Atomkraftwerk: Türkei sollte nicht mit Russland zusammenarbeiten

Die Zweifel an der Zusammenarbeit mit Russland haben einen leitenden Angestellten im ersten türkischen Atomkraftwerk in Akkuyu zum Rücktritt bewogen. Zwar erachtet auch er die Atomenergie für die Türkei als unverzichtbar. Rosatom sei für eine Kooperation aber nicht professionell genug.

Schwere Vorwürfe: Waren die Russen bei den Planungen in der Türkei schlampig? (Foto: Flickr/ Nuclear power plant by Bjoern Schwarz CC BY 2.0)

Schwere Vorwürfe: Waren die Russen bei den Planungen in der Türkei schlampig? (Foto: Flickr/ Nuclear power plant by Bjoern Schwarz CC BY 2.0)

Faruk Uzel bekleidete den Posten als so genannter Public Diplomacy und Government Relations Manager für das Aktienunternehmen Akkuyu NPP bereits seit vier Jahren. Nun kamen dem Mitarbeiter aber offenbar schwere Zweifel. Er trat zurück – mit einer Warnung gen Ankara.

„Dieses Projekt muss umgesetzt werden, allerdings nicht mit diesen Leuten“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Uzel. „Sie [der Staat] sollten dieses amateurhafte und mit technischen Störungen behaftete Projekt aufgeben. Sie sollten es mit professionelleren Partnern durchzuführen.

Im Rahmen einer Pressekonferenz am 3. September in Mersin stellte Uzel seine Zweifel in den Raum, wie ein Unternehmen, das nicht einmal unterirdisches Wasser von einem gerade einen Meter unter dem Meeresspiegel gebauten Informationszentrum fernhalten könnte, ein Atomkraftwerk bauen könnte, das zwölf Meter unter der Meereslinie und in der Nähe der See errichtet werde. Er fragte auch, ob es tatsächlich wahr sein könne, dass Rosatom die Uferlinie bei der Platzierung der Reaktoren außer Acht und diese darunter angesetzt hätte. Denn genau wegen dieser Fehler könnte das Unternehmen das Projekt nicht fortführen und warte derzeit auf eine Gesetzesänderung, so das Blatt weiter. Fragwürdig erschien Uzel zudem die mangelnde Transparenz der russischen Kollegen beim Thema Strahlung und Messungen. So seien entsprechende Anfragen der Mersin Universität und von Vertretern der Bürgerinnen und Bürger Mersins abgelehnt worden.

Seiner Ansicht nach gingen von dem gemeinsam mit den Russen umgesetzten Projekt immense Risiken aus. Aus diesem Grunde und weil er dies öffentlich machte, sei er nun auch zurückgetreten.

Im vergangenen April wurden die türkischen Atomkraftwerke tatsächlich real. Mit dem Baubeginn in Mersin wurde das erste von bislang drei geplanten Atomkraftwerken im Land umgesetzt. Umweltschützer begleiteten den Spatenstich mit Protesten. Die Polizei rückte mit Wasserwerfern an. Im Sommer betonte der türkische Energieminister Yildiz noch einmal, dass das Projekt aufgrund eines gegenseitigen Regierungsabkommens quasi nicht rückgängig zu machen ist:

Die Anlage in der Provinz Mersin soll mehr als 20 Milliarden Euro kosten. Die türkische Regierung möchte mit dieser Initiative Energie-Importe reduzieren. Sie hat den russischen Staatsbetrieb Rosatom beauftragt, das Akw gemeinsam mit einer türkischen Firma zu bauen. Eingefädelt wurde der Deal bereits 2011. Es soll im Jahr 2020 fertig sein und dann 1200 Megawatt Strom produzieren können.

Da der Türkei die Kompetenzen fehlen, werden bereits seit einigen Jahren türkische Studenten in Russland ausgebildet. Grundlage ist ein Regierungsabkommen zwischen der Türkei und Russland (mehr hier). Diese Übereinkunft ist Teil von Ankaras Strategie, die Atomenergie im Land weiter zu forcieren.

Die von Kritikern immer wieder dargelegten Schattenseiten dieser Vorhaben werden offenbar bewusst in Kauf genommen (mehr hier). Denn: Immer wieder werden internationale Mahnungen in Richtung Türkei laut. Kumi Naidoo, internationaler Direktor der Umweltorganisation Greenpeace, empfahl bei seiner Türkei-Visite Anfang 2012 hiesigen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, dass ihr strategisch günstig gelegenes Heimatland ein Exempel statuieren und statt in Atomenergie, Öl und Kohle, lieber in Solar- und Windkraft investieren sollte. Ähnlich ergeht es Grünen-Chef Cem Özdemir. Er versteht nicht, warum die Türkei ihre Potentiale nicht ergreife. Die Nutzung von Solarenergie liege in dem Land auf der Hand. Auch in der türkischen Bevölkerung ist die Stimmung zu diesem Thema nicht erst seit gestern alles andere als regierungskonform (mehr hier).

Mehr zum Thema:

Yildiz weist Kritik an türkischen AKW-Plänen zurück: Deutschland, Frankreich und Japan sind viel leichtsinniger
Spatenstich: Türkei beginnt mit Bau von erstem Atomkraftwerk
Fahrlässiger Plan: Türkei baut Atomkraftwerk in Erdbebengebiet

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.