«Geil auf die Revolution»: Eine äthiopische Hip-Hop-Band in Israel

30 Jahre nach der ersten Luftbrücke für äthiopische Juden nach Israel sehen sich viele der «Falascha» in ihrer neuen Heimat benachteiligt. Eine Hip-Hop-Band liefert den Soundtrack der neuen Protestgeneration.

Sie sehen ihre Lieder nicht nur als Ventil für negative Erfahrungen, sondern wollen auch eine positive Botschaft vermitteln. (Screenshot Facebook)

Sie sehen ihre Lieder nicht nur als Ventil für negative Erfahrungen, sondern wollen auch eine positive Botschaft vermitteln. (Screenshot Facebook)

Aus dem Liedtext klingt geballte Wut. «Ich spucke Gift und Galle, ich verbanne die Ruhe aus meinem Herzen», singen die Mitglieder der israelischen Hip-Hop-Band «KGC», im abgehackten Sprechgesang. Die drei jungen Männer sind Juden, die aus Äthiopien stammen. «Die Hautfarbe spielt eine Rolle und das Stereotyp wiegt schwer», lautet die Anklage gegen ihre israelische Heimat. Den rhythmischen Liedtext, der sich reimt, singen sie auf Hebräisch, nicht dem Amharisch ihrer Vorväter.

Die drei Mitglieder Jaakov Jardeni, Mosche Tesema und Israel Alamo (ihre Musikernamen lauten Avesha G, Bazzi B und Alamo T) beschreiben ihre Musik als Hip-Hop im US-Stil, vermischt mit äthiopischen Klängen. «KGC» steht für Kiriat Gat City. Viele der rund 50 000 Einwohner der Kleinstadt im Süden Israels sind Neueinwanderer, gut sieben Prozent davon aus Äthiopien.

Der neue Protestsong der Hip-Hop-Band passt gut zu der jüngsten Welle anti-rassistischer Demonstrationen der äthiopischen Gemeinde in Israel. Im Mai war es im Zentrum Tel Avivs zu der heftigsten Demonstration der vergangenen Jahre gekommen. Die äthiopischstämmigen Juden fordern bei immer neuen Protesten ein Ende von Polizeigewalt und Diskriminierung. Die junge Generation will nicht mehr stillhalten.

«Ich bin geil auf die Revolution», geht das Lied weiter. Gewidmet ist es den «Opfern der Operation Moses». Im Rahmen der «Operation Moses» hatte Israel zur Jahreswende 1984/1985 Tausende äthiopischer Juden «heimgeholt», um sie vor Hunger und Gewalt in ihrem afrikanischen Geburtsland zu retten. Viele starben vorher in Flüchtlingslagern.

Es war eine von mehreren geheimen Luftbrücken für äthiopische Juden nach Israel. Seit der Staatsgründung 1948 hat Israel nach Angaben der für Immigration zuständigen Jewish Agency mehr als 90 000 Einwanderer aus Äthiopien aufgenommen.

Alamos Vater ist mit der «Operation Moses» nach Israel gekommen, die Eltern der beiden anderen Bandmitglieder kamen einige Jahre später.

In Israel wurden die Neuankömmlinge damals zunächst begeistert aufgenommen, die dauerhafte Integration gestaltete sich jedoch schwierig. Drei Jahrzehnte später fühlen sich viele äthiopische Juden immer noch nicht akzeptiert. Und immer mehr, gerade von den jungen «Falascha» wollen sich damit nicht mehr abfinden. «Die neue, harte Generation hat keine Angst», singt die Band.

Auslöser der Proteste der vergangenen Monate war ein Überwachungsvideo, das zeigte, wie Polizisten einen äthiopischstämmigen Soldaten misshandelten. Jahre der Frustration machten sich Luft.

Die äthiopischen Einwanderer galten bisher als besonders ruhig und höflich – gerade im Vergleich zu den «Sabras», den in Israel geborenen Juden. Sabra ist die Kaktusfrucht, und sie soll den Charakter des Durchschnitts-Israelis beschreiben – außen stachelig und innen süß. Die Bandmitglieder im Alter von 24 und 25 Jahren gehören zu der ersten Generation äthiopischstämmiger Juden, die in Israel geboren sind. Damit sind sie selbst «Sabras».

Äthiopische Juden machen nur etwas mehr als zwei Prozent der jüdischen Bevölkerung in Israel aus – sechs von gut acht Millionen Israelis sind Juden. Aber ein überdurchschnittlich großer Anteil minderjähriger Häftlinge sind Äthiopier – bis zu ein Fünftel von insgesamt 120 Häftlingen im Ofek-Gefängnis, wie eine israelische Repräsentantin der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.

Mosche Tesema sagt, viele von ihnen seien wegen Angriffen auf Polizisten verurteilt worden. Er sieht dies jedoch als Reaktion auf ein überdurchschnittlich hartes Vorgehen von Polizisten gegen Menschen dunklerer Hautfarbe. Weil sie vorbestraft seien, hätten diese Jugendlichen später beruflich kaum eine Chance, meint er. «Und warum? Weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren?»

Ein ähnlicher Vorfall habe zur Gründung der Band geführt, erklärt er. Im Teenageralter hätten die drei sich mit einem Polizisten darüber gestritten, ob sie in einem Park grillen dürfen oder nicht. Nach einer Anklage wegen Angriffs auf den Beamten wurden sie zu sieben Monaten Hausarrest verurteilt. Die quälende Langeweile hätten sie mit Rhythmen und Songs vertrieben. Nach einer Pause während ihres Militärdienstes spielt die Band heute in Clubs in Tel Aviv und anderen Städten des Landes.

Sie sehen ihre Lieder nicht nur als Ventil für negative Erfahrungen, sondern wollen auch eine positive Botschaft vermitteln, so die dpa. Die Bandmitglieder fordern von den jungen äthiopischen Juden, gemeinsam für einen Wandel zu kämpfen. «Haltet an Eurem Ziel fest», singen sie. «Nur so bleibt Ihr in Fahrt.»

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