampf gegen IS: Suche nach „Impfstoff“ gegen Terror-Propaganda im Netz

Jugend im Visier des Extremismus: Im Netz verbreiten Islamisten ihre Gewalt-Botschaft und werben neue Anhänger. Experten suchen nach einem Mittel gegen die Propaganda - und das liegt vielleicht eher offline als online.

Jugendliche in einem Promo-Video des Dschihads (Screenshot Youtube).

Jugendliche in einem Promo-Video des Dschihads (Screenshot Youtube).

Die professionellen Videoclips sind ein wichtiger Teil der Inszenierung des Grauens, mit der die Terrormiliz Islamischer Staat ihre Botschaft verbreitet. In Hollywood-Manier produzierte Videos zeigen nicht nur «Heldentaten» der Mudschaheddin, der «Heiligen Krieger», sondern auch vermeintliche Kriegsromantik. Und immer wieder völlig entgrenzte Gewalttaten: IS-Extremisten schneiden Gefangenen die Kehlen durch oder zünden sie bei lebendigem Leib an.

Das Internet verschaffe Extremisten einen «Lautsprecher der Gewalt», warnt Unesco-Generalsekretärin Irina Bokowa. Eine Konferenz der Kulturorganisation der Vereinten Nationen sucht seit Dienstag in Paris nach einem Impfstoff gegen die Hass-Propaganda im Netz. Denn Tausende junge Männer aus dem Westen sind dem Ruf der Extremisten, die im Irak und Syrien große Gebiete beherrschen, bereits gefolgt.

Der IS hat seine Propaganda gezielt auf diese potenziellen Unterstützer ausgerichtet, so die dpa. Die Videos seien eine Mischung aus radikal-religiösen Inhalten und einer Bildsprache, die sich an Videospielen und populären TV-Serien orientiert, sagt der französische Arabist Gilles Kepel. «Das ist fast wie die Marken-Strategie eines Unternehmens», resümiert der indische Schriftsteller und Politiker Shashi Tharoor.

Im Kriegsgebiet erwartet die Jugendlichen dann eine brutale Realität. Viele der Extremisten aus dem Westen sind für die Kämpfe ungeeignet, da sie keine militärische Erfahrung besitzen. Deshalb hat der IS für sie eine andere Aufgabe: Zu den Selbstmordattentätern, die die Terrormiliz in Scharen auf ihre Feinde hetzt, gehören besonders oft Kämpfer aus dem Westen.

Frankreich setzt nun darauf, diese Realität möglichst noch vor der Abreise in die Köpfe der Jugendlichen zu bringen: In einem Video, das ebenso schnell geschnitten und mit Musik unterlegt ist wie manche Islamisten-Videos, sollen die Versprechungen der Extremisten gekontert werden. «Gegen-Diskurse» nennen Experten diese Vorgehensweise – und Paris hat bereits angekündigt, weiter in diese Richtung zu arbeiten. Ein Unesco-Papier setzt auch auf Medienkompetenz und positive Kampagnen in den sozialen Medien, zum Beispiel für den Schutz von Kulturgütern im IS-Gebiet.

Doch im Netz allein sei es nicht getan, meint Ahmad Alhendawi, UN-Sondergesandter für die Jugend. «Wenn wir die Schlacht gegen dschihadistischen Extremismus online gewinnen wollen, müssen wir auch offline arbeiten.» Das Internet sei eher ein Verstärker der Radikalisierung als ihr Grund, sagt auch Hugues Mingarelli, beim Europäischen Auswärtigen Dienst für Nordafrika und den Nahen Osten verantwortlich – der liege eher in den Lebensumständen der Jugendlichen.

Auffällig ist, dass viele der radikalisierten Jugendlichen aus dem Westen in ihrem Leben schwere Brüche erlebt haben: Tod der Eltern, zerstörte Familien oder ein Schulabbruch etwa. «Die Väter sind in der Regel verschwunden», sagt Professor Kepel. Viele haben kriminelle Karrieren hinter sich.

Sehr oft kommen sie zudem aus Familien, in denen Religion keine oder kaum eine Rolle spielt. Weil ihnen das religiöse Wissen fehlt, sind sie leichte Opfer von Hasspredigern. Im radikalen Islam suchen die Jugendlichen Halt und Gemeinschaft. «Was passiert (…) ist eine Suche nach Aufregung, Abenteuer, Sendungsbewusstsein», sagt die britische Bildungsexpertin Lynn Davies, die Aussteiger interviewt hat. «In einfach zu erzählen, andere zu respektieren und in Harmonie zuu leben, bringt nichts.»

Auch Unesco-Chefin Bokowa appellierte, beim Kampf gegen die Radikalisierung die tieferliegenden Faktoren anzugehen, zum Beispiel im Bildungssystem. Francisco Legaz, der in Belgien mit Kindern gearbeitet hat, die von Dschihadisten angeworben wurden, sagte es so: Man dürfe den Terror nicht nur mit Militärs und Polizisten bekämpfen – sonder auch mit der Sozialpolitik.

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