Viel Bürokratie und «good cops»: Flüchtlingsankunft in Deutschland

Allein im Juli kamen bundesweit 79 000 Asylbewerber nach Deutschland - so viele wie nie in einem Monat. Wer als Flüchtling von der Polizei aus einem Zug oder Auto geholt wird, muss erst einmal durch die «Bearbeitungsstraße» - und macht Bekanntschaft mit der Bürokratie.

Die Polizisten warten schon. Als der Eurocity 88 Verona-München im Bahnhof Rosenheim einfährt, stehen etwa zwei Dutzend Beamte an Bahnsteig und Unterführung parat. Etliche von ihnen steigen sofort in die Waggons und holen überwiegend dunkelhäutige Flüchtlinge aus den Abteilen. Innerhalb von 20 Minuten ist die Treppe zur Unterführung voll mit erschöpften Kindern, Frauen und Männern. Sie sitzen auf den Stufen und wissen nicht, was nun mit ihnen passieren wird, das berichtet die dpa.

147 Asylbewerber werden bei sengender Hitze aus nur einem Zug geholt, darunter zahlreiche Schwangere. Allein 119 von ihnen stammen aus Eritrea, die anderen sind Syrer, Äthiopier, Nigerianer oder Sudanesen. Balkan-Flüchtlinge mit geringer Chance auf Anerkennung, für die Bayern nun eigene Aufnahmezentren mit dem Ziel der raschen Abschiebung einrichtet, sind nicht darunter. Sie kommen über andere Routen nach Deutschland. Im Juli erreichten insgesamt 79 000 Asylbewerber Deutschland – doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2005 und so viele wie nie zuvor in einem Monat.

Eine junge Mutter stillt auf der Bahnhofstreppe sitzend inmitten all der Menschen ihr Baby, ein kleines Mädchen aus Afrika hält eine Puppe im Arm, ein Junge lässt sein Spielzeugauto Runden auf dem Beton drehen. Kaum ein Kind weint, wie überhaupt die Ruhe und Unaufgeregtheit beeindruckt, mit der alle die schwierige Situation meistern. Weder von den Beamten noch seitens der Asylbewerber fällt auch nur ein lautes Wort.

Zwei hochschwangeren Frauen bringen Beamte bereitwillig Stühle, damit die Ankömmlinge die Wartezeit am Bahnsteig wenigstens etwas bequemer zubringen können. Dennoch: Für die Polizei sind die Flüchtlinge in erster Linie illegal eingereiste Ausländer. Sie müssen behördlich registriert werden. «Sie verfügten nicht über die erforderlichen Papiere, die für die Einreise oder den Aufenthalt in der Bundesrepublik erforderlich gewesen wären», nennt das der Sprecher der Bundespolizei in Rosenheim, Rainer Scharf.

Ortswechsel: 800 Kilomter Luftlinie weiter nördlich ist die Polizei in FLENSBURG ebenfalls im Bahnhof im Einsatz. Die Sonne geht gerade auf, da fährt der Regionalzug aus Kiel ein. Zu dieser frühen Stunde ist er an seinem Zielbahnhof voll besetzt, die Menschen quellen aus den Waggons. Beamte der Bundespolizei warten auch hier schon am Bahnsteig. Sie müssen wie so oft in diesem Sommer damit rechnen, dass Flüchtlinge ohne gültige Papiere ankommen. Oft werden sie schon von Zugbegleitern informiert, denen die Menschen aufgefallen sind.

Die meisten, so berichtet der Pressesprecher der Bundespolizeiinspektion Flensburg, Hanspeter Schwartz, wollen weiter nach Skandinavien. In Flensburg müssen sie umsteigen. Mehr als 300 seien seit Anfang Juli registriert worden, die aber nicht alle illegal unterwegs waren. Häufig kommen die Flüchtlinge mit den ersten Zügen des Tages aus Kiel oder Hamburg. «Die wollen überwiegend nach Schweden», sagt Schwartz, wegen besserer Asylbedingungen oder weil die Familie schon dort lebt. Manche zieht es auch nach Dänemark.

Die Kontrollen laufen schnell, konzentriert und ruhig ab, die Menschen scheinen schon damit gerechnet zu haben. Die meisten haben gültige Papiere und setzen ihre Reise fort. Einen jungen Mann allerdings, der sich die Kapuze seines grauen Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen hat, nehmen die Bundespolizisten mit. Doch er wehrt sich, nicht heftig, aber die Beamten führen ihn mit festem Griff aus dem Bahnhof und in einen Wagen der Bundespolizei. Im Bahnhof ist es voller geworden. Eine Jugendgruppe sitzt auf dem Boden und guckt ebenso neugierig zu wie ein älteres Ehepaar in beiger Sommerkleidung.

Zurück in ROSENHEIM: Hier machen die nach einer oft lebensgefährlichen Flucht ankommenden Menschen erst einmal Bekanntschaft mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit.

Schon am Bahnhof werden die Asylbewerber nach verbotenen Gegenständen abgetastet. Jeder bekommt ein Bändchen mit einer Nummer ums Handgelenk, eine Klarsichtfolie mit den vorübergehend eingezogenen Gegenständen – Halskettchen und akribisch abgezähltes Bargeld – erhält dieselbe Nummer. Dann – seit der Ankunft des Zuges ist eine knappe Stunde vergangen – werden die Flüchtlinge in Omnibussen zur Dienststelle in eine ehemalige Bundeswehrkaserne gebracht. In einer zum Bettenlager umfunktionierten Turnhalle können sie sich ein wenig ausruhen, bekommen zu trinken und zu essen. «Der Malteser Hilfsdienst unterstützt uns hier vorbildlich», sagt Scharf.

Danach geht es in die «Bearbeitungsstraße». So nennen die Beamten das Gebäude zur Registrierung der Flüchtlinge. «Hier ist ein ständiges Kommen und Gehen», meint der Polizeisprecher. Während am Eingang Asylbewerber eintreten, verlassen andere den Ausgang mit der «Anlaufbescheinigung» schon wieder.

Mit dem Papier können sie in die Münchner Erstaufnahmestelle weiterreisen und dort ihren Asylantrag stellen. Wer genug Geld hat, kauft sich die Fahrkarte selber, andernfalls zahlt der Staat das Ticket. Im Idealfall dauert die Registrierung zwei Stunden. Kommen die Flüchtlinge jedoch erst abends in die Kaserne, verbringen sie oft die Nacht in der Turnhalle, ehe sie erfasst werden.

Registrieren heißt Durchsuchen, ärztliche Untersuchung auf ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Krätze oder Keuchhusten, und es heißt erkennungsdienstliche Behandlung – Fingerabdruck und Foto. Die wenigsten der Flüchtlinge kommen mit einem Ausweis in Deutschland an. In vielen Fällen haben Schleuser sie ihnen zuvor abgenommen. «Die Leute erhalten durch die Registrierung eine Identität und können unabhängig von Schleusern ihren Asylantrag stellen», verteidigt Scharf die aufwendige Prozedur.

Auf die Schleuser ist der Beamte nicht gut zu sprechen. Abgesehen von den oft lebensgefährlichen Schiffspassagen setzten die Banden die Flüchtlinge unter Druck und verängstigten sie. Allein in Bayern sitzen derzeit 515 mutmaßliche Schleuser in Untersuchungshaft, so viele wie nie zuvor.

Die Schleuser – auf sie haben es auch die Polizeibeamten in FLENSBURG abgesehen. «Wir wollen auch an die Hintermänner ran», sagt Bundespolizeisprecher Schwartz.

Bei der Registrierung der ankommenden Flüchtlinge in ROSENHEIM läuft nicht immer alles reibungslos. Aynom Asmelash aus Eritrea will zunächst keinen Fingerabdruck geben. Mit Engelsgeduld redet der Beamte auf den skeptisch dreinblickenden jungen Mann ein. «You are in Germany, you must do it», sagt er. Nach einer Weile willigt der Asylbewerber ein und legt die Fingerkuppe mit großer Skepsis auf das Sichtgerät. Am Ende der «Bearbeitungsstraße» wartet der Dolmetscher, der den Beamten bei der Befragung der Flüchtlinge ins Deutsche übersetzt, erst dann gibt es die «Anlaufbescheinigung».

Viel ist bei der Vernehmung oft nicht aus ihnen herauszubringen. Der 20-jährige Dejen Tsegay aus Eritrea sagt, dass die Regierung in seinem Land «kriminell ist» und er unbedingt in Deutschland bleiben wolle. Ruth Brhane (19) ist mit mehreren Cousinen und der Schwester ebenfalls aus Eritrea geflohen. «Keine Freiheit» herrsche dort, es sei lebensgefährlich. Oft berichten die Flüchtlinge von hohen fünfstelligen Dollarbeträgen, die sie für die von Schleuserbanden organisierte Flucht zahlen mussten.

Doch bei noch so viel Bürokratie geht es in der «Bearbeitungsstraße» zur Flüchtlingsregistrierung menschlich zu. Der zweijährige Ali aus Syrien darf sich vor der Weiterfahrt nach München aus einem Karton mit Stofftieren noch eines aussuchen. Aber er kann sich nicht entscheiden und greift sich die ganze Schachtel. Mit einem breiten Grinsen läuft der Knirps durch den Raum. Der Beamte, der ihm den Karton gereicht hat, nickt nur. Ali darf alle Spielsachen mitnehmen.

Wen die Beamten in FLENSBURG ohne gültige Papiere antreffen, den nehmen sie mit zur Dienststelle. Dort sei die Lage «superentspannt», berichtet Polizeisprecher Schwartz. Die oft von der Reise erschöpften Menschen könnten sich hinlegen, für Babys halte die Inspektion Windeln, für Kinder Spielzeug bereit. Auch Kleidung sei vorrätig, falls verschmutzte Sachen gewechselt werden müssen. Für einen kleinen Jungen wird an diesem Tag ein Brei zubereitet. Auch die Erwachsenen erhalten Essen und Getränke.

Die Beamten bemühen sich, die Migranten ein wenig zur Ruhe kommen zu lassen, «weil wir wissen, dass sie eine lange Reise hinter sich haben». Das erkennen auch die Flüchtlinge an. «Wir hören auch schon mal: „Good cops“ (gute Polizisten)», erzählt Schwartz.

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