1400 Tote in Tunnel: Wie Mekka nach größter Massenpanik aufrüstete

Vor 25 Jahren starben bei einer Massenpanik in Mekka mehr als 1400 Menschen. Saudi-Arabien hat die riesige Pilgerfahrt inzwischen beispiellos durchorganisiert - auch mit Spezialisten aus Deutschland.

Bis 2006 konnten die Muslime auch an den Nadelöhren kreuz und quer laufen. Das führte dazu, dass zu viele Menschen einzelne Stellen verstopfen. (Foto: Flickr/ Holly Ka'ba by Camera Eye CC BY 2.0)

Bis 2006 konnten die Muslime auch an den Nadelöhren kreuz und quer laufen. Das führte dazu, dass zu viele Menschen einzelne Stellen verstopfen. (Foto: Flickr/ Holly Ka’ba by Camera Eye CC BY 2.0)

Auf ihrer Pilgerfahrt nach Mekka kommen Jahr für Jahr Millionen Muslime auf einer Fläche zusammen, die nur etwa doppelt so groß ist wie der alte Flughafen Berlin-Tempelhof. Im überschaubaren Tal von Mina übernachten die meisten von ihnen dicht an dicht. Das Gedränge der riesigen Wallfahrt forderte früher Jahr für Jahr Menschenleben. Am 2. Juli 1990 – vor 25 Jahren – kam es dann zur Katastrophe. Mehr als 1400 Menschen starben bei einer Massenpanik.

Komplett überfüllt war der Fußgängertunnel von Mekka nach Mina an diesem Sommertag, als es unruhig wurde unter den Pilgern. Ein Augenzeuge berichtete, über jeden Gestürzten seien «zahllose Füße hinweggetrampelt». Unter den Toten waren Hunderte Indonesier und Türken. Bis 2006 gab es die Unglücke immer wieder. Bis die Saudis sich entschieden aufzurüsten – und dabei auch auf Spezialisten aus Deutschland setzten.

«Das Problematische war, dass es dort früher keine Einbahnwege gab», erklärt Dirk Serwill, Verkehrsplaner der Ingenieurgruppe IVV aus Aachen. Serwill erstellte zusammen mit seinen saudischen Auftraggebern ein System, das auf einer einfachen Grundregel basiert: Die Wege der Pilger dürfen sich nicht kreuzen.

Bis 2006 konnten die Muslime auch an den Nadelöhren kreuz und quer laufen. Das führte dazu, dass zu viele Menschen einzelne Stellen verstopfen – und die Gefahr für eine Massenpanik stieg. «Das Paradoxe ist, dass wir den Platz sogar verkleinert haben», sagt Serwill. Der Pilgerstrom wurde kanalisiert, entstandene Freiflächen können im Notfall genutzt werden.

Wichtig ist außerdem das sogenannte «Scheduling». Die Planer in Mekka führen den vermutlich ausladendsten Zeitplan der Welt. Tausende Besuchergruppen werden zu einer genau festgelegten Zeit durch einzelne Abschnitte des mehrtägigen Hadsch geschleust. So soll Stau vermieden werden.

«Keinen einzigen Unfall» wegen Überfüllung habe es seit 2006 gegeben, sagt Salim al-Bosta, Abteilungsleiter im saudischen Ministerium für Städtebau und Dörfer. Al-Bosta ist für die Planung der Baumaßnahmen in Mekka zuständig. Etwa zehn Milliarden Dollar habe der Aufbau der komplett neuen Infrastruktur in den vergangenen Jahrzehnten gekostet.

Das wohl eindrucksvollste Beispiel für die Veränderungen ist die Dschamarat-Brücke. In vergangenen Tagen war die symbolische Steinigung des Teufels dort einer der gefährlichsten Momente für die Pilger. Die Muslime schmeißen dabei Steine auf Pfeiler, die in eine Brücke eingelassen sind. Sie sollen das Diabolische symbolisieren. Dichtes Gedränge, verirrte Kiesel und hektische Bewegungen endeten immer wieder in Massenpaniken mit vielen Toten.

Die Planer ließen die alte Brücke abreißen und bauten ein Monstrum, so die dpa: Auf fünf Etagen können die Gläubigen heute den Teufel steinigen, eine halbe Million Menschen kann pro Stunde drüberlaufen. Und wenn irgendwann einmal noch mehr Pilger kommen, wird einfach angebaut. «Diese Brücke ist erweiterbar nach oben», sagt Al-Bosta. Saudi-Arabien rechnet mit weiter steigenden Besucherzahlen. 2040 sollen bis zu sechs Millionen Menschen gleichzeitig Mekka besuchen können.

Zur nächsten großen Wallfahrt Ende September erwartet Saudi-Arabien etwa die Hälfte. Wenn die Muslime aus der ganzen Welt danach wieder abgereist sind, wird Dirk Serwill die Videoaufnahmen von jedem Teil der Pilgerroute analysieren. Das System werde laufend verbessert, Schwachstellen würden neu gestaltet. «Nach dem Hadsch ist vor dem Hadsch», meint er.

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