Coburger Rückert-Preis 2016 im Zeichen der türkischen Literatur

Der Coburger Rückert-Preis wandert durch die Regionen des Vorderen Orients, aus deren Sprachen der in Coburg ansässige Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (1788-1866) übersetzte. Nachdem die ersten drei Preisrunden für arabische bzw. persische Literatur vergeben wurden, ist der Coburger Rückert-Preis 2016 der türkischen Literatur in deutscher Übersetzung gewidmet. Der Preis wird am 31.01.2016, dem 150. Todestag Friedrich Rückerts, in Coburg festlich verliehen.

Auffällig in der türkischen Literatur ist der hohe Anteil an hochintelligenten Romanen und Gedichten von Frauen. (Foto: Flickr/ Reading a book at the beach by Simon Cocks CC BY 2.0)

Auffällig in der türkischen Literatur ist der hohe Anteil an hochintelligenten Romanen und Gedichten von Frauen. (Foto: Flickr/ Reading a book at the beach by Simon Cocks CC BY 2.0)

Auf der Shortlist zum Coburger Rückert-Preises 2016 stehen die neu entdeckte Lyrikerin Yeşim Ağaoğlu, die auch bildende Künstlerin ist, die Romanautorin Oya Baydar, die lange in Frankfurt gelebt hat und die politische Lage in ihrer Heimat in ihren Romanen engagiert und kritisch betrachtet, die Physikerin Aslı Erdoğan, die ihre Identität in der Fremde, in den Favelas Brasiliens, erkundet, die Schriftstellerin Sema Kaygusuz, die die Mythologie der Ägäis ebenso verarbeitet wie die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im 1. Weltkrieg sowie der urwüchsige Erzähler Ali Hasan Toptaş, ein humorvoller Chronist des anatolischen Dorfs.

Diese Auswahl zeigt, dass die Literatur der Türkei – weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit – in Thematik und Sprachkunst auf Weltniveau mitspielt. Auffällig ist der hohe Anteil an hochintelligenten Romanen und Gedichten von Frauen. Eine Generation von bedeutenden Schriftstellerinnen hat die vermeintlich männliche Domäne des literarischen Schaffens erobert, heißt es in einer den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegenden Mitteilung.

Die Jury setzt sich zusammen aus Prof. Dr. Erika Glassen, Türkei-Expertin und Herausgeberin der 20bändigen „Türkischen Bibliothek“, Dr. h.c. Michael Krüger, Präsident der Bayerischen Akademie der Künste und früherer Verleger des Hanser-Verlags, und der Orientalistin und Übersetzerin Dr. Claudia Ott.

Yeşim Ağaoğlu

Preisbegründung:

Yeşim Ağaoğlu ist eine Künstlerin, die eine eigene komplexe Welt erschafft. Sie schreibt nicht nur Gedichte, sondern fotografiert, filmt und arbeitet mit Installationen. Auch ihre poetische Welt erscheint daher immer visuell. Ihre Metaphorik ist bildkräftig, ihr Text oft melodramatisch. Ihr lyrisches Ich lässt sich augenzwinkernd auf wagemutige Rollenspiele ein. Transvestiten, Huren, Mörder, Meerjungfrauen, Punks, Straßenmusikanten und das Zirkusvolk bevölkern ihre Texte. Die Übergänge zwischen realen und surrealen, magischen und märchenhaften Dimensionen sind fließend. Mit den Randgruppen, die sie in ihrer Lyrik lebendig macht, steht sie im engen Zusammenhang mit der Prosaliteratur der Postmoderne. In der türkischen Lyrik, in der sich wenige Frauen durchsetzen konnten, hat sie eine führende Position erlangt. Yeşim Ağaoğlu ist eine Entdeckung, die in deutscher Sprache zwar noch wenig bekannt ist, die aber eine wesentlich breitere Wahrnehmung verdient hat.

Kurzbiographie:

Yeşim Ağaoğlu wurde 1966 in Istanbul geboren. Sie stammt aus einer berühmten Familie, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus Aserbeidschan in die Türkei emigrierte. Einer ihrer Verwandten, Ahmet Ağaoğlu, war ein Vertrauter Mustafa Kemal Atatürks in Ankara. Yeşim Ağaoğlu studierte in Istanbul Kunstgeschichte und Journalistik, später als Stipendiatin an der New Yorker Filmakademie. Schon als 18jährige publizierte sie erste Gedichte, bisher sind sieben Gedichtbände in der Türkei und zwei weitere in Aserbeidschan gedruckt worden. Sie ist Mitglied des PEN-Clubs in der Türkei und Aserbeidschan. Im Frühjahr 2015 nahm sie an der ersten POETICA der Universität Köln teil.

Auf Deutsch liegen vor:

Wachablösung. Gedichte von Yeşim Ağaoğlu (15 Gedichte). Übersetzt und eingeleitet von Erika Glassen. In: Akzente, Heft 4/August 2014, S. 359-369.

Ein deutscher Gedichtband ist in Vorbereitung.

Textbeispiel:

the city

was willst du nur tun in dieser stadt aus der man die gräte gelöst hat
die süleymaniye wird bald einstürzen
das goldene horn ist ein betagter transvestit
fragst du sie nach ihrer identität wird sie erschrecken
erwarte von dem mädchenturm kein heil
in dem turm hab ich ohnehin mein lebtag kein mädchen gesehen
die romantisch roten abenddämmerungen bedeuten luftverschmutzung
auch das haben wir gelernt
eigentlich ist dir die sprache hier schon fremd
wenn du in dieser stadt einen sesamkringel isst
tee trinkst was wird dann sein
die kindertage sind längst vorbei
jene stadt die zur mätresse des imperiums wurde
lacht jetzt nur hämisch hinter ihnen her
glaubst du etwa sie wird sich an dich erinnern

Aus der Sammlung Donnerrose in der Übersetzung von Erika Glassen.

Oya Baydar

Preisbegründung:

Oya Baydar kann wohl als die „Grande Dame“ der politischen Literatur der Linken in der Türkei bezeichnet werden. Ihre acht Romane und ein Erzählband sind Klassiker mit hohem literarischen Anspruch, die stets politische Themen aufgreifen und Stellung beziehen, ohne je Propaganda oder gar Pamphletismus auch nur nahe zu kommen. Vier davon sind ins Deutsche übersetzt worden.

Unter ihnen ragt der Roman „Verlorene Worte“ durch seine geschickt vernetzten Spannungsbögen heraus. In diesem Roman wird einerseits das Politikum der PKK in den Mittelpunkt gestellt, andererseits die Schaffenskrise eines Schriftstellers beleuchtet und drittens ein Leben zwischen westlicher und östlicher Kultur beschrieben. Die drei Erzählstränge treffen zusammen, als der berühmte Schriftsteller Ömer Eren auf dem Busbahnhof von Ankara einem verletzten kurdischen Paar begegnet. Er, Mahmut, ist ein Deserteur, als Rebell während der Kämpfe in den Bergen geflohen, das Mädchen an seiner Seite, Zelal, ist von einem „Ehrenmord“ bedroht. Eine verirrte Kugel hat den Körper des kurdischen Mädchens gestreift, sie verliert das Kind in ihrem Bauch.

Der Schriftsteller hat vor Jahren bei einem Terroranschlag in Istanbul seine norwegische Schwiegertochter verloren, er kann nicht gleichgültig weitergehen. Sein Sohn, der den Terroranschlag überlebt hatte, lebt inzwischen mit dem Enkel in Norwegen und führt dort ein weitgehend unpolitisches Leben; er genießt das „Glück der Schweine“, wie seine Mutter, eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, einst politische Kameradin ihres Mannes, es herablassend nennt. Der Schriftsteller bietet dem jungen kurdischen Paar seine Hilfe an, doch als sie ihn am nötigsten brauchen, ist er selbst gerade in einer Liebesbeziehung mit einer rätselhaften kurdischen Apothekerin gefangen, die ihn in ihren Sog zieht, ihn als Schriftsteller neu belebt, aber auch all seine Orientierungspunkte und sein bisheriges literarisches Schaffen in Frage stellt.

Christina Bylow schrieb dazu im „Tagesspiegel“: „Oya Baydar erklärt nichts mit schlichten Psychologismen. Sie umkreist die Gewalt in diesem Buch empathisch bis zur Schmerzgrenze. Sie beschreibt sie in den Blicken, in den Stimmen, in den Verstörungen des Einzelnen. Das ist eine ihrer größten Stärken, es ist, als schriebe sie dabei gegen die Anonymisierung der Opfer in den Medienbildern an.“

Oya Baydar wurde in der Türkei mit mehreren wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet  (1992 Sait-Faik-Literaturpreis, 1993 Yunus-Nadi-Preis, 2001 Orhan-Kemal-Literaturpreis, 2004 Cevdet-Kudret-Literaturpreis).

Kurzbiographie:

Oya Baydar wurde 1940 in Istanbul geboren. Nach ihrem Soziologiestudium war – und ist – sie als Dozentin, Journalistin und Autorin tätig. 1980 wurde sie als Gründungsmitglied der Türkischen Sozialistischen Arbeiterpartei politisch verfolgt und des Landes verwiesen. Sie lebte danach zwölf Jahre lang in Frankfurt am Main und spricht deutsch. 1992 konnte sie aufgrund einer Amnestie in die Türkei zurückkehren. Unter dem Eindruck des Falls der Berliner Mauer begann die Autorin, die 30 Jahre lang geschwiegen hatte, wieder zu schreiben.

Auf Deutsch liegen vor:

Verlorene Worte. Roman. Aus dem Türkischen von Monika Demirel. Berlin: Ullstein 2008/ List Taschenbuch 2009.

Das Judasbaumtor. Roman. Aus dem Türkischen von Monika Demirel. Berlin: Ullstein 2011.

„Der Kater heißt Tschapul“ (Erzählung), in: Adatepe (Hg.): Gezi – eine literarische Anthologie (Berlin: Binooki 2014), S. 81-84.

Textbeispiel:

„Hoffentlich bringen Sie gute Nachrichten, nehmen Sie Platz“, sagt der Mann ein wenig angespannt. Von drinnen holt er zwei Plastikstühle und stellt sie zu beiden Seiten des Tisches, auf dem ein geblümtes Wachstuch liegt. Der junge Mann, der ihn hergeführt hat, setzt sich auf die Schwelle. Ein kleines Mädchen mit schwarzen Locken läuft in einem langen, bedruckten Kleid herum.

„Unsere Enkelin“, erklärt der Mann. „Ein Andenken an unseren ältesten Sohn. Mahmut ist unser jüngster.“

Sowohl seine Sprechweise als auch sein Stimme erinnern an Mahmut. Was soll ich ihm sagen? Wie soll ich ihm erklären, warum ich hierhergekommen bin?

„Mein Name ist Ömer, Ömer Eren. Ich habe Mahmut zufällig in Ankara kennengelernt. Er ist wohlauf. Als ich ihm sagte, wohin ich reise, meinte er, falls mein Weg mich in diese Gegend führt, sollte ich bei seinen Eltern vorbeigehen, damit sie sich keine Sorgen machen. Er hat mir davon erzählt, wie Sie das Dorf verließen und sich bemühten, ihn studieren zu lassen, damit etwas Vernünftiges aus ihm wird.“

Ömer bemerkt, dass seine Worte trocken, gekünstelt und unpersönlich klingen. Diese Sprüche öffnen keine Türen, erreichen den Menschen nicht, bringen einen nicht an die Substanz, die hinter dem Sichtbaren verborgen liegt, können das Wort nicht aus den Tiefen hervorholen, in denen es verschwunden ist.

Um selbst Zeit zu gewinnen oder um ihm Zeit einzuräumen, ruft der Mann auf Kurdisch nach dem kleinen Mädchen. Soweit Ömer versteht, verlangt er nach Tee. Das kleine Mädchen rennt ins Haus. Einige Minuten später kommt es mit gelben, roten und grünen Plastikblumen in einer Plastikflasche zurück, deren Hals abgeschnitten wurde, um die Öffnung zu vergrößern. Die Kleine stellt die Vase, deren Anblick Ömer einen Stich versetzt, mitten auf das Wachstuch. Sie sagt etwas auf Kurdisch. Ihre Augen strahlen. Ihr Blick ist rein, offen und fröhlich.

„Sie hat Ihnen Blumen gebracht“, sagt der Mann. „Sie sagt, sie hat Sie sehr gern. Seit ihr Vater nicht mehr da ist, ist sie immer so überschwänglich, wenn ein fremder Mann ins Haus kommt.“

Wieder verstummen sie. Der junge Mann unterbricht die Stille: „Sie kann kein Türkisch. Keiner von uns kann Türkisch, bis er in die Schule kommt. Dann wird es uns eingeprügelt. In dieser Zeit sind wir wütend auf unsere Mütter, weil sie kein Türkisch können, sind wütend, weil sie keine Türken sind. Der Lehrer verbietet Kurdisch, und wir bleiben sprachlos, bis wir Türkisch gelernt haben.»

Aus dem Roman Verlorene Worte in der Übersetzung von Monika Demirel, S. 164-165.

Aslı Erdoğan

Preisbegründung:

Aslı Erdoğan wird als herausragende Vertreterin der mittleren Generation von den türkischen Lesern hochgeschätzt. Sie hat vor allem mit dem Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ auch international Furore gemacht. Aslı Erdoğan bedient sich in diesem Roman einer raffinierten Struktur, schreibt einen „Roman im Roman“ in einer mitreißenden poetischen Sprache. Rio de Janeiro, diese faszinierende Stadt mit der roten Pelerine, in die es die Türkin Özgür zunächst als Physikerin verschlagen hat, verschlingt die todesmutige Frau, die sich in den Favelas, wo viele Gefahren lauern, auf jedes Abenteuer einlässt. Die weibliche Seele verirrt sich lustvoll in den Labyrinthen der Stadt. Bunt und multikulturell wie die Stadt erscheinen auch die Sprachebenen des Textes. Die Stadt des Karnevals mit seinen taumelnden Tanzrhythmen verbirgt alles hinter Masken: sexuelle Eskapaden und intellektuelle Spielereien. „Aslı Erdoğan nimmt uns mit auf ihre Reise hinab ins Totenreich. Wie Orpheus, der jenseits des Hades nach seiner verlorenen Liebe sucht, jagen wir unbewusst in den Straßen und Favelas Rio de Janeiros dem Tod hinterher.“ (Orhan Duru)

Kurzbiographie:

Aslı Erdoğan wurde 1967 in Istanbul geboren. Nach Abschluss ihrer Schulzeit studierte sie Informatik an der englischsprachigen Bosporus-Universität. Als Diplomandin folgte 1992 ein zweijähriger Aufenthalt in der Schweiz am Europäischen Zentrum für Kernforschung (CERN) in Genf. Sie schloss den Master in Physik ab, war Assistentin an der Bosporus Universität und erhielt eine Anstellung an der katholischen Universität in Rio de Janeiro. Neben der wissenschaftlichen Laufbahn begann sie zu schreiben. In Deutschland wurde die Erzählung Holzvögel viel beachtet und 1997 mit dem Preis der Deutschen Welle ausgezeichnet. Aslı Erdoğan war außerdem Kolumnistin der linksliberalen Tageszeitung Radikal.

Auf Deutsch liegen vor:

Die Stadt mit der roten Pelerine. Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch. Zürich: Unionsverlag 2008.

Der wundersame Mandarin. Aus dem Türkischen von Recai Hallac. Edition Galata (Dagyeli Verlag) 2008.

Holzvögel. In: Literaturwettbewerb für die türkische Sprache 1997; Die preisgekrönten Beiträge. Deutsche Welle-Literaturpreis 1997 (ed. Mehmet Bari)

Textbeispiel:

Ich bin allein in diesen halbwilden Gegenden, bin alleine und habe dieses ganz neue Gefühl von Freiheit und Isolation. (Einsam, allein, herrenlos, frei, verwaist… Im Türkischen kann ich nacheinander mehrere Adjektive dafür aufzählen, aber ich kann keine Brücke schlagen zwischen diesen Ausdrücken und der Wirklichkeit). Es ist eine absolute, eine infernalische Freiheit, niemanden zu haben, der meine Bedürfnisse erahnt, ja nicht einmal einen Aufpasser zu haben. Ich kann irgendwelche Lügen in die Welt setzen, ich kann mir die Vergangenheit so zurechtbiegen, wie sie mir passt, und ich kann den sündigsten Fantasien nachhängen. In dem Moment, in dem ich merke, dass ich mir sicher bin, dass ich durch die Hintertür entwischen kann, bin ich fähig, die entsetzlichsten Verbrechen zu begehen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass ein Kanarienvogel, dem man den Käfig öffnet, sofort herausflattert und zum Fenster fliegt. Wenn man ihm aber auch noch das Fenster aufmacht, tut er das einzig Richtige und fliegt, so der Autor, in seinen Käfig zurück, was ihn vor dem Tod bewahrt.

Manchmal jage ich einigen bruchstückhaften Erinnerungen bis an die andere Seite des Atlantiks hinterher. Im grellen Licht der Tropen verwischen oder, besser, verschwinden die Umrisse der Vergangenheit. Der Ozean, dieser tosende, stürmische, unsterbliche Ozean, begrub all meine Meere unter sich. Das schrille Krächzen von Papageien löst jetzt mehr Assoziationen in mir aus als das Schreien der Möwen.

Filterkaffee zu trinken statt starken Tee, mit den Wellen des Atlantiks zu ringen statt im stillen zurückhaltenden Binnenmeer so weit wie möglich hinauszuschwimmen, in einer romanischen Sprache zu träumen… Das sind Veränderungen, über die ich hinweg kommen könnte. Aber es gibt auch solche, an die man sich niemals gewöhnt. Ich spreche nicht von launischen Gelüsten nach Schafskäse, Salbeitee und dem Bosporus. Ich sehne mich nach schlichteren Dingen, Kirschen zum Beispiel.

Aus dem Roman Die Stadt mit der roten Pelerine in der Übersetzung von von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch, S. 19.

Sema Kaygusuz

Preisbegründung:

Sema Kaygusuz gilt als eine herausragende Vertreterin der jüngeren türkischen Literatur und laut einer Umfrage der Zeitschrift Notos als „eine der größten schriftstellerischen Hoffnungen“ (Quelle: DAAD Künstlerprogramm). Sie machte sich früh einen Namen als Erzählerin in der Türkei, legte fünf Bände mit Kurzgeschichten und zwei Romane vor und ist im Augenblick vor allem mit Theaterarbeiten beschäftigt. Sema Kaygusuz hat alevitisch-kurdische und jüdische Wurzeln in der Familie und schreibt aus dem Bewusstsein dieser multikulturellen, zudem stark mystisch geprägten Tradition heraus. Mit den Religionen und ihren Ausprägungen geht Kaygusuz kritisch ins Gericht und vertritt stattdessen eine universelle Spiritualität. „Als eine Person, die das Leben aller Wesen auf Erden, ob Stein, Baum, Himmel, Vogel oder Meer, gleichermaßen schätzt und nichts heilig finden kann, um dessentwillen Blut vergossen wird, kann ich nur eine Erfahrung in Sachen Glauben anerkennen: Die uner messliche Tiefe im Empfinden des Mysteriums, das dem Menschen ein Gefühl unerschöpflichen Lebens schenkt.“, schreibt sie in einem Beitrag für die Zeitung „Der Tagesspiegel“. Ein anderer, aktueller Essay beschäftigt sich mit der Problematik des Völkermords an den Armeniern und dessen Verdrängung in der modernen Türkei („Abel, von Raben begraben“).

Sema Kaygusuz‘ Prosa ist musikalisch, eindringlich, bildhaft und dennoch gut verständlich. Die Schriftstellerin fühlt sich von der oralen Tradition gleich mehrerer türkischer Regionen inspiriert, aus Geschichten, Märchen und Legenden in verschiedenen Dialekten. „Meine Urgroßmutter war Erzählerin. Und ihre Tochter hat bei Hochzeiten Gedichte vorgetragen … Ich schreibe alles auf, aber ich lese es mir dann laut vor. Wenn der Rhythmus nicht stimmt, ändere ich das. Ich arbeite mit den Worten, als wären es Musiknoten“, erklärte sie in einem Interview (Quelle: DAAD Künstlerprogramm). Auch in den Übersetzungen ins Deutsche durch verschiedene Übersetzer (Barbara und Hüseyin Yurtdas, Sabine Adatepe) kommt die klangvolle Sprache gut zum Ausdruck.

Im Deutschen liegen bisher – neben Essays und einem Stadtportrait – zwei ihrer Bücher vor. „Wein und Gold“ ist ein heiterer, gut lesbarer Roman zu einem ernsten Thema: Die junge Bibliothekarin Leylan, die mit ihrem alkoholkranken Vater auf einer türkischen Insel in der nördlichen Ägäis lebt, deckt auf abenteuerliche Weise dunkle Familiengeheimnisse auf und erschafft aus ihnen einen neuen Mythos, der dem Leben des Vaters neuen Sinn schenkt und ihm zu einem guten Ende verhilft. „Schwarze Galle“, ein eher etwas schwerer lyrischer Skizzenband mit Erzählungen und Essays zum Themenbereich Melancholie und Schlaflosigkeit, stand 2014 auf der Litprom-Empfehlungsliste („Ein Buch von enormer poetischer Kraft, das an traurige Mythen und fröhliche Märchen rührt und dennoch so heutig ist, dass es teils sogar als politischer Kommentar gelesen werden kann.“ Katharina Borchardt) und auf der Shortlist für den LiBeratur-Preis. Zuletzt erschien auf Türkisch ihr Theaterstück „Sultan ve Şair“ (2013).

Kurzbiographie:

Sema Kaygusuz wurde 1972 in Samsun/türk. Schwarzmeerküste geboren. Als Tochter eines Soldaten, der oft versetzt wurde, lernte sie verschiedene Regionen der Türkei kennen. Sie studierte von 1990 bis 1994 Kommunikationswissenschaften an der Gazi-Universität/Ankara, begann als Studentin zu schreiben, und befasste sich mit Hörspiel, Choreographie und Theater. Andere Tätigkeiten im Werbebereich gab sie auf, um sich ganz der Schriftstellerei widmen zu können. Sie erhielt diverse Auszeichnungen für ihre Erzählungen in der Türkei. 2008 war sie Stadtschreiberin in Berlin im Rahmen des Austauschprogramms „Der nahe Blick“ von Goethe-Institut/literaturhaeuser.net; 2010 Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, sowie Gast bei diversen internationalen Programmen des Goethe-Instituts Istanbul.

Auf Deutsch liegen vor:

Wein und Gold. Roman. Aus dem Türkischen von Barbara Yurtdas und Hüseyin Yurtdas. Frankfurt: Suhrkamp 2008.

Schwarze Galle. Geschichten. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. Mit einem Nachwort von Katja Lange-Müller. Berlin: Matthes&Seitz 2013.

„Istanbulreigen“ (Stadtportrait), aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. In: Lettre International (88/2010).

„Der Gott der anderen Leute“ (Essay). Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. In: Tagesspiegel / Berlin, 17.01.2011. http://www.tagesspiegel.de/kultur/tuerken-und-islam-der-gott-der-anderen-leute/3705250.html
„Eine Stelle in deinem Gesicht“ (Romanauszug), aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. In: SPRITZ Sprache im technischen Zeitalter (195/2010). http://www.spritz.de/index.php?module=Pagesetter&func=viewpub&tid=4&pid=74
„Abel, vom Raben begraben“. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. In: Lettre International Heft 108, Frühjahr 2015.  https://www.lettre.de/beitrag/kaygusuz-sema_abel-vom-raben-begraben.

Textbeispiel:

Ich bin keine Weinexpertin. Bis heute habe ich den Shiraz nicht gekostet. Ich habe keine Ahnung, wie die Sultaninentraube duftet, wie das Aroma des Muskatellers ist, und ob der Çalkarası wirklich leicht nach Honigmelone und Erdbeeren riecht. Ich bin nur mit den Weinsorten meiner Insel verwandt. Die Herbheit des dunklen Karasakız und den ins Bernsteinfarbene spielenden Vasilakis erkenne ich auf Anhieb an ihren unberechenbaren Aromen. Andererseits verfüge ich über eine Ethik, von der ich Weinfachleuten nichts sagen will. Um den Wert eines Weines zu schätzen, habe ich einen geheimen Tempel in meinem Inneren errichtet. Einen Tempel der Traube, der sich direkt in meinem Magen verbirgt…

Immer wenn ich einen Schluck Wein trinke, erscheint in jenem ersten Gedanken, der meinen Mund erfüllt, die Traube. Das ist die Göttertraube, die alle Trauben der gesamten Insel einschließt. Es ist eine makellose ‹Idee›, die indirekt auf die einzelne Beere hinweist, die sich millionenfach zwischen den staubigen Blättern des Weinstocks an den Rispen eng zusammendrängt. Eiförmig, mit weißem Fruchtfleisch, die feuchte Schale rubinrot, die Kernchen paarweise; mit zwei Augen und in vielen Sprachen. In jeder Sprache kann sie von einer faszinierenden Vergangenheit erzählen. Beginnend mit der Bestäubung und Befruchtung, wird sie zum einen von der Sonne süß, andererseits durch den Widerstand gegen den Wind stark, und wenn der Mensch sie berührt, wird sie in ein Leben mit zwei verschiedenen Aspekten fortgetragen. Sie gerät sowohl in eine Tragödie als auch in ein Fest. Sie wird gequetscht, zerplatzt, quillt schäumend auf, ist selbst erstaunt über die eigene Herbheit; von der Farbe der Schale wird sie ein wenig blutig. Sie wird von der einen Konsistenz in eine andere gezwungen, die ihr ganzes Verlangen offenbart, und obwohl sie stirbt, bleibt ihre Seele erhalten.

Aus dem Roman Wein und Gold in der Übersetzung von Barbara Yurtdas und Hüseyin Yurtdas, S. 44f.

Hasan Ali Toptaş

Preisbegründung:

Hasan Ali Toptaş ist ein urwüchsiges Erzähltalent. Seine Schriften sind Höhepunkte der Literatur über Anatoliens Dörfer. Die Schattenlosen, sein bisher einziges ins Deutsche übersetztes Buch, beschwört die Atmosphäre eines gottverlassenen anatolischen Dorfes herauf. Das unentbehrliche Personal vom Bürgermeister über den Imam bis zum Dorftrottel ist komplett vertreten, doch dieser meisterhafte surrealistische Roman hat nichts mit dem Genre des sozialkritischen Dorfromans gemein, der seit 1950 jahrzehntelang im türkischen Literaturbetrieb erfolgreich war.

Der Autor kultiviert ein besonderes Verhältnis zu Sprache. „Für mich ist die Sprache etwas, das konstruiert wird, das man herstellt. Wenn wir schreiben, dann arbeitet aber auch das, was wir Unterbewusstsein nennen, ständig mit. Und wir sollten genau aus diesem Grund den Federhalter etwas lockerer führen, um dem Unterbewusstsein eine Chance zu geben.“

Über den ersten Satz seines Romans hat er acht Monate gebrütet, er rauft sich die Haare bei Schreiben, nennt sich selbst einen Perfektionisten. Sein Text, der so entsteht, zieht den Leser in den Bann und führt ihn in ein wirres Gestrüpp von Erzählzeiten und sich ineinander spiegelnden Schauplätzen. Hasan Ali Toptaş ist ein einzigartiger, humorvoller Chronist der dörflichen Kultur in Anatolien, von deren Mythen, Legenden und Märchen.

Kurzbiographie:

Hasan Ali Toptaş (Jahrgang 1958) ist in einer Kleinstadt im Südwesten Anatoliens in der Nähe von Pamukkale geboren. Sein Großvater stammte aus dem halbnomadischen Yörüken-Stamm der umliegenden Berge. Hasan Ali hat noch als Schüler die Ferien auf der Sommerweide in schwarzen Ziegenhaarzelten verbracht und die Herden gehütet. Sein Vater war Fernfahrer, also Nomade der Landstraße. Die Mutter musste die Kinder in der Kleinstadt allein durchbringen. Das republikanische Schulsystem und die öffentlichen Bibliotheken sorgten dafür, dass der begabte, neugierige Junge seinen Literaturhunger stillen und seinen Weg als Schriftsteller finden konnte. Beruflich suchte er im Staatsdienst unterzukommen. Als Gerichtsvollzieher und später als Beamter des Finanzamts lernte er das soziale Milieu kennen, das er in seinem Romanen verarbeitet hat. Er ließ sich früh in den Ruhestand versetzen, um Zeit zum Schreiben zu gewinnen. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Ankara.

Auf Deutsch liegt vor:

Die Schattenlosen. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Zürich: Unionsverlag 2008.

Textbeispiel:

Als gegen Mitternacht an die Tür des Frisörladens geklopft wurde, dachte der Frisör, der auf der Polsterbank schlief, er träume. Er wälzte sich auf die andere Seite und vergrub sein Gesicht im Kopfkissen. Kaum aber war er wieder eingeschlafen, da klopfte es hartnäckig noch einmal. Mühsam richtete der Frisör sich auf, tastete nach den Streichhölzern und zündete die Öllampe neben sich an. Wer konnte das um diese Zeit sein? Hastig fischte er unter der Bank seine Pantoffeln hervor, schlüpfte hinein  und schlug den Vorhang mit dem Rosenmuster zurück, der den Laden von seinem Wohnraum trennte. Da fiel ihm auf, dass das Schlurfen seiner Pantoffeln nicht drinnen widerhallte, sondern draußen vor der Tür. Er blieb stehen und sah mit verschlafenen Augen zum Fenster hinaus. Der Schatten, der an seine Tür geklopft hatte, erwiderte seinen Blick. „Wer ist denn da?“, rief der Frisör.
Der Schatten drehte sich rasch um und verschwand in der Dunkelheit.

Der Frisör hielt die Lampe ans Fenster, um besser nach draußen sehen zu können, doch zu Gesicht bekam er einzig und allein einen nach draußen spähenden Frisör. Er war zutiefst verstimmt. Mechanisch knöpfte er das Hemd zu, das er sich übergezogen hatte, zog seine Schuhe an und begann langsam in seinen nur wenige Schritte breiten Laden auf und ab zu gehen, als bräche er zu einer unendlich langen Wanderung auf. Er fühlte sich wieder wie in den ersten Tagen nach seiner Ankunft im Dorf. Mit frisch erwachter Sehnsucht dachte er an die ferne Stadt und versuchte sich zu erinnern, ob er denn wirklich und wahrhaftig in einer belebten Geschäftsstraße einen Laden gehabt hatte. Die in einer Ecke seines Gedächtnisses aufflackernden Bilder dieser Stadt waren zwar nicht mehr so lebendig und ebenmäßig wie früher. Die Häuser stießen unentwegt aneinander, als seien sie den tobenden Wellen eines endlosen Meeres ausgesetzt, während die Autos auf der Straße immer wieder in den Häuserfenstern erschienen. All dies glich nicht so sehr einer vom Zahn der Zeit angenagten, verstaubten Erinnerung, sondern vielmehr einer verkümmerten Hoffnung oder einem Traum. Dennoch fühlte der Frisör den mächtigen Wunsch in sich aufsteigen, woanders zu sein, und marschierte deshalb in jener Nacht stundenlang auf eine imaginäre Stadt zu.

Aus dem Roman Die Schattenlosen in der Übersetzung von Gerhard Meier, S. 157f.

Die Jury

Dr. h. c. Michael Krüger absolvierte nach dem Abitur eine Lehre als Verlagsbuchhändler und arbeitete bis 1965 bei Harrod´s in London. Ab 1968 war er zunächst als Verlagslektor beim Carl Hanser Verlag tätig, ab 1986 dessen literarischer Leiter und ab 1995 Geschäftsführer. Im Juli 2013 wurde er von den Mitgliedern der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu deren Präsident gewählt. Seit 1972 erschienen aus seiner Feder Romane, Novellen und eine Vielzahl von Gedichten. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, u. a. des Joseph-Breitbach-Preises und des Ehrenbürgerrechts der Landeshauptstadt München. Michael Krüger ist langjähriges Jurymitglied des renommierten Tarabya-Literaturpreises für türkische Literatur.

Prof. Dr. Erika Glassen studierte Islamwissenschaft und Germanistik in Freiburg i.Br. und Basel. Promotion 1968 und Habilitation 1977 an der Universität Freiburg. Ebenda Dozentin und Professorin der Islamwissenschaft bis zum Ruhestand 1999. Zeitweise beurlaubt als Referentin am Orient-Institut der DMG in Beirut/Libanon 1981-1983 und als Direktorin ebenda 1989-1994, Aufbau einer Zweigstelle des Orient-Instituts in Istanbul. Seit 2005 war sie Herausgeberin (mit J.P. Laut) der „Türkischen Bibliothek“ im Unionsverlag Zürich. Dafür erhielt sie den Reinhold Schneider Ehrenpreis der Stadt Freiburg. Neuerdings hat sie sich mit Übersetzungen türkischer Lyrik hervorgetan.. Forschungsgebiete u.a.  Religiöse Bewegungen im Islam, türkische und persische Literatur.

Dr. Claudia Ott studierte Orientalistik in Jerusalem, Tübingen und Berlin sowie arabische Musik in Kairo. Sie wurde 1998 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zur arabischen Epik promoviert und unterrichtete an den Universitäten Berlin, Erlangen und Göttingen. Ott ist derzeit überwiegend freiberuflich als Übersetzerin tätig (Tausendundeine Nacht, 2004; Gold auf Lapislazuli, 2008, Hundertundeine Nacht, 2012). Als Musikerin, Übersetzerin und Moderatorin arbeitet sie mit zahlreichen bedeutenden Künstlern zusammen. 2011 wurde ihr der Johann-Friedrich-von-Cotta-Literatur- und Übersetzerpreis der Landeshauptstadt Stuttgart verliehen.

Seit 2007 ist Claudia Ott Jury-Vorsitzende des Coburger Rückert-Preises.

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