Anschlag in der Türkei: Eine Solidaritätsaktion wird zur Katastrophe

Es ist der schwerste Anschlag seit zwei Jahren in der Türkei. Mindestens 32 Menschen sterben bei einer Explosion nahe der syrischen Grenze. Die Opfer: Jugendliche, die helfen wollten.

Sie kamen aus dem türkischen Istanbul, Izmir und Adana und sie wollten nach Syrien, um zu helfen. (Foto: Flickr/Providing access to support for Syrian girls and women by DFID - UK Department for International Development CC BY 2.0)

Sie kamen aus dem türkischen Istanbul, Izmir und Adana und sie wollten nach Syrien, um zu helfen. (Foto: Flickr/Providing access to support for Syrian girls and women by DFID – UK Department for International Development CC BY 2.0)

Sie kamen aus dem türkischen Istanbul, Izmir und Adana und sie wollten nach Syrien, um zu helfen. Doch was als Solidaritätsaktion begann, endete in einer Katastrophe. Am Montag starben nach neuestem Erkenntnisstand mindestens 32 Menschen – überwiegend Jugendliche –  bei einem Anschlag in der türkischen Stadt can der Grenze zu Syrien. Rund hundert wurden verletzt.

Die Hintergründe der Tat waren am Montagabend noch unklar. Der Gouverneur sprach von einem Selbstmordangriff, die Regierung von einem «Terroranschlag». Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP beschuldigte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die im benachbarten Syrien und im Irak riesige Gebiete beherrscht.

Mit dem Amara-Kulturzentrum haben sich der oder die Täter einen Ort ausgesucht, der vor allem für Solidarität steht. Das Zentrum wird von der kurdischen Stadtverwaltung betrieben. Im Garten trinken die Anwohner Tee. Im vergangenen September war das Zentrum ein Anker für tausende Flüchtlinge, die in nur wenigen Tagen vor Kämpfen im nahe gelegenen syrischen Kobane nach Suruç flohen. Sie erhielten im Garten erste Versorgung, Essen und Unterkunft. Im Bezirk Suruç wurde außerdem ein Lager für tausende Flüchtlinge aufgebaut.

Auch die rund 300 Jugendlichen und Opfer des Attentats kamen im Kulturzentrum unter.  Sie waren Anhänger einer sozialistischen Organisation (SGDF) und wollten nach Kobane reisen, um die Stadt wieder aufzubauen. Nach der Belagerung durch die Terrormiliz IS war diese fast vollständig zerstört worden. Die SGDF hegt Sympathien für die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG), die in Syrien gegen den IS kämpfen. Auch das nähert Spekulationen vor allem in der kurdischen Bevölkerung, dass der Anschlag ein Racheakt der Terrormiliz sein könnte.

Obwohl Ankara sich immer wieder vom IS distanziert hatte, herrscht großes Misstrauen. Die Kurden fühlen sich alleine gelassen, weil die Türkei nicht eingriff, als Kobane im vergangenen Jahr vom IS belagert wurde. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ging gar davon aus, dass die Stadt an IS falle und zog damit die Wut der Kurden auf sich. Eine Terrororganisation an den Grenzen sei der Türkei lieber als ein kurdisches Autonomiegebiet, so der Vorwurf vieler.

Die kurdische YPG kontrolliert hunderte Kilometer entlang der Grenze zur Türkei. Sie ist eng mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden. Die türkische Regierung befürchtet daher, dass die Kurden in Syrien einen eigenen Staat ausrufen und damit auch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden im eigenen Land anheizen könnten.

Ende Juni machte Erdoğan erneut klar, dass die Türkei keinen Kurdenstaat im Norden Syriens dulden werde, so die dpa. Zuletzt verstärkte die Türkei die militärische Präsenz an der Grenze und Medien spekulierten über einen Einmarsch der Türkei in Syrien. Außenpolitisch wie innenpolitisch steht die Türkei vor unruhigen Zeiten. Nach der Parlamentswahl am 7. Juni konnte noch immer keine Regierung gebildet werden. Sollten die Koalitionsgespräche scheitern, könnte es im November zu Neuwahlen kommen.

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