Arbeitsalltag bei der Bundeswehr: Hier geht’s sogar mit der Queen auf Tuchfühlung

Martin Karakaya aus Berlin zeigt auf, wie abwechslungsreich und vorurteilsfrei der Beruf „Soldat“ tatsächlich ist. Er selbst hat einen türkischen Migrationshintergrund. Als Nachteil habe er das selbst, aber auch seine Kameraden, bislang nicht empfunden – ganz im Gegenteil. Entscheidend sei ohnehin die Person, nicht seine Herkunft. Zuletzt war er sogar hautnah beim Besuch von Queen Elizabeth II. in Berlin dabei.

Bundespräsident Joachim Gauck hat Queen Elizabeth II. auf Schloss Bellevue begrüßt. Gemeinsam schritten die beiden Staatsoberhäupter eine Ehrenformation der Bundeswehr ab. (Foto: WachBtl BMVg)

Bundespräsident Joachim Gauck hat Queen Elizabeth II. auf Schloss Bellevue begrüßt.
Gemeinsam schritten die beiden Staatsoberhäupter eine Ehrenformation der Bundeswehr ab. (Foto: WachBtl BMVg)

Noch 2011 ergab eine vertrauliche Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, dass es Migranten innerhalb der Bundeswehr schwer hätten. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit seien innerhalb der Truppe keine Seltenheit, hieß es damals (mehr hier). Der Berliner Martin Karakaya kann das aus seinen persönlichen Erfahrungen heraus nicht unterschreiben. Sein Alltag im Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung sieht gänzlich anders aus. Hier stehen Abwechslung und Herausforderung im Vordergrund – erst Recht, wenn sich, wie im vergangenen Juni, königlicher Besuch aus Großbritannien ankündigt.

Karakaya’s erster Kontakt mit der Bundeswehr liegt schon ein paar Jahre zurück. Im Jahr 2003 hat er seinen Grundwehrdienst geleistet. Nach dieser ersten Erfahrung entschloss er sich im Dezember 2011 erneut für die Bundeswehr und dazu, sich als „Soldat auf Zeit“ zu verpflichten. Bereut hat er das bis heute nicht, so der junge Mann im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. Die Familie ist mit seiner Entscheidung „überwiegend zufrieden“ und fand sie „gut“, wie er sagt. Natürlich auch, weil er „nie etwas Negatives berichten konnte“. „Ich habe bis jetzt nur positive Sachen erlebt“, so der junge Familienvater, dessen Halbbruder bei der Berliner Polizei beschäftigt ist. Mit Klischees sei er nicht konfrontiert worden. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Kameraden lieber erst einmal beobachten und warten, was passiere.

Muslime in der Truppe: Die Leute müssen sich trauen, zu fordern

Für ihn steht mittlerweile fest: Der Migrationshintergrund spielt in seinem Beruf keine Rolle. Auf Unsicherheiten stoße er allerdings schon. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Gerade wenn man in eine Situation kommt, in der man gar nicht gekannt wird“, beschreibt er eine mögliche Einschränkung. Er selbst sei sehr selbstbewusst und mache so etwas schnell wieder wett. Allerdings, so gesteht er, sei er selbst auch eher untypisch für einen jungen Mann mit Migrationshintergrund. So könne er zum Beispiel kein Türkisch, esse Schweinefleisch und sei obendrein nicht gläubig. Kameraden, die den muslimischen Glauben praktizierten, würden seinen Einschätzungen zufolge aber ebenfalls keine Probleme haben. Seiner Erfahrung nach würden in der Bundeswehr auf alle Befindlichkeiten von Minderheiten soweit wie möglich Rücksicht genommen werden (mehr hier).

Für Karakaya und seine Kameraden hieß es: Augen geradeaus! Bei einem derart wichtigen Gast darf nichts schiefgehen. (Foto: WachBtl BMVg)

Für Karakaya und seine Kameraden hieß es: Augen geradeaus! Bei einem derart wichtigen Gast darf nichts schiefgehen. (Foto: WachBtl BMVg)

Der Zugsprecher hat für seine Kameraden Vorbildfunktion. Die Leute kämen zu ihm und holten sich Rat. Auffällig sei für ihn jedoch eine Sache: Muslime wollten innerhalb der Truppe nicht hervorstechen, zum Beispiel wenn es darum gehe, Ansprüche beim Essen zu stellen. Dabei hätten genau sie so viel zu bieten, was der Bundeswehr von größtem Nutzen sei. Dabei denke er an Sprachfertigkeiten, Kenntnisse anderer Kulturen, die vor allem im Auslandseinsatz von entscheidender Bedeutung seien und von diesen jungen Menschen nicht erst erlernt werden müssten. Das alles seien echte Vorteile gegenüber den Kameraden, meint er.

Sein Appell fällt daher recht eindeutig aus: Traut Euch, es nimmt Euch keiner übel. Entscheidend seien ganz andere Dinge: „Es geht um das persönliche Auftreten eines jeden Einzelnen. Man ist seines eigenen Glückes Schmied. Der Migrationshintergrund spielt da keine Rolle“, so Karakaya. „Wir ziehen alle an einem Strang. Die Herkunft spielt da keine Rolle.“

Bundeswehr sucht ersten Imam

Dass es in der Tat genau darum geht und niemand Abstriche in Kauf nehmen sollte, zeigt nun auch die Bundeswehr. Ende Mai dieses Jahres sendete sie ein deutliches Signal an die Muslime hierzulande. Das Bundesministerium der Verteidigung prüft anhand einer Ermittlung des tatsächlichen Bedarfs die Erweiterung der Militärseelsorge für andere Glaubensrichtungen. Anhand der Ergebnisse dieser Bedarfsermittlung wird in Abstimmung mit den Religionsgemeinschaften geprüft, ob und gegebenenfalls welche institutionellen Konsequenzen für die Militärseelsorge zu ziehen sind. Forderungen nach einem solchen Schritt gibt es bereits seit Jahren. Aus gutem Grund: Geschätzte 1600 muslimische Soldaten gibt es aktuell in der Bundeswehr. Exakte Zahlen gibt es jedoch nicht, da die Angabe der Glaubensrichtung für jeden Soldaten freiwillig ist (mehr hier). „Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich der Islam in Deutschland inzwischen als drittgrößte Religion etabliert hat, stellt sich die Frage, ob für unsere Soldaten muslimischen Glaubens eine eigene Militärseelsorge möglich ist“, so ein Sprecher der Bundeswehr. Auch deshalb sei zum 1. Mai am Zentrum „Innere Führung“ in Koblenz eine „Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen„ eingerichtet worden.

Einsatz im Schloss Bellevue: Ganz nah dran an Queen Elizabeth II.

Karakaya persönlich wird davon keinen Gebrauch machen. Angekommen fühlt er sich ohnehin. Seine eigene Familie stehe hinter ihm und er könne gut davon leben. Er schätzt die Abwechslung seines beruflichen Alltags. Sport, Erfahrungen im Einsatz, diverse Zusatzausbildungen und besondere Anlässe wie etwa Staatsempfänge im Schloss Bellevue oder im Kanzleramt würden ihm den Soldatenberuf extrem schmackhaft machen. „Es ist spannend, wenn die Leute aus der großen Politik plötzlich neben einem stehen“, so Karakaya.

Strammstehen für Queen Elizabeth II.: Das Ehrenspalier läuft nach exakt festgelegten Bestimmungen ab. (Foto: WachBtl BMVg)

Strammstehen für Queen Elizabeth II.: Das Ehrenspalier läuft nach exakt festgelegten Bestimmungen ab. (Foto: WachBtl BMVg)

Erst vor wenigen Wochen war es erneut soweit. Königin Elizabeth II. von England und ihr Gatte, der Herzog von Edinburgh, Prinz Philip, waren Ende Juni auf Staatsbesuch in der Bundesrepublik. Bereits zum siebten Mal reiste die Queen nach Berlin. Eingeladen hatte sie diesmal Bundespräsident Joachim Gauck. Ganz nah dran waren auch Karakaya und seine Kameraden. Denn zum diplomatischen Protokoll gehören unbedingt die militärischen Ehren für hochrangige Staatsgäste. Mehr als 1.000 Soldaten in sieben Kompanien trainieren nach ihrer Grundausbildung täglich in der Berliner Julius-Leber-Kaserne für genau diese Aufgaben. Denn daneben gehen darf bei den hochrangigen Gästen absolut nichts. Das Protokoll ist strikt und hat eine lange Tradition. Elizabeth II. und Prinz Philip waren am 23. Juni nach Berlin geflogen und bereits auf dem Flughafen Tegel vom Wachbataillon mit militärischen Ehren und 21 Salutschüssen willkommen geheißen worden. Auch das Schloss Bellevue stand beim fünften Staatsbesuch der Queen an. Am zweiten Tag ihrer Reise begrüßte Bundespräsident Gauck die Queen zusammen mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt offiziell an seinem Amtssitz – der große Einsatz für Karakaya und seine Mitstreiter.

Für Karakaya sicherlich ein Moment, den er nicht so schnell vergisst. Besonders machen seinen Beruf aber nicht nur diese Tätigkeiten. Auch Stationierungen an anderen Standorten könnten für junge Menschen eine immense Herausforderung sein. Das alles seien Erfahrungen, die einem niemand mehr nimmt.

Natürlich berge sein Beruf auch Risiken, meint der Soldat. Manchmal geschähen Dinge recht kurzfristig. Längere Arbeitszeiten oder unterwegs sein über Tage, das gehöre dazu – vom Auslandseinsatz einmal ganz abgesehen.

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