Ein politischer Wendepunkt? Die Türkei nach dem Anschlag in Suruç

Die türkische Regierung geht von einem Attentat der Terrormiliz IS aus. Doch ein Bekennerschreiben gibt es nicht. Dennoch könnte der Anschlag in Suruç die Politik der AKP-Regierung beeinflussen.

In der Türkei mischen sich derzeit Trauer und Wut. (Foto: Flickr/ Grieving Statue by Kevin Gessner CC BY 2.0)

In der Türkei mischen sich derzeit Trauer und Wut. (Foto: Flickr/ Grieving Statue by Kevin Gessner CC BY 2.0)

Nach dem verheerenden Anschlag ist die Bestürzung in der Türkei groß. In den sozialen Medien kursieren am Dienstag Bilder der Opfer: Jugendliche, denen der Idealismus im Gesicht geschrieben steht, und die mit der Hand das Victory-Zeichen formen. Sie wollten nach Syrien, um zu helfen. Doch dort kamen sie nie an. Von den rund 300 Jugendlichen – Mitglieder einer sozialistischen Organisation – starben 32 bei dem Anschlag in der türkischen Grenzstadt Suruç. Die meisten Opfer waren Studenten.

Noch hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Doch Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu erklärte am Dienstag, Hinweise auf einen Selbstmordanschlag der Terrormiliz IS verdichteten sich. Berichte türkischer Medien, es habe sich um eine Attentäterin gehandelt, bestätigte er zunächst nicht (mehr hier).

Mit der Erklärung befeuerte Davutoğlu die Spekulationen über eine IS-Täterschaft, die schon kurz nach dem Anschlag im Internet kursierten – und die auch die Wut und das Misstrauen vor allem der kurdischen Bevölkerung anheizten. Auf einer Kundgebung am Montagabend in Istanbul skandierten Demonstranten Slogans gegen die islamisch- konservative AKP-Regierung. Sie unternehme zu wenig gegen die Terrormiliz IS, so der Vorwurf.

Die Türkei wies solche Vorhaltungen stets zurück – neu sind sie nicht. Der IS beherrscht große Teile der Nachbarländer Irak und Syrien und steht trotz großer Gebietsverluste nach wie vor an der Grenze zur Türkei. Ankara hatte die Terrormiliz als Nachbar lange geduldet.

Die türkische Regierung verweigerte dem von den USA geführten Bündnis gegen den IS etwa, den türkischen Stützpunkt Incirlik als Basis für Luftangriffe gegen die Dschihadisten zu nutzen. Als die Terrormiliz Ende vergangenen Jahres die kurdisch-syrische Stadt Kobane belagerte, erhielten die dort kämpfenden kurdische Volksschutzeinheiten (YPG) keine Unterstützung aus der Türkei. Die YPG ist eng mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden – ein rotes Tuch für Ankara.

Nach monatelangen Kämpfen befreiten die Kurden die Stadt Ende Januar schließlich aus den Händen der Terrormiliz. Nach weiteren Gebietsgewinnen der Kurden Ende Juni machte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zudem klar, dass die Türkei keinen Kurdenstaat an ihrer Grenze dulden werde.

Nach Ansicht des ehemaligen Diplomaten und Türkei-Spezialisten Sinan Ülgen, hat die Türkei stets versucht, eine Balance zu halten: Einerseits unterstütze die Regierung die Anti-IS-Koalition, andererseits wolle sie nicht an der Spitze stehen, weil sie die Vergeltung der Terrormiliz fürchte. Der Anschlag in Suruç könnte jedoch ein Wendepunkt sein, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Das war bis gestern das Kalkül. Jetzt, mit diesem Anschlag muss das Kalkül überdacht werden.»

Innenpolitisch verschärft das Attentat die Spannungen zwischen Kurden und türkischer Führung, die sich in einem Friedensprozess befinden. Der Chef der kurdisch-syrischen Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtas, forderte seine Parteianhänger dazu auf, die «Sicherheitsmaßnahmen» zu verstärken. Er warf der Regierung zudem indirekt vor, zu wenig für die Aufklärung des Attentats zu tun. Vor allem die Hintermänner müssten gefunden werden.

Trotz aller Hinweise steht nicht final fest, dass die Terrormiliz den Anschlag in Suruç geplant und ausgeführt hat, so die dpa. Dafür spricht das ausgewählte Ziel. Schließlich wollten die getöteten Jugendlichen beim Aufbau der nordsyrischen Stadt Kobane helfen. Das Attentat könnte eine Vergeltung für die Niederlagen der Terrormiliz gegen die YPG in den vergangenen Monaten sein.

Allerdings sprechen auch Argumente gegen den IS als Täter. Bislang hat sich die Terrormiliz nicht zu dem Attentat bekannt, obwohl sie das in Syrien und im Irak bei Anschlägen normalerweise tut. Zudem laufen die Extremisten nun Gefahr, dass Ankara härter gegen den IS vorgeht und vor allem die Grenze zu Syrien stärker überwacht. Für die Terrormiliz würde es noch schwieriger werden, Nachschub aus der Türkei zu bekommen, nachdem sie bereits wichtige Versorgungsrouten ins Nachbarland an die syrischen Kurden verloren hat.

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