Annäherung im Ramadan – Islam als Teil des deutschen Brauchtums?

Die Kanzlerin beim Fastenbrechen. Moscheegemeinden, die Flüchtlinge nach Sonnenuntergang zu Tisch bitten. Auch so geht Annäherung - im Ramadan. Islam-Verbände werben um Vertrauen. Dass es so viele gibt, erschwert den Durchblick.

«Die Pluralität im Islam ist wichtig, und deshalb muss es auch unterschiedliche Verbände geben», sagt die Gründerin und Vorsitzende des Liberal Islamischen Bunds (LIB), Lamya Kaddor. (Foto: Flickr/ Iftar_110824X17 by  FNV Bondgenoten CC BY 2.0)

«Die Pluralität im Islam ist wichtig, und deshalb muss es auch unterschiedliche Verbände geben», sagt die Gründerin und Vorsitzende des Liberal Islamischen Bunds (LIB), Lamya Kaddor. (Foto: Flickr/ Iftar_110824X17 by FNV Bondgenoten CC BY 2.0)

Wenn Angela Merkel im Ramadan zum abendlichen Fastenbrechen – Iftar – kommt, ist das ein starkes Signal. Finden Muslime und Nicht-Muslime, die zum ausklingenden Fastenmonat eine Annäherung sehen. «Es ist eine Premiere, dass die Kanzlerin am Iftar teilgenommen hat. Und ebenso erfreulich ist das öffentliche Interesse, dass viele Bürger zum allabendlichen Fastenbrechen in die Moscheegemeinden kommen», sagt Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. «Man hat schon fast den Eindruck, dass der Islam hier ein Stück weit Teil des deutschen Brauchtums geworden ist.»

«Es gehört inzwischen beinahe zum guten Ton, dass sich auch höhere Repräsentanten beim Iftar blicken lassen – genauso, wie man bei einer Weihnachtsfeier vorbeischaut», sagt Dietmar Molthagen, Islamexperte der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). «Das zeigt die Anerkennung des muslimischen Lebens und ist auch ein Zeichen von Normalisierung.» Molthagen weiß: «In vielen Moscheegemeinden gibt es eine große Sehnsucht nach Anerkennung.» Man habe den Ramadan, der nun zu Ende geht, auch als Gelegenheit genutzt, sich darzustellen, einzuladen, zu überzeugen.

Wie stellt sich die Beziehung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen dar? «Die Situation hat sich verbessert, was die Akzeptanz der Muslime angeht», meint Molthagen. «Schaut man aber genau hin, sieht man eine Spaltung in der Gesellschaft.» Bei 18 Prozent der Bevölkerung gebe es nach einer FES-Studie von Ende 2014 islamfeindliche Ressentiments. Diese würden teilweise lautstark geäußert, etwa in der Pegida-Bewegung oder Teilen der Alternative für Deutschland (AfD), eskalierten in einigen Fällen auch in Gewalt.

Gut vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Ein Teil von ihnen wird vertreten von Islam-Verbänden, von denen es undurchschaubar viele zu geben scheint. Wäre es nicht effizienter, transparenter und vertrauensbildender, mit nur einer Stimme zu sprechen statt ein zersplittertes Bild abzugeben?

«Nein. Die Pluralität im Islam ist wichtig, und deshalb muss es auch unterschiedliche Verbände geben», sagt die Gründerin und Vorsitzende des Liberal Islamischen Bunds (LIB), Lamya Kaddor. «Der Islam ist so angelegt – und das ist seine große Stärke -, dass es keine autoritäre Lehrmeinung gibt. Wir kennen keinen Papst, keine Hierarchie. Wir sind sehr heterogen.»

«Die Bandbreite ist groß. Viele Nicht-Muslime steigen da sicher nicht durch, wer eigentlich wen vertritt», zitiert die dpa Mazyek. Sein ZMD mit gut 300 Gemeinden und bis zu 20 000 Mitgliedern ist in der Öffentlichkeit besonders präsent, aktuell auch wegen einer Ramadan-Hilfsaktion für Flüchtlinge. Verschiedene Auffassungen, Konzepte und ein «gesunder Wettstreit» seien unproblematisch. «Aber in zentralen Fragen ist es wichtig und auch möglich, mit einer Stimme zu sprechen, über den Koordinationsrat der Muslime.»

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) – 2007 von vier großen Dachverbänden gegründet – stand allerdings wegen starker Differenzen zuletzt vor einer Zerreißprobe. Die einflussreiche Ditib (Türkisch Islamische Union) strebt Reformen für eine breitere Aufstellung und mehr Transparenz an, wie Zekeriya Altug sagt. «Es ist eine Tatsache, dass die Vertretungskultur der Muslime wenig bekannt und für die Mehrheit der Gesellschaft sehr undurchsichtig ist.»

Der KRM habe die innerislamische Zusammenarbeit gestärkt, auch wenn man nicht immer einer Meinung sei, betont Altug. Die Ditib ist die größte Organisation, vertritt gut 900 Gemeinden und untersteht der türkischen Religionsbehörde. In Köln baut sie den bundesweit größten, fast fertiggestellten Moscheekomplex. Dem ZMD hatte die Ditib Alleingänge vorgeworfen. Im KRM sind auch der Verband der Islamischen Kulturzentren und der Islamrat vertreten.

Der KRM sei kein wirklich wichtiger Akteur geworden, meint Molthagen. Interessant sei die Bildung von Schura-Vereinen in einigen Bundesländern. Damit treten Muslime mit gemischtem konfessionellen und ethnischen Hintergrund den politischen Vertretern oder Medien gut koordiniert gegenüber – bei Themen wie islamischem Religionsunterricht oder Bestattungswesen. «Das zeigt, dass sich muslimische Vielfalt auch organisieren lässt.»

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