Özdemir in Cizre: Bitterer Vorgeschmack auf einen Bürgerkrieg

Cem Özdemir warnt vor einem Bürgerkrieg in der Türkei und besucht die Stadt Cizre. Dort wissen die Menschen nach schweren Gefechten und neuntägiger Ausgangssperre, wovon der Grünen-Chef spricht.

Die Bewohner der kurdischen Stadt Cizre haben schon einen bitteren Vorgeschmack auf den Bürgerkrieg bekommen, der der Türkei im eskalierenden Kurden-Konflikt drohen könnte. Im Viertel Nur weist fast jedes Haus Einschusslöcher auf, manche Wände sind von Granaten durchschlagen worden – die Sicherheitskräfte haben in dem Wohngebiet in den vergangenen Tagen ganz offensichtlich schwere Waffen eingesetzt. Auch wenn derzeit Ruhe herrscht: Die Barrikaden, die Anhänger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK aus Bauschutt auf den Straßen errichtet haben, stehen noch.

Neun Tage lang hatte die Regierung eine Ausgangssperre über Cizre verhängt und die Stadt hermetisch abgeriegelt. Den mehr als 100 000 Bewohnern war in der gesamten Zeit untersagt, ihre Häuser zu verlassen. Am vergangenen Samstag wurde das Ausgehverbot aufgehoben, von Sonntagabend bis Montagmorgen war es wieder in Kraft.

Am Dienstag gelingt es Grünen-Chef Cem Özdemir, die malträtierte Stadt zu besuchen – bis zuletzt war unklar, ob die Sicherheitskräfte die Delegation passieren lassen würden. Der türkischstämmige Bundestagsabgeordnete ist bei der islamisch-konservativen Führung in Ankara alles andere als beliebt. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnet Özdemir abschätzig als «sogenannten Türken». In Cizre hatte die von Erdogan gehasste pro-kurdische HDP bei der Parlamentswahl im Juni 85 Prozent der Stimmen geholt.

Das Innenministerium spricht von 30 bis 32 PKK-Kämpfern, die bei den Gefechten in Cizre während der Ausgangssperre getötet wurden. Elf Angehörige der Sicherheitskräfte wurden demnach verletzt. Die pro-kurdische Partei HDP macht die Regierung dagegen für den Tod von 23 Zivilisten in Cizre verantwortlich. Unter den Toten sind diesen Angaben zufolge mindestens vier Minderjährige. Das jüngste Opfer ist laut HDP ein gerade einmal 35 Tage altes Baby. Der HDP-Abgeordnete Faysal Sariyildiz sagt, viele der Toten wiesen Kopfschüsse auf.

Die Häuser in Nur zeugen von der Härte, mit denen die Sicherheitskräfte vorgegangen sind – manche der Gebäude sind nur noch Ruinen. Anwohner führen Özdemir in ein zerschossenes und ausgebranntes Haus, die Blätter des Deckenventilators sind im Feuer geschmolzen. Am Straßenrand stehen von Kugeln durchsiebte Autowracks. Metall-Rollläden an den Geschäften sind durch Beschuss zerborsten. Ganze Wände sind unter den Granaten zusammengebrochen.

An den Mauern in Nur prangen PKK-Graffiti, so die dpa. Auf einer Barrikade haben PKK-Anhänger Attrappen von zwei bewaffneten und vermummten Kämpfern platziert. Ein Passant warnt die Besucher davor, sich den Attrappen zu nähern – er befürchtet, es könnte sich um Sprengfallen handeln.

Özdemir ist von der Zerstörung schockiert. «Nichts rechtfertigt den Einsatz schwerer Waffen gegen die eigene Bevölkerung», sagt er. Der Grünen-Chef warnt, der seit Juli eskalierende Konflikt mit der PKK könnte zum Flächenbrand werden. «Dieser Konflikt hat das Potenzial, die Türkei in den Bürgerkrieg zu führen.»

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im EU-Parlament, Rebecca Harms, begleitet Özdemir in Cizre. «Als ob man sich von einem Tag auf den anderen im Krieg befindet» – so beschreibt sie ihre Eindrücke, während sie durch den Schutt steigt, den die Gefechte hinterlassen haben. Ein kleiner Junge kommt auf die Delegation zu und zeigt einen Gurt mit Hülsen von Maschinengewehrpatronen. Eine kurdische Begleiterin der Besucher aus Deutschland bricht in Tränen aus.

Ein alter Mann empört sich über den Umgang des Staates mit den Bewohnern von Cizre. «Wir sind Menschen, keine Tiere», schimpft er. Cizres bisherige Bürgermeisterin Leyla Imret, die in Deutschland aufgewachsen ist, wohnt ebenfalls in Nur. Die 28-Jährige wurde während des Ausnahmezustands vom Innenministerium ihres Amtes enthoben, wogegen sie klagen will. Weil sie befürchtet, festgenommen zu werden, verlässt sie ihr Viertel derzeit so gut wie nie.

Niemand habe mit einer neuntägigen Ausgangssperre gerechnet, sagt Imret. «Wir hatten kein Wasser, keinen Strom, keinen Handyempfang.» In der Not durchbrachen Anwohner die Mauern zu ihren Nachbarn. «Hier leben so viele Kinder», sagt Imret. «Es waren ganz schlimme Tage für uns.» Das Vorgehen der Sicherheitskräfte hat auch sie schockiert. «Es ist alles kaputt, alles zerstört.» Sie erwartet sich nun vom Westen, «dass man sieht, was in der Türkei passiert: Hier werden Kinder umgebracht, hier werden Zivilisten umgebracht.»

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