Willkommenskultur verkehrt: Wie eine Türkin zum Flüchtling wird

In vielen deutschen Städten macht sich derzeit eine Welle der Hilfsbereitschaft breit. Ankommende Flüchtlinge werden von unzähligen Ehrenamtlichen teils jubelnd in Empfang genommen und versorgt. Dass es dabei auch zu Missverständnissen kommen kann, musste nun offenbar eine junge, in Deutschland geborene Türkin erfahren.

Gut gemeint, aber wohl etwas voreilig.... (Screenshot http://interweb3000.de)

Gut gemeint, aber wohl etwas voreilig…. (Screenshot http://interweb3000.de)

Die Szenen, die die BBC am vergangenen Wochenende am Münchner Hauptbahnhof festgehalten hat, verbreiteten sich in Windeseile in den Sozialen Netzwerken. Die Helfer auf dem Bahnsteig begrüßten die Flüchtlinge mit anhaltendem Applaus. Diese blickten teils sichtlich erlöst in Richtung ihrer Gastgeber. Ähnliche Szenen wiederholten sich auch in anderen Städten und sorgten immer wieder für Gänsehautmomente.

Die große Solidarität mit den Flüchtlingen führte kürzlich aber auch zu kuriosen Situationen. Das Portal Interweb 3000 hat die Nachricht einer jungen Frau ausgegraben, die gleich zweimal fälschlich für einen Flüchtling gehalten wurde. Sie schreibt:

„Ich wurde diese Woche an zwei deutschen Hauptbahnhöfen mit Applaus und Willkommensrufen auf Arabisch empfangen. Und ich musste mich mit Händen und Füßen dagegen wehren ‚aufgenommen‘ und ins Durchgangslager für Flüchtlinge gebracht zu werden. Ganz neue Erfahrung für mich, eine Türkin, die in Deutschland geboren wurde, die deutsche Staatsangehörigkeit hat und noch nie so freundlich behandelt wurde wie an diesen Tagen…“

Woher solche Begebenheiten rühren könnten, meint der Politologe Anthony Glees erkannt zu haben. Vor kurzem hat er die britische Sicht auf die deutsche Flüchtlingspolitik beschrieben: In Großbritannien herrsche der Eindruck, die Deutschen hätten den Verstand verloren. Deutschland gebärde sich seiner Ansicht nach im Moment wie ein „Hippie-Staat, der nur von Gefühlen geleitet wird“. Statt nur mit dem Herz, müsse man auch mit dem Hirn handeln, sagte Glees.

Dass die aktuellen Zuwanderungen die Gesellschaft nachhaltig verändern werden, glaubt unterdessen Dietrich Thränhardt, emeritierter Professor für Migrationsforschung an der Universität Münster. «Sie wird jünger, sie wird vielfältiger, es wird mehr Muslime geben, aber nicht nur strenggläubige», sagt Thränhard. Die Zuwanderung biete zudem die Chance auf eine Entwicklung hin zu einer offeneren Gesellschaft. «Ich bin jetzt eigentlich sehr optimistisch, weil es eine Explosion der Offenheit, der Hilfsbereitschaft gegeben hat.»

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