„Little America“: Zehn Prozent der Türken besitzen eine Waffe

Rund 3000 Menschen sterben in der Türkei Jahr für Jahr durch Schusswaffen. Bis zu 5,5 Millionen nicht- regstrierte Waffen sollen sich im Umlauf befinden. Von Statistiken wie in den USA mag die Türkei zwar noch weit entfernt sein. Doch auch hier geht die Tendenz zum Waffenbesitz steil nach oben. Kritiker appellieren seit Jahren an die Regierung - bislang ohne Erfolg.

Das Attentat von Charleston erschüttert derzeit die Weltöffentlichkeit. Dabei ist es nur die Spitze des Eisberges. Rund 33.000 Menschen sollen in den USA Jahr für Jahr durch Waffengewalt ums Leben kommen. Versuche, den Waffenbesitz stärker einzuschränken und zu kontrollieren, scheiterten bislang. Präsident Barack Obama kritisierte nun erneut die zu laxen Waffengesetze seines Landes. Die USA müssten sich ernsthaft damit auseinandersetzen, dass „diese Form der massenhaften Gewalt in anderen entwickelten Ländern nicht vorkommt“. Doch ist es andernorts tatsächlich sicherer? Offenbar nicht.

„Es ist leicht, die USA als Spezialfall zu betrachten – was es auch ist – wir schließen daraus, dass die Dinge in der übrigen Welt besser laufen“, so Joost Lagendijk in einem Beitrag für die türkische Nachrichtenagentur Cihan. „Im Falle der Türkei wäre das jedoch eine gefährliche Illussion.“ Seiner Ansicht nach sei es kein Zufall, dass die Türkei, wenn es um Waffen gehe, oftmals als „Little America“ bezeichnet werde.

Die Statistiken zum Thema seien zwar mit denen der USA nicht vergleichbar, so der Autor. Dennoch sind sie alarmierend. Demnach sterben jedes Jahr 3000 Menschen in der Folge von Schüssen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Anzahl der lizenzierten und nicht-lizenzierten Waffen verzehnfacht. Die Zahl der registrierten Waffen liegt bei rund 2,5 Millionen. Die Zahl der nicht-registrierten bei schätzungsweise 5,5 Millionen. Das bedeute, dass zehn Prozent der türkischen Bevölkerung eine Schusswaffe besitze, heißt es weiter. Darüber hinaus werde die Zahl der Personen mit Zugang zu einer Waffe innerhalb ihrer Familie auf gut 40 Millionen geschätzt.

Lagendijk bezieht sich eigenen Angaben zufolge dabei auf Zahlen der Umut Foundation. Deren Gründerin und Vorsitzende,  Nazire Dedeman Çağatay, wandte sich bereits 2012 mit einem offenen Brief an den damaligen Premier Erdoğan und forderte eine Verschärfung des türkischen Waffengesetzes  (mehr hier). Wie prekär die Lage ist, erklärte auch die Koordinatorin der Stiftung Berna Çapçıoğlu Pehlivan. „Keine Überwachung, keine Aufzeichnung, keine Zertifizierung oder Ausbildung, nichts davon haben wir in der Türkei. Das ist eine tickende Zeitbombe. Wir warten nur darauf, dass diese detoniert“, so Pehlivan (mehr hier).

Ähnlich wie in den USA, so sieht auch der türkische Waffensektor die Sache ganz anders.  So beteuert etwa Veysi İleri, Vorsitzender der hiesigen Vereinigung der Waffenhersteller und Verkäufer, dass es ganz und gar nicht einfach sei in der Türkei einen Waffenschein zu erwerben. Letztlich argumentiert aber auch er ähnlich tumb, wie seine US-amerikanischen „Kollegen“: „Die Welt ist nicht immer friedlich, jederzeit könnte ein Krieg ausbrechen. Und es gibt Situationen, in denen man sich selbst verteidigen muss.“ Seiner Ansicht nach könne man die Türkei nicht mit den USA vergleichen. Für Waffennarren seien die Vereinigten Staaten in der Tat der Himmel auf Erden. „In der Türkei muss man physische und psychiologische Tests durchlaufen bevor man einen Waffenschein ausgehändigt bekommt“, zitierte ihn damals die türkische Zeitung Hürriyet.

In Anbetracht der jüngsten Ereignisse in den USA startete Tanzer Gezer von der Umut Foundation ein neuerliches Appell, Waffenbesitz aus Gründen der Sicherheit, Tradition und Hobby nicht zu akzeptieren.

„Waffen gefährden, selbst wenn sie nur zu hause aufbewahrt werden, das Menschenleben. Der Anstieg der Kriminalitätsrate, Kriegszenen in den Medien und blutige Gewaltvorfälle machen die Menschen glauben, dass sie in einer unsicheren Welt leben und Waffen besitzen müssen. Aber die richtige Reaktion auf das Gefühl der Unsicherheit sollte es sein, die Sicherheit des Staates zu verlangen. Wir sollten alle das Recht der Menschen auf Leben verteidigen.

Ähnlich sieht das auch der Autor. Zwar fürchtet er, dass die türkische Politik so kurz nach den Parlamentswahlen andere Dinge auf der Agenda habe. Doch kein türkische Politiker sollten diesen Trend als unvermeidlich und unaufhaltsam akzeptieren. Es könne zwar sein, dass die USA nichts aus Charleston lernen würden. Doch sollte es in der Türkei etwa genauso sein?

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