Die «Verteidiger des christlichen Europas» leben auf dem Balkan

Ungarns Regierungschef Orban will das christliche Europa vor den andersgläubigen Flüchtlingen retten. Diese Idee blüht seit Jahrhunderten auf dem Balkan. Viele Völker sehen sich auch heute noch als Vorkämpfer.

«Wenn wir jeden reinlassen, bedeutet das das Ende Europas», so Orban. (Screenshot YouTube)

«Wenn wir jeden reinlassen, bedeutet das das Ende Europas», so Orban. (Screenshot YouTube)

Der ungarische Regierungschef Viktor Orban malte in den letzten Tagen wieder einmal seine Apokalypse an die Wand. Millionen Menschen aus dem Orient werden das Abendland in Besitz nehmen und «wir werden dann überraschend feststellen, dass wir nur noch die Minderheit auf unserem eigenen Kontinent sind». Die Folge: «Wenn wir jeden reinlassen, bedeutet das das Ende Europas.» Was in Westeuropa auf rüde Kommentare der Politiker stieß, ist in den Balkanländern seit Jahrhunderten salonfähig: «Die Verteidigung des christlichen Europas» gegen Muslime haben sich auch heute noch einige Balkannationen auf die Fahnen geschrieben.

Der serbische Außenminister und OSZE-Vorsitzende Ivica Dacic behauptet regelmäßig, sein Land habe «schon vor 15 Jahren» den Geheimdiensten in Europa und den USA Erkenntnisse über Mudschaheddin in Bosnien, Kosovo und Albanien geliefert. Aber «niemand kümmerte sich um sie, weil sie ja (in den 90er Jahren) gegen Serbien kämpften», argumentiert er dann. International «hatten wir dieses Problem schon vor den Krisen in Syrien, Libyen oder Irak», aber man habe die Islamisten gewährenlassen, weil sie gegen die Regime in ihren Ländern arbeiteten.

In Mazedonien gibt es schwere Konflikte zwischen den christlichen Slawen und der muslimischen Minderheit der Albaner, die sich erst im letzten Mai in bewaffneten Kämpfen mit vielen Toten entladen hatten. Im Kosovo und in Bosnien warnen die Serben ebenfalls vor den Muslimen und sehen ihre Auseinandersetzung als Teil des angeblichen Kampfes zwischen Abend- und Morgenland. In Bulgarien versuchten die damaligen Kommunisten 1989, die knapp zehn Prozent der Bevölkerung stellende türkische Minderheit mit einem Verbot ihrer Kultur und Sprache und einer zwangsweisen Änderung der Namen (Hassan wurde zu Hristo) zu assimilieren.

Quer über die Balkanhalbinsel verläuft vom 16. bis zum 19. Jahrhundert die berühmte Militärgrenze von der Adria bis zum Draufluss. An dieser Schnittstelle zwischen dem christlichen Habsburger und dem muslimischen Osmanischen Reich wurden die örtlichen Bauern mit Land und Freiheit belohnt, wenn sie sich zum Kampf gegen den Feind aus dem Orient bereitfanden.

Aber auch im Krieg in Bosnien-Herzegowina (1992-1995) diente dieser vermeintliche Kampf der Kulturen einmal mehr zur vorgeschobenen Rechtfertigung. Der Militärchef der bosnischen Serben, der als «Schlächter vom Balkan» vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagte Ratko Mladic, machte die Revanche für die jahrhundertelange Unterdrückung seines Volkes durch «die Türken» zu einem Motiv seiner Missetaten.

Ob es tatsächlich eine zivilisatorische Abgrenzung gibt, sorgte auch in Deutschland immer wieder für leidenschaftliche Diskussionen, so die dpa. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff sorge 2010 mit seinem «Der Islam gehört zu Deutschland» für Aufregung. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte anlässlich von Anschlägen noch in diesem Jahr wiederholt: «Das ist so, dieser Meinung bin ich auch». Sie erntete aber Widerspruch selbst aus dem eigenen Lager in Gestalt von CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder oder Sachsens Ministerpräsident Stanislav Tillich.

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