Schlimmer Verdacht: Setzt IS Senfgas gegen Kurden im Irak ein?

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat in der vergangenen Woche möglicherweise Senfgas gegen kurdische Kräfte im Irak eingesetzt. Einem hochrangigen US-Beamten zufolge deute alles darauf hin, dass die Terroristen im Besitz der verbotenen Chemikalie sind. Stammen könnte das Gift aus syrischem Regierungs-Arsenal.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat seine Kampfmöglichkeiten offenbar auf eine neue Stufe gestellt. Zuletzt soll Senfgas gegen kurdische Truppen im Irak zum Einsatz gekommen sein. Der US-Geheimdienst befürchtet, dass das Gift aus versteckten Chemie-Waffenlagern in Syrien stammt. Trifft dies tatsächlich zu, wirft das neue Fragen über die Bedrohungen durch den Islamischen Staat und die Fähigkeit der US-Verbündeten auf, die Terrormiliz wirksam zu bekämpfen.

Der fragliche Senfgas-Einsatz soll am 12. August etwa 40 Meilen südwestlich von Arbil im Nordirak stattgefunden haben. Ein Sprecher des deutschen Verteidigungsministeriums habe angegeben, dass etwa 60 von der Bundeswehr ausgebildete Peschmerga-Kämpfer, die die kurdischen Gebiete im Norden des Irak schützen, Reizungen der Atemwege erlitten hätten. Um welches Gift es sich handelte, darüber herrsche bei der Bundeswehr Unschlüssigkeit, so das Wall Street Journal. Ein US-Behördenvertreter bestätigte dem WSJ jedoch: „Wir haben glaubwürdige Informationen, dass es sich um Senfgas gehandelt hat.

Der US-Geheimdienst ging bereits vor dem jüngsten Zwischenfall mit den Peschmerga davon aus, dass die Terrormiliz mindestens über einen kleinen Vorrat an Senfgas verfüge, berichtet das Blatt weiter. Bislang sei das jedoch nicht öffentlich gemacht worden. Der Einsatz von Chlorgas, das nach der Chemiewaffenkonvention nicht verboten ist, war hingegen bekannt.

Schon jetzt beklagen kurdische, irakische und moderate syrische Kämpfer, zu wenig Unterstützung durch die US-Truppen zu erhalten. Dabei ging es bislang nur um konventionelle Waffen. Nach Ansicht von Experten bedürfe es nun einer speziellen Ausrüstung und Ausbildung, um sich auch gegen unkonventionelle Waffen zu schützen, sollten diese künftig zu einer festen Größe auf dem Schlachtfeld werden. Hinter dem Senfgas-Einsatz vermuten die Amerikaner eine neue Taktik der psychologischen Kriegsführung. Denn auch die physischen und psychischen Folgen eines Senfgas-Einsatzes wären fatal.

Senfgas kam erstmals im Ersten Weltkrieg zum Einsatz. Es verursacht schmerzhafte Verbrennungen und Blasen. Kommt es in größeren Mengen zum Einsatz, ist es tödlich. Die Terrormiliz könnte das Gift aus Beständen des Assad-Regimes haben (mehr hier), das in der Vergangenheit auch den Besitz der Nervengifte Sarin und VX eingeräumt hat. Eine durchaus plausible Möglichkeit. Immerhin warnte Andrew Tabler vom Washington Institute for Near East Policy schon 2013, dass der Abrüstungs-Prozess transparent ablaufen würde. „Es würde mich sehr wundern, wenn das Regime den Zugang zu allen Orten gewährleisten würde“, so Tabler damals. Er zeigte sich sicher: Die Zerstörung der C-Waffen könne in diesem Sinne nicht kontrolliert werden (mehr hier). Möglicherweise stamme das Senfgas aber auch aus alten Lagerbeständen Saddam Husseins, so das WSJ weiter. Entsprechende Untersuchungen liefen bereits. Dass der IS über das weitaus tödlichere Sarin oder VX verfügen könnte, glaubt der US-Geheimdienst allerdings nicht.

Erst Ende Mai dieses Jahres teilte die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) in Den Haag mit, dass 90 Prozent aller Chemiewaffen weltweit inzwischen zerstört seien.Umfasst seien auch Bestände tödlicher Waffen wie Senfgas und Chemikalien zur Produktion des Nervengases Sarin. Weiter teilte die Kontrollbehörde mit, die Vernichtung der Chemiewaffen-Bestände in Russland und den USA aus dem Kalten Krieg verlaufe planmäßig und solle Ende bis 2023 abgeschlossen sein.

Die Chemiewaffenkonvention über das Verbot und die Vernichtung dieser Waffen war 1997 in Kraft getreten. 190 Staaten haben bisher den Vertrag ratifiziert. Ägypten, Israel, Nord-Korea und Süd-Sudan sind keine Vertragsstaaten. In Angola und Myanmar steht die Ratifizierung bevor. Die OPCW, die die Einhaltung der Konvention überprüfen soll, war 2013 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden (mehr hier).

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