Nationales Trauma: London kann Anschläge von 2005 nicht vergessen

In Tunesien sterben bis zu 30 Briten im Kugelhagel eines islamistischen Attentäters. In London weckt das Erinnerungen an 2005. Damals lösten Anschläge auf die Londoner U-Bahn ein nationales Trauma aus.

7/7 in London wurde auch zum Symbol für enorme Tapferkeit und den Zusammenhalt der Menschen im oft anonym erscheinenden Großstadtdschungel London. (Foto: Flickr/ London, 7/7 by Richard CC BY 2.0)

7/7 in London wurde auch zum Symbol für enorme Tapferkeit und den Zusammenhalt der Menschen im oft anonym erscheinenden Großstadtdschungel London. (Foto: Flickr/ London, 7/7 by Richard CC BY 2.0)

Die Erinnerungstafel in der Londoner U-Bahn-Station Edgeware Road fällt heute kaum mehr auf. Sechs Namen stehen auf dem schwarzen Oval geschrieben. Namen von Menschen, die am 7. Juli 2005 in einem Zug der Circle Line nahe des Bahnhofes Opfer eines heimtückischen Selbstmordanschlages geworden waren. Es war einer von vier Angriffen islamistischer Terroristen an diesem Tag auf London.

Während Premierminister Tony Blair die Führung der industrialisierten Welt zum G8-Gipfel in Schottland versammelt hatte, starben ein paar Hundert Kilometer südlich in drei U-Bahn-Zügen und einem Doppeldeckerbus 52 Unschuldige und die vier Attentäter, aus Pakistan stammende Muslime mit britischem Pass im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Für die Briten ist und bleibt es der «Horror of 7/7», wie Labour-Politikerin Harriet Harman es kürzlich zusammenfasste – ein nationales Trauma.

«London wird sie nicht vergessen und all jene, die an diesem Tag leiden mussten», heißt es in der Inschrift weiter. Und tatsächlich: Die schrecklichen Ereignisse vom Juli 2005 haben sich in die DNA des Landes eingebrannt, fast so wie vier Jahre zuvor die Anschläge von 9/11 in die Seele der Vereinigten Staaten. Die Terrorangst ist auf der Insel und speziell in ihrer Hauptstadt allgegenwärtig, manchmal bis zur Grenze der Paranoia. In Londons Bahnhöfen gibt es heute keine Gepäckschließfächer mehr, im Regierungsviertel Westminster nicht einmal öffentliche Abfalleimer. Auf jeweils zehn Briten kommt eine Überwachungskamera. Als dieser Tage die Londoner Polizei eine Evakuierungsübung veranstaltet, ist das Thema in allen nationalen Medien.

Die Angst in London hat auch mit der U-Bahn zu tun. Das über 150 Jahre alte Netzwerk ist mit all seinen Schwächen, Unzulänglichkeiten und vor allem Unpünktlichkeiten die Lebensader der Stadt. Praktisch jeder Londoner fährt die steilen Rollentreppen hinab und drängt sich durch die engen Tunnel. Vier Millionen Fahrten werden pro Tag mit den Zügen der «Tube» absolviert. Die Enge in den verwinkelten Tunneln und Schächten machte es den vier Attentätern vergleichsweise leicht, die Überwachung dagegen schwer.

Und den Einsatz der Rettungskräfte. Ein Untersuchungsbericht, der zwei Jahre nach den Anschlägen bekanntwurde, listete haarsträubende Probleme auf. Wegen eines mangelnden Funknetzes mussten die Hilfskräfte Kuriere zur Kommunikation durch das Tunnelnetz schicken, Verbandskästen konnten nicht geöffnet werden, Notausgänge nicht benutzt werden. Angehörige der Opfer kritisierten die schleppende Bergung. Die Behörden belogen die Öffentlichkeit zunächst, täuschten einen Unfall vor, um Panik zu vermeiden.

Andererseits wurde 7/7 in London auch zum Symbol für enorme Tapferkeit und den Zusammenhalt der Menschen im oft anonym erscheinenden Großstadtdschungel London, so die dpa. Die Fernsehbilder einer blutverschmierten Frau gingen um die Welt, die jede Hilfe von Rettungskräften strikt ablehnte. «Anderen geht es schlechter», sagte sie. Viele Londoner packten an und halfen sich gegenseitig in der Not. Feuerwehrleute und Polizisten tauchten in die Rauchschwaden der U-Bahn-Röhren ein – in vollem Bewusstsein, dass jeden Moment die nächste Bombe explodieren kann.

Das Attentat in Tunesien, wo wohl 30 Briten im Kugelhagel eines islamistischen Attentäters starben, hat kurz vor dem 10. Jahrestag vielen Londonern die Ereignisse des Sommers 2005 wieder vor Augen geführt. Das inzwischen im Hyde-Park errichtete Mahnmal aus 52 Edelstahl-Stelen wurde zum Symbol für die Trauer. In einigen Tagen werden Londons Bürgermeister Boris Johnson und Premierminister David Cameron dort sprechen und sagen, dass sie im Kampf gegen den Terror niemals nachgeben werden. Jeff Porter, der damals im Führerhaus eines Gegenzuges im Bombentunnel saß, wird dann ein paar Tage an der See verbringen, wie er dem «Guardian» sagte. Er kann bis heute nicht an die Stelle des Unheils zurückkehren.

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