Türkische Wirtschaft wegen Kurden-Konflikt und Neuwahlen in der Krise

Wichtige Branchen schwächeln, und die Landeswährung taumelt: Das Schwellenland Türkei kämpft mit einer kräftigen Konjunkturflaute. Ein Grund ist die äußerst unsichere politische Lage.

Wirtschaftsflaute in der Türkei: Ministerpräsident Ahmet Davutoglu verlängerte deswegen kurzerhand die Schul- und Semesterferien um zwei Wochen. (Foto: Flickr/Moyan Brenn)

Wirtschaftsflaute in der Türkei: Ministerpräsident Ahmet Davutoglu verlängerte deswegen kurzerhand die Schul- und Semesterferien um zwei Wochen. (Foto: Flickr/Moyan Brenn)

Neuwahlen, innenpolitisches Geschacher und der wieder aufgeflammte Kurden-Konflikt: Die Turbulenzen in der Türkei haben auch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das Land zwischen Europa und Asien hat wie so viele Schwellenländer derzeit mit der Konjunktur zu kämpfen – da birgt die unsichere politische Lage zusätzliche Risiken. Um gegenzusteuern, greift die Führung in Ankara zu besonderen Maßnahmen.

So verlängerte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu kurzerhand die Schul- und Semesterferien um zwei Wochen. Das soll die Wirtschaft und vor allem die schwächelnde, aber wichtige Tourismusbranche ankurbeln. Ob jedoch das, was Studenten und Schüler freut, auch wirklich der Wirtschaft hilft – da sind Experten skeptisch.

Symbol für die schwierige Lage ist der Verfall der türkischen Lira: Die Landeswährung verliert seit Wochen an Wert und sank erst kürzlich auf ein Allzeittief. Für einen Euro mussten zwischenzeitlich 3,4 Lira gezahlt werden – rund 20 Prozent mehr als noch Mitte Juli. Auch an dieser Entwicklung sei die innenpolitische Krise Schuld, sagt Finanzexperte Deniz Cicek der Deutschen Presse-Agentur.

Die islamisch-konservative Regierungspartei AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte bei den Parlamentswahlen im Juni ihre absolute Mehrheit verloren. Wochenlange Koalitionsgespräche scheiterten – nun hat Erdogan Neuwahlen für den 1. November ausgerufen und hofft auf einen breiten Erfolg. Doch Beobachter sind skeptisch, ob die Idee aufgeht.

Hinzu kommen Sicherheitsprobleme: Seit Juli ist der schon überwunden geglaubte Konflikt mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK wieder aufgeflammt. Tödliche Anschläge der PKK auf Sicherheitskräfte und blutige Scharmützel sind an der Tagesordnung. Die Armee fliegt Luftschläge gegen PKK-Verstecke im Nordirak und in der Türkei.

Die unübersichtliche Lage – mit der täglichen Gefahr von Attentaten auch in der Millionenmetropole Istanbul – bringt vor allem die Tourismusbranche in Bedrängnis. Reiseunternehmer fürchten Stornierungen. Der äußerst wichtige Industriezweig, der 2014 Einnahmen von rund 34,3 Milliarden US-Dollar brachte, schwächelt ohnehin seit Jahresbeginn.

Vor allem die Wirtschaftskrise in Russland macht sich bemerkbar, denn von dort kamen stets viele Touristen. Zwischen Januar und Juni 2015 sank die Besucherzahl aus dem Riesenreich nach Angaben des türkischen Tourismusministeriums im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund ein Viertel. Hinzu kommt die harte Konkurrenz aus dem Nachbarland Griechenland – dort sind die Preise niedriger, was auch deutsche Urlauber ihre Pläne ändern lässt.

Andere Branchen haben ebenfalls Probleme, nicht zuletzt wegen der schwachen Lira. So muss etwa der Bausektor Stahl und anderes Material importieren. Bei den fast 6000 deutschen Firmen in der Türkei führt der Währungsverfall nach Angaben aus deutschen Wirtschaftskreisen allerdings nicht zu unmittelbaren Problemen. Das liege unter anderem daran, dass meist die Preise in Dollar oder Euro gemacht und der Umrechnungskurs als monatlicher Durchschnitt genommen wird.

Auch das Wirtschaftswachstum gibt keinen Anlass zum Jubeln. Nach 4,9 Prozent im ersten Quartal 2014 verzeichnete die Türkei zwischen Januar und März 2015 nur noch ein Plus von 2,3 Prozent. Dennoch betont Cemil Ertem, ein Berater von Präsident Erdogan, die Zentralbank schätze die Wirtschaft als stark ein. Auch deshalb will das Geldinstitut den Leitzins – anders als von Experten gefordert – zunächst nicht anheben, «unter Berücksichtigung der Unsicherheit in den heimischen und globalen Märkte und der Volatilität der Energie- und Nahrungsmittelpreise», wie sie kürzlich erklärte.

«Die Zentralbank steht unter politischem Druck», sagt indes Finanzfachmann Cicek. «Vor den Wahlen denken die Politiker kurzfristig, und sie wollen das Wirtschaftswachstum nicht gefährden.» Der Experte befürchtet, dass die Währung bis November weiter an Wert verliert. Zugleich betont er, dass nicht alle Branchen Probleme hätten. «Der Finanzsektor ist in einer guten Lage, das ist ein Plus», nennt Cicek ein Beispiel. Doch er räumt ein: «Wir werden keine echte Krise haben, aber wir werden vor Problemen stehen.»

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