«Heil»-Regisseur Brüggemann: Neonazis kaputt lachen

Irre Neonazis und planlose Verfassungsschützer: Dietrich Brüggemanns Komödie «Heil» mit Benno Fürmann und Liv Lisa Fries ist komisch, aber auch bitterböse. Für den Regisseur ist Humor ein gutes Mittel gegen rechte Umtriebe. «Lacht kaputt, was euch kaputt macht», findet er.

Humor ist der beste Weg, mit solchen Themen umzugehen. (Screenshot http://www.heilderfilm.x-verleih.de/)

Humor ist der beste Weg, mit solchen Themen umzugehen. (Screenshot http://www.heilderfilm.x-verleih.de/)

Neonazis als ein Haufen Chaoten, die sich die Köpfe einschlagen und obendrein alle dem Verfassungsschutz als V-Leute zuarbeiten: Im Film «Heil» treibt Dietrich Brüggemann Eitelkeiten, Erfolgsstreben und Eifersucht im rechten Milieu auf die Spitze. Mittendrin Sebastian mit dunkler Hautfarbe. Nach einem Schlag auf den Kopf plappert er extreme Parolen nach und wird zum Aushängeschild der Rechten.

Inspiriert von den Verbrechen der Terrorgruppe NSU kam Brüggemann auf die Idee einer bitterbösen Komödie. «Es gibt in Deutschland zum Glück noch keine Witz-Gesetzgebung, die Witze zu einem bestimmten Thema verbieten würde», sagte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur auf dem Filmfest München. Und auch Sebastian-Darsteller Jerry Hoffmann findet: Humor sei der beste Weg, mit solchen Themen umzugehen.

Frage: Jerry Hoffmann, ein ständiger Gag im Film sind die vielen Passkontrollen: Dauernd muss Sebastian seinen Pass vorzeigen, weil er eine dunkle Hautfarbe hat. Ist das mit den ständigen Kontrollen ein Klischee oder erleben Sie das selbst auch?

Antwort Hoffmann: Es ist mir gerade in den letzten drei Jahren vermehrt passiert, dass ich bei jeder zweiten, dritten Einreisekontrolle am Flughafen von 150 Leuten einer von dreien bin, der rausgeholt wird und der zur Ausweiskontrolle oder Taschendurchsuchung muss. Das ist keine Fiktion.

Frage: Woran liegt das?

Antwort Hoffmann: Das ist ein recht komplexes Thema. Wir haben natürlich viele Menschen mit dunkler Hautfarbe in diesem Land, die nicht gleichberechtigt in den Arbeitsmarkt eingebunden werden. Zusätzlich wird Menschen aufgrund äußerer Merkmale Kriminalität unterstellt. Gleichzeitig gibt es ein verfälschtes Bild, wie man es auch bei der Flüchtlingsdebatte hat: Der Ausländer wurde in der Vergangenheit in den Medien in Film und TV oft als unhygienisch, ungebildet und nicht sozialfähig dargestellt. Das betrifft dann auch Menschen wie mich, die deutsch sind. Die Praxis des Racial-Profiling ist gang und gäbe in Deutschland. Eine Einsicht darüber, dass diese Selektion diskriminierend und verletzend ist, konnte ich bisher bei kaum einem Beamten feststellen. Selbst was ich für Klamotten anhabe, ist ausschlaggebend. Ich trage mittlerweile an Flughäfen vermehrt Hemden, weil ich dann nicht oder weniger kontrolliert werde. Sobald ich ein Käppi aufhabe, werde ich kontrolliert.

Antwort Brüggemann: Das Instrument, Verbrechensbekämpfung durch Auswahl von Leuten nach dem Aussehen, das wird wahnsinnig stumpf. Dir sehe ich doch gleich an, dass du auf dem Gymnasium warst und dich in so Kreisen wie diesen bewegst. Guckt den Leuten doch mal ins Gesicht und nicht nur auf die Hautfarbe!

Frage: Der Verfassungsschutz kommt in «Heil» gar nicht gut weg – er wirkt wie ein Haufen Chaoten. Besonders chaotisch ist es mit den V-Leuten – fast jeder der Nazis im Film hat eine Verbindung zum Verfassungsschutz.

Antwort Brüggemann: Das ist schon ewig Thema. Man kann die NPD nicht verbieten, weil man dann den Verfassungsschutz mit verbieten müsste, weil die personell quasi identisch sind. Das heißt aber nicht, dass die V-Leute nicht auch noch Nazis wären. Im Prinzip finanziert der Verfassungsschutz die NPD und hält sie am Laufen. Man dreht sich in einer Spirale aus Geheimnissen, wo man nicht weiß, wer jetzt eigentlich für welche Seite arbeitet.

Frage: Die Frage, ob man über Nazis und Hitler eine Komödie drehen darf, wird immer wieder diskutiert. Finden Sie das angebracht?

Antwort Brüggemann: Es gibt in Deutschland zum Glück keine Witz-Gesetzgebung, die Witze zu einem bestimmten Thema verbieten würde. Einige Witze verbieten sich von selber, alle anderen darf man machen. Wenn ich Witze mache über Leute die stottern, oder dick sind oder dünn oder schwarz oder grün oder schwul, das finde ich selber nicht besonders lustig. Ich finde es lustiger Witze zu machen, über Dinge, die Leute sich aus freier Entscheidung ausgesucht haben. Das respektiert den Menschen auch mehr als autonomes Wesen.

Antwort Hoffmann: Ich bin sogar der Meinung, dass Humor der beste Weg ist, mit solchen Dingen umzugehen. Ich glaube nicht, dass es die Stärke von uns Deutschen ist, mit der Form von Humor über die gegenwärtigen Zustände und Probleme zu reden. Aber ich habe schon das Gefühl, dass Humor ein Ventil ist, über Sachen anders nachzudenken. Ich habe in meinem Leben viele Dinge über Humor verstanden.

Antwort Brüggemann: Du bist mit Humor immer automatisch Herr der Lage. Das ist eine Methode, sich selbst Souveränität zurückzuholen. Das kann ich jeder unterdrückten Gruppe mit emanzipatorischem Anspruch nur empfehlen: Lacht kaputt, was euch kaputt macht.

Frage: Welchen Umgang wünschen Sie sich mit dem Film?

Antwort Brüggemann: Ich würde mir schon wünschen, dass Leute den Film sehen, sich in der einen oder anderen Figur wieder erkennen, herzhaft darüber lachen und sagen „Zum Glück bin ich nicht ganz so schlimm“. Und wenn ich vielleicht doch so Anwandlungen habe, dass der innere Idiot die Oberhand gewinnen könnte, erinnere ich mich daran und lass es einfach bleiben.

Frage: Gibt es Reaktionen von Rechten auf den Film?

Antwort Brüggemann: Da ist allgemeines Schweigen. Vielleicht existiert die rechte Szene gar nicht und sie ist nur ein Medienphänomen. Sie besteht nur aus zwei Leuten, die immer in allen Zeitungen auftreten. Das wäre sehr schön.

Frage: Die Neonazis sind vielleicht auch nur zu sehr zersplittert, um zu einer einheitlichen Meinung zu finden. In «Heil» sind sie ja auch reichlich zerstritten.

Antwort Brüggemann: Das werden sie auch immer bleiben. Rechts zu sein benötigt schon eine gewisse Dummheit, um das unreflektiert mitzumachen. Und mit dieser gewissen Dummheit gehen auch immer eine Brutalität und meisten ein sehr großes Ego einher. Mit diesen sehr vielen großen Egos wird die rechte Szene sich niemals unter einer Führung zusammenfinden, davon handelt auch der Film.

ZUR PERSON:

Dietrich Brüggemann (39) war schon mehrfach auf der Berlinale mit seinen Filmen, so 2006 mit seinem Langfilmdebüt «Neun Szenen». Oft arbeitet der gebürtige Münchner mit seiner Schwester Anna zusammen. So gewannen sie 2014 in Berlin den Silbernen Bären für ihr Drehbuch zu «Kreuzweg». Neben Spielfilmen dreht Brüggemann auch Musikvideos, unter anderem für Judith Holofernes.

Jerry Hoffmann (26) stammt aus Hamburg und studierte Schauspiel in München und Berlin. Derzeit gehört er zum Ensemble des Berliner Maxim Gorki Theaters und dreht viele Filme. So spielte er an der Seite von Ulrich Tukur den Adoptivsohn des Tierfilmers «Grzimek» oder war im Actionthriller «Hitman: Agent 47» zu sehen.

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