Fremde kann Heimat werden: Zaimoğlu gibt in «Siebentürmeviertel» eine Antwort

Was ist Heimat? Die Frage ist brandaktuell, während Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind. Feridun Zaimoğlu gibt mit seinem neuen Roman «Siebentürmeviertel» eine Antwort.

Migration, Heimat, Glaube, Vielfalt – all das sind Themen und Motive unserer Zeit. Feridun Zaimoğlu (50) bringt sie alle in seinem neuen Roman «Siebentürmeviertel» unter. Geplant war das nicht, stellt der Autor klar. «Ich bin ein klassischer Geschichtenerzähler und kein Konzeptkünstler», sagt Zaimoğlu der Deutschen Presse-Agentur. «Ich habe mir nicht von Anfang an vorgenommen, all diese Aspekte im Roman unterzubringen, sondern eine Geschichte zu erzählen.»

Zaimoğlu erzählt die des Jungen Wolf. Der Sechsjährige flieht 1939 zusammen mit seinem Vater aus Nazi-Deutschland nach Istanbul. Die beiden wohnen im Armenviertel Yedikule (Deutsch: sieben Türme) bei einer türkischen Familie, bis Franz, Wolfs Vater, nach Ankara zieht und seinen Sohn zurücklässt.

Der Deutsche kämpft sich durch die rivalisierenden Gruppen des Viertels, behauptet sich unter den Jugendlichen, übernimmt den Aberglauben der Menschen («Ich gehe ins Bett, verberge den Daumen in der Handhöhle, um nicht schlecht zu träumen»), erkennt ihre ganz individuellen Befindlichkeiten, findet nach und nach immer mehr seinen Platz in der Fremde. Für ihn ist die emanzipierte Derya Schwester, Pflegevater Abdullah Bey nennt er Vater. Und Franz? «Ich habe ihn vergessen», sagt Wolf als Ich-Erzähler.

Wolf fühlt sich als Türke, obwohl er für die Menschen in Yedikule der Deutsche bleibt. Er wird zum Jungen mit deutschem Blut und türkischer Haut. «Heimat geht ja nicht über den Kopf», sagt Zaimoğlu.

Man könnte meinen, der Schriftsteller drehe seine eigene Migrationsgeschichte um. Zaimoğlu ist im türkischen Bolu geboren, seine Familie zog nach Deutschland, als er knapp sechs Monate alt war. Seine Kindheit – und die seines Vaters, der in Yedikule lebte – spielten natürlich in seine Erzählung mit rein. «Ich hätte aber weniger Schritte machen können, hätte ich mich auf meine eigene Kindheit verlassen», sagt Zaimoğlu.

Stattdessen habe er in eineinhalb Jahren der «Anverwandlung» versucht, sich in den deutschen Bub hineinzuversetzen. Das gelingt dem Schriftsteller – dem «Filou der deutschsprachigen Literatur», wie die «Süddeutsche Zeitung» ihn nennt: Als Ich-Erzähler Wolf beobachtet er die neue Umgebung bis ins kleinste Detail, hört den Großen aufmerksam zu, gibt Ratschläge oder spitzt die Ohren nach dem, was nicht für ihn bestimmt ist. Ernüchternd bis amüsant ist, Wolf etwa dabei zu erleben, wie er sich in einem Viertel durchsetzen muss, in dem die Menschen ihn «Hitlersohn» und «Arier» nennen, weil auch sie sich in alle nur möglichen Schubladen stecken: Kurde, Türke, Grieche, Christ, Moslem, Jude; Frau oder Mann.

Doch die erdachte Figur klingt oft nicht wie ein sechsjähriger Junge, denn Wolf hinterfragt, reflektiert, ordnet ein wie ein Lebenserfahrener. Für Zaimoğlu ist das nur natürlich: «Er spricht so und die anderen sprechen so», sagt er. Die «kleinen Menschen» lauschten den Älteren die Worte schließlich ab. «Die Kindheit können sie nicht ausleben, sie werden nicht geschont.»

Und auch sexuelle Gedanken macht Wolf sich («Ihre Brüste, Schaum auf den Kacheln, ich denke daran. Sündenbild im Kinderkopf») als Sechs- wie als Sechszehnjähriger, der er im zweiten Teil des Buches ist. Die früh erwachte Sexualität ist überhaupt «ein weidlich ausgeschlachtetes Motiv des Buches», wie das Deutschlandradio Kultur kommentiert. «Wir haben in unseren Köpfen so Idealvorstellungen», sagt Zaimoğlu. «Es hat einfach mit einer Natürlichkeit zu tun, die wir uns hier nicht immer aus guten Gründen verbieten.»

Den poetischen Schreibstil, der voll von Dialogen ist, zieht Zaimoğlu auf 800 Seiten durch. Das ist sicher eine hohe Kunst, aber auch wenig abwechslungsreich und teilweise ermüdend. Und obwohl die Geschichte historische Bezüge aufbaut, bleiben sie nur Kratzer an der Oberfläche. Auf die Longlist des Deutschen Buchpreises hat der Roman es dennoch geschafft. Das sei Grund zur Freude, sagt Zaimoğlu. «Ein kleines Lob, es gilt aber weiterhin, demütig im Weingarten des Herrn zu arbeiten.»

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