Grenzzaun soll «Völkerwanderung» nach Westeuropa stoppen

Ungarn will den dramatischen Strom von Flüchtlingen nach Westeuropa mit einem Stacheldrahtzaun stoppen. Die Erfolgsaussichten sind gering.

Viele Grenzschützer zweifeln an einem Erfolg. Es gebe viel zu wenig Personal, um den Zaun zu bewachen. (Foto: Flickr/ Barb wire by DryHundredFear CC BY 2.0)

Viele Grenzschützer zweifeln an einem Erfolg. Es gebe viel zu wenig Personal, um den Zaun zu bewachen. (Foto: Flickr/ Barb wire by DryHundredFear CC BY 2.0)

Der ungarische Regierungschef Viktor Orban spricht von einer «Völkerwanderung»: 86 000 aufgegriffene Migranten allein in den ersten sieben Monaten in Ungarn. Die Zahl der asylsuchenden Syrer, Afghanen und Pakistaner könnte schon bald regelrecht explodieren. Denn nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex sind allein im Juli rund 50 000 Flüchtlinge in Griechenland eingetroffen – alle auf dem Weg nach Westeuropa, vor allem nach Deutschland.

Sie alle kommen über die sogenannte Balkanroute: Über die Türkei ist es ein Katzensprung zu den griechischen Inseln wie Chios, Samos oder Lesbos. Allerdings kostet die Überfahrt in klapprigen Bötchen satte 1000 US-Dollar pro Person, berichten die Flüchtlinge übereinstimmend. Dann weiter über Athen nach Mazedonien. Die mazedonische Regierung schaut weg und überlässt den privaten Hilfsorganisationen den Einsatz.

Rund 1200 Flüchtlinge kommen jeden Tag. Im September könnten es sogar 10 000 sein, fürchtet Jasmin Redzepi von der Organisation «Legis». Sie verteilt in Mazedonien täglich 1200 Lunchpakete und Wasser. Einmal in Gevgelija bei der Einreise und noch einmal in Tabanovce am Grenzbahnhof bei der Ausreise nach Serbien. Meist durchqueren die Migranten den kleinen Balkanstaat in den täglich drei regulären oder den vielen Sonderzügen. Rund 20 000 allein von Mitte Juni bis Mitte Juli.

In Serbien müssen sich die Migranten im «Empfangszentrum» der Stadt Presevo melden. Weil sie in der Regel ohne Papiere ankommen, werden sie dort erkennungsdienstlich behandelt und erhalten Essen, Getränke und eine medizinische Notversorgung. Die nächste Etappe ist die serbische Hauptstadt Belgrad, wo sie in öffentlichen Parks in der Unterstadt auf Busse an die Grenze zu Ungarn warten.

Chaotische Zustände herrschen in der Kleinstadt Kanjiza, die 3,5 Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt ist. Abend für Abend kommen hier bis zu 2000 Flüchtlinge in Bussen an. Sie campieren meist direkt vor dem Rathaus. «Die Bevölkerung hat Angst, hat die Nase voll», sagt Gemeindevorstand Robert Lacko wütend. Die Stadt lasse täglich zwölf Tonnen Müll einsammeln, der beim Durchzug der Flüchtlinge zurückbleibe, beschreibt er eines der vielen Probleme.

Bei Einbruch der Dunkelheit setzt sich die Flüchtlingskarawane in Richtung Ungarn in Bewegung. Dort sollen die Migranten bis Ende des Monats mit einem Grenzzaun gestoppt werden. Auf einer Länge von 175 Kilometern wird eine Art Stacheldraht mit rasiermesserscharfen Schneiden montiert. Auf vier Meter soll er in die Höhe wachsen. Dadurch soll sich der Zuwandererstrom auf ein Sechstel reduzieren, hat Ungarns Ministerpräsident Orban versprochen.

Doch viele Grenzschützer zweifeln an einem Erfolg, so die dpa. Es gebe viel zu wenig Personal, um den Zaun zu bewachen. In den Grenzdörfern Serbiens gebe es schon Anzeichen für einen neuen Markt für Drahtscheren, berichtet die Polizei. Und tatsächlich: In der vergangenen Woche schnitten 18 Migranten den Draht durch und kamen so doch nach Ungarn. Sie wurden jedoch geschnappt, festgenommen und wieder abgeschoben.

Die es am Ende doch schaffen, bekommen in der nahe gelegenen Stadt Szeged etwas zu essen, zu trinken und Hygieneartikel. Die Hilfe wird von der ungarischen Hilfsorganisation MigSzol mit tatkräftiger Unterstützung der Kommune generalstabsmäßig geplant und umgesetzt. In der Hauptstadt Budapest kommen die Flüchtlinge ihren Traumzielen Österreich, den Niederlanden, Skandinavien und vor allem Deutschland näher.

Immer wieder kommt die Frage auf den Tisch, warum sich Hunderttausende seit dem Frühjahr scheinbar wie auf Kommando in Bewegung setzen, obwohl Bürgerkriege und Armut ihre Heimat schon viele Jahre beuteln. Kanjiza-Gemeindevorsteher Lacko sieht ein Komplott der USA, die Europa schwächen wollten. Es handele sich um eine «bestens organisierte Flucht». Die verschiedenen Nationen würden von «Anführern in speziellen T-Shirts» geführt. Geld sei reichlich vorhanden und werde über Western Union organisiert. Auffällig ist, dass die Gruppen in der Regel gezielt mit Hilfe von GPS-Daten unterwegs sind. «Und da ist leider unsere beschauliche Stadt Kanjiza als letzter Punkt vor der ungarischen Grenze markiert», klagt Lacko.

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