Für ein paar Tausend Dollar: Die junge Malak war eine Sklavin des IS

Der IS hat Tausende jesidische Frauen in seiner Gewalt. Die Opfer werden verkauft, misshandelt und missbraucht. Malak aus dem Nordirak kam nach neun Monaten wieder frei. Doch ihr Leiden geht weiter.

In der radikalen IS-Lesart des Islam sind die Jesiden «Ungläubige» und «Teufelsanbeter». (Foto: Flickr/ head scarf by Bonnie CC BY 2.0)

In der radikalen IS-Lesart des Islam sind die Jesiden «Ungläubige» und «Teufelsanbeter». (Foto: Flickr/ head scarf by Bonnie CC BY 2.0)

Sie sind an diesem Tag zu spät dran, ein Fehler, den sie bitter bezahlen sollten. Als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im vergangenen August die Dörfer der Jesiden im Norden des Iraks überrennt, fliehen die Menschen in Panik. Wer rechtzeitig aufbricht, schafft es ins Sindschar-Gebirge, ein karger, aber recht sicherer Höhenzug. Auch Malak und ihre vier Geschwister wollen dorthin, sie packen nur das Allernötigste zusammen und schaffen es noch bis zum Fuß des Gebirges. Dann tauchen plötzlich IS-Kämpfer auf.

Es fällt Malak schwer, über diesen Tag und die Monate danach zu sprechen. Sie ist ein tapfere junge Frau Mitte zwanzig, runde Wangen, dichte Augenbrauen, feste Stimme. Sie trägt ein langes Kleid und hat sich ein Tuch über den Kopf gebunden. Ihren richtigen Namen und auch Fotos von ihrem Gesicht möchte sie nicht veröffentlicht sehen. Die Angst vor den Häschern des IS verfolgt sie noch immer.

Die Extremisten bringen die Geschwister an diesem Tag vor fast einem Jahr in ihre Gewalt. Einem Bruder gelingt die Flucht, zwei andere werden festgenommen. Was mit den beiden danach passiert ist, ob sie tot sind oder noch leben, weiß Malak nicht.

Im Norden des Iraks spielt sich in diesen August-Wochen ein Drama ab, das die Jesiden heute einen «Völkermord» nennen. Wie Malak und ihre Geschwister geraten tausende Angehörige der religiösen Minderheit in die Hände des IS. Die meisten Männer werden wohl getötet. Frauen und junge Mädchen bleiben in der Gewalt der Terrormiliz: misshandelt, missbraucht und für ein paar Tausend Dollar als Sklavinnen verkauft.

Malak und ihre Schwester landen nach einer Odysee durch mehrere Orte im Nordirak in der syrischen Stadt Al-Rakka, berüchtigte Hochburg der Extremisten. In einem Gebäude müssen sie sich aufstellen und präsentieren, wie Vieh, das auf einem Markt angeboten wird. Die Wächter, Araber aus verschiedenen Ländern, schlagen jede, die nicht spurt. Männer beschauen die Frauen und dürfen frei wählen. «Sie konnten sich nehmen, wen immer sie wollten», sagt Malak. «Es war ein Geschenk.» Um möglichst hässlich auszusehen, schmieren sich die Schwestern Sand ins Gesicht. Sie werden als letzte ausgewählt.

Als Malak das erzählt, sitzt ihre jüngere Schwester neben ihr, eine schmale Frau, die zerbrechlich wirkt. Sie hat den Kopf gesenkt, als stehe noch immer ein IS-Anhänger hinter ihr, der ihn nach unten drückt. Unaufhörlich bearbeitet sie die Fransen ihres Schals, dreht sie, knetet sie, zieht sie wieder gerade. Sie sagt fast nichts, und wenn, dann mit so schwacher Stimmen, dass sie kaum zu verstehen ist. Manchmal laufen ihr Tränen über die Wangen.

Die Schwestern werden weiter in den Westen des Landes verschleppt, in die Nähe der Stadt Homs. Malak «gehört» jetzt einem 60 Jahre alten Marokkaner, ihre Schwester gerät in die Gewalt eines Tschetschenen. Beide erzählen nur wenig über das, was in dieser Zeit passiert ist. Viele der versklavten jesidischen Frauen tragen nicht nur die traumatischen Erinnerungen mit sich, sondern fühlen sich auch schuldig, weil sie vergewaltigt worden sind, oft wieder und wieder.

«Fast alle Frauen haben sexuelle Gewalt erlebt», sagt der Psychologe Ilhan Kizilhan, Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Er hat mehr als 400 Jesidinnen interviewt, die befreit wurden und zur Behandlung nach Deuschland kommen. Insgesamt 1000 Frauen will Baden-Wüttemberg bis Ende des Jahres aufnehmen.

Die Opfer berichten von völlig entgrenzter Gewalt. So wie eine 17-Jährige, die während ihrer Gefangenschaft zwölf Mal «verheiratet», so das IS-Jargon, also verkauft wurde. Fast täglich fielen die Männer über sie her, einmal mehrere nacheinander, eine ganze Nacht lang. Die Opfer litten unter «post-traumatischen Belastungsstörungen», sagt Kizilzhan: «Sie haben Alpträume, werden ohnmächtig oder schlagen um sich.» Einige haben sich das Leben genommen.

In der radikalen IS-Lesart des Islam sind die Jesiden «Ungläubige» und «Teufelsanbeter». Mit dieser Ideologie erklärt Kizilhan die enthemmte Gewalt der Extremisten. «So etwas ist nur möglich, wenn vermeintliche Ungläubige nicht als Menschen betrachtet werden», sagt er. «Es findet eine Entmenschlichung statt. Dann kann man mit den Opfern machen, was man will, weil es kein Mitleid mehr gibt.»

Auch Malak hat das erleben müssen. Als sie es wagt, sich gegen die Schläge ihres Peinigers zu wehren, lässt dieser sie zusammen mit ihrer Schwester in einen dunklen Raum wegsperren. «Über Wochen haben wir kein Licht gesehen», erzählt Malak. Sie hatten nichts außer zwei Matratzen zum Schlafen. «Einmal durften wir uns 40 Tage lang nicht waschen.» Die Dunkelhaft endet erst, als der Markokaner stirbt.

Malak und ihre Schwester werden in die ostsyrische Stadt Dair as-Saur verkauft, so die dpa. Ihre neue Aufgabe: Haussklaven für ein Ehepaar mit kleinem Kind. Mit Hilfe von Menschenschmugglern gelingt ihnen von dort die Flucht zurück in den Nordirak, als die Familie an einem Tag außer Haus ist. Bezahlt werden die Helfer von wohlhabenden Jesiden. Auch die kurdische Autonomieregion im Nordirak kauft Frauen frei. Bis zu 10 000 Dollar pro Geisel soll sie dafür angeblich bezahlen. Nach mehr als neun Monaten endet das Martyrium der beiden Schwestern.

Das Leiden aber geht weiter. Jetzt leben die beiden in einem Flüchtlingslager in den kurdischen Autonomiegebieten. Sie haben keine Familie mehr, keine Heimat und keine Perspektive. Manchmal, erzählt Malak, habe sie Rachegedanken. Ihre Stimme wird brüchig, Tränen steigen in die Augen. «Aber selbst wenn ich alle Extremisten umbringen würde, könnte das den Tod meiner Brüder nicht aufwiegen.»

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