Erdoğans Anti-Imperialismus beunruhigt Europa

Das US-Journal Foreign Affairs berichtet, dass Erdoğans „Anti-Imperialismus“ ein Problem für den Westen darstelle. Insbesondere Europa störe dies, weil Erdoğan die alten kolonialen Grenzen im Nahen Osten aufbrechen wolle. Doch die eigentliche Herausforderung sei, dass die Türken im charakterlichen Kern „anti-imperialistisch“ sind.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan symbolisiert den Aufbruch der „neuen“ Türkei. (Screenshot YouTube)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan symbolisiert den Aufbruch der „neuen“ Türkei. (Screenshot YouTube)

Die westlichen Aufteilungspläne der Türkei nach dem Vertrag von Sèvres. So sollte die Türkei nach Wunsch des Westens im Jahr 1920 aussehen. (Screenshot)

Die westlichen Aufteilungspläne der Türkei nach dem Vertrag von Sèvres. So sollte die Türkei nach Wunsch des Westens im Jahr 1920 aussehen. (Screenshot)

Das US-Journal Foreign Affairs, welches vom Council on Foreign Relations, herausgegeben wird, berichtet in einem Artikel, dass die „anti-imperialistische“ Außenpolitik des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan ein wirkliches Problem für den Westen im Nahen Osten darstelle.

Dazu gebe es verschiedene Erklärungsansätze:

Einige konzentrieren sich auf ideologische Faktoren, welche einzigartig für die AKP sind – also Islamismus, verschiedene Verkörperungen des Neo-Osmanismus und die wissenschaftlichen Theorien von Davutoğlu. Andere beziehen sich auf pragmatische Faktoren, die die Kontinuität des gesamten politischen Spektrums darstellen – also die wachsende Wirtschaft, Machtwachstum und das Gefühl von Sicherheit und Selbstvertrauen im weiteren Sinne vor. Aber es gibt auch eine tiefere Quelle der historischen Kontinuität hinter der türkischen Regionalpolitik: der Einfluss des langjährigen Anti-Imperialismus des Landes, in der Weise wie es die arabische Welt sieht.“

Bei den jüngsten Feierlichkeiten zum Jahrestag der Schlacht von Gallipoli wurde erneut darauf hingewiesen, dass die moderne Türkei aus einem Kampf gegen die europäischen Kolonialmächte, die damit drohten das Osmanische Reich zu „verschlingen“, geboren wurde. Dazu wurde ein kurzes Video herausgegeben, das keinen Zweifel daran lässt – hier zum Video.

Der spätere türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und seine türkischen Offiziere verstanden es, die europäischen Aggressoren zu vertreiben, und die Türkei zu befreien. Dieser hat die Türkei zwar modernisiert und den Staat am Leben erhalten, doch er stand den Europäern Zeit seines Lebens distanziert gegenüber.

In diesem Zusammenhang kommt Erdoğan ins Spiel, der weiß, dass die alte Ordnung im Nahen Osten, die hauptsächlich von den Briten und Franzosen geschaffen wurde, nicht aufrecht erhalten werden kann und darf. Das jene Ordnung im Zerfall ist, hat die Obama-Denkfabrik bereits im Jahr 2008 in einem Bericht mit dem Titel „Restoring U.S.–Turkish Relations to Meet 21st Century Challenges“ umschrieben. In dem Bericht wird offen gesagt, dass im Nahen Osten neue Grenzen gezogen werden müssen.

Das schafft eine besonders brisante Situation: Während die Europäer an den alten Grenzen im Nahen Osten festhalten wollen, sind die Türkei und die USA gegen die alte Ordnung.

Die Herausforderung für Washington und Ankara werde sein, ihre gemeinsamen Interessen und Werte im Nahen Osten voranbringen, auch wenn einige ihrer Ansichten über die Region kann abweichen, so Foreign Affairs.

Ein wesentlicher Unterschied sei beispielsweise, dass Lawrence von Arabien in der Türkei verhasst ist. Im vergangenen Jahr hatte Erdoğan Lawrence von Arabien als stellvertretenden Urheber allen Übels im Nahen Osten umschrieben. Tatsächlich spielte er bei der Aufwiegelung einiger weniger arabischer Stämme gegen das Osmanische Reich die führende Rolle. In Washington sorgte dies für Erstaunen, weil die US-Amerikaner den Charakter der Türken, der im Kern anti-imperialistischen ist, nicht verstanden haben.

An der Stelle dürfte es vielleicht helfen, wenn sich all jene Organisationen und Strömungen, die als anti-türkisch einzustufen sind, mit „Köroğlu“, einer Gestalt aus der türkisch-islamischen Volksliteratur, auseinandersetzen. „Köroğlu“ repräsentiert die Türken.

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