Remchingen könnte überall sein – Nach Anschlag rückt Ort zusammen

Nach einem Brandanschlag auf ein geplantes Asylbewerberheim ist die Betroffenheit im baden-württembergischen Remchingen groß. Und auch die Hilfsbereitschaft. Als Symbol für Fremdenfeindlichkeit will sich der Ort nicht abgestempelt sehen.

«Eine offene Szene, die sich gegen Ausländer richtet, gibt es aber nicht», so der Rathauschef. (Screenshot YouTube)

«Eine offene Szene, die sich gegen Ausländer richtet, gibt es aber nicht», so der Rathauschef. (Screenshot YouTube)

Es hätte ein Zuhause für vier bis fünf Flüchtlingsfamilien werden können: solide Bauweise, neue Fenster, umgeben von Büschen und einem Nussbaum vor der Tür, direkt am Flüsschen Pfinz. Der Bürgermeister der badischen Gemeinde Remchingen, Luca Prayon (CDU), steht inmitten des Grüns. «Es war ein schönes Objekt», sagt er. Davon ist allerdings nur eine traurige Hülle geblieben. Verkohlte Balken ragen ins offene Dach, verrußte Fensterhöhlen mit geschmolzenen Rollläden starren nach außen.

Aus dem geplanten Asylheim am Rande des Remchinger Industriegebietes Meilwiesen ist ein Mahnmal geworden. Jemand hat in der Nacht auf den 18. Juli Benzin im Obergeschoss verschüttet und das Haus angezündet. Von dem oder den Tätern fehlt bislang jede Spur, so die dpa.

Mehr als 200 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in der ersten Hälfte dieses Jahres listete Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) kürzlich auf. In die «schreckliche und beschämende Bilanz» fremdenfeindlicher Angriffe hat sich mit Remchingen erstmals Baden-Württemberg eingereiht.

Das hat die grün-rote Landesregierung kalt erwischt. Und das zwischen Karlsruhe und Pforzheim gelegene Remchingen erst recht. Bis dahin stand der 12 000-Einwohner-Ort für Fachwerk-Idylle mit Römer-Museum und einem regen Unternehmertum.

«Remchingen ist nicht fremdenfeindlich», betont Prayon. Und die Buchhändlerin an der Hauptstraße sieht dies ebenso wie Peter Farr vom Netzwerk Asyl, einem lokalen Zusammenschluss ehrenamtlicher Helfer. Hier waren italienische Gastarbeiter schon willkommen, als man andernorts über die armen Neuankömmlinge die Nase rümpfte. 34 Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Iran, Serbien, Algerien und anderen afrikanischen Staaten leben in der badischen Gemeinde. Im Fußballclub Wilferdingen spielen Asylbewerber aus Pforzheim mit.

«Ich habe hier keine Angst», versichert Djilali Meriane. Der algerische Asylbewerber lebt seit neun Monaten mit seiner Familie in Remchingen. Er arbeitet in einer Gärtnerei, seine Kinder spielen mit deutschen Freunden. «Alle sind sehr freundlich», sagt der 38-Jährige.

Die Polizei hat in Remchingen eine «niedrige einstellige Zahl» von Anhängern der rechten Szene ausgemacht. «Eine offene Szene, die sich gegen Ausländer richtet, gibt es aber nicht», so der Rathauschef.

Unter dem Motto «Remchingen zeigt Flagge!» sind nach der Feuerattacke 700 Bürger auf die Straße gegangen. Das bis dahin aus 50 Ehrenamtlichen bestehende Netzwerk Asyl von Farr hatte auf einmal 40 Helfer mehr. «Es gibt eine große Offenheit für das Thema, die vorher so nicht sichtbar war.»

Fünf Alternativ-Wohnungen wurden der Verwaltung angeboten; die werden nun geprüft. Auch die Unternehmer aus dem Gewerbegebiet Meilwiesen haben sich Gedanken gemacht. Einer könnte Container-Wohnungen bauen. Einen alternativen Standort – etwas weiter weg – hätten sie auch im Blick.

Asylbewerber gleich nebenan? «Ich kann mir vorstellen, dass es vielleicht nicht gut für das Geschäft wäre», meint vorsichtig Helmut Schwenk, Inhaber einer Werkzeugbaufirma. Über den Brand ist er gleichwohl entsetzt: «Egal, wer es gemacht hat: Ich verurteile dies.»

Doch wer war’s? Die Polizei überprüfte rund 100 Hinweise. Eine heiße Spur war nicht dabei. Die Remchinger können sich nicht vorstellen, dass es einer von hier war. Die Sicherheitsbehörden halten einen fremdenfeindlichen Hintergrund für wahrscheinlich. Prayon hingegen sagt: «Es gibt auch Pyromanen und Mutproben.» Und Farr ergänzt: «Wir haben als Jugendliche auch viel Blödsinn gemacht.»

In Baden-Württemberg rechnen die Kommunen mit 80 000 bis 100 000 neuen Asylbewerbern im laufenden Jahr. Das wäre eine Verdreifachung im Vergeich zu 2014. Bis jetzt konnte Remchingen die Flüchtlinge alle gut unterbringen, sagt Prayon. Wenn «größere Flüchtlingsströme» kommen, hat aber auch der Jurist «ganz nüchtern betrachtet Sorgen». Das betrifft alle Kommunen. So gesehen könnte Remchingen überall sein.

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