«Ich will nicht ertrinken»: Flüchtlinge in der Türkei hoffen auf den Landweg

Hunderte Flüchtlinge harren am Busbahnhof in Istanbul aus, obwohl ihnen die Weiterreise verwehrt wird. Sie wollen über den Landweg nach Europa - statt die lebensgefährliche Überfahrt übers Meer zu wagen.

Am zentralen Busbahnhof auf der europäischen Seite der türkischen Millionenmetropole Istanbul harren Hunderte Flüchtlinge aus. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien, sie alle hoffen auf einen Bus in die türkische Grenzstadt Edirne – und darauf, dass ihnen erlaubt wird, auf dem Landweg in die EU einzureisen. Am Busbahnhof haben sie ein Plakat angebracht, auf dem an die Adresse der deutschen Bundeskanzlerin steht: «Angela Merkel, ich bin wie Dein Sohn, ich will nicht ertrinken.»

Längst hat sich herumgesprochen, wie gefährlich der oft tödliche Weg über die Ägäis von der Türkei nach Griechenland ist. Viele können sich auch die horrenden Preise, die die Schleuser für die Boote kassieren, schlicht nicht leisten.

Mehrere Tausend Flüchtlinge vor allem aus Syrien haben sich in den vergangenen Tagen auf den Weg nach Edirne gemacht. Viele von ihnen hat die türkische Polizei wieder nach Istanbul und in andere Städte zurückgeschickt. Die Sicherheitskräfte befürchten einen Ansturm auf die Grenze. In der Türkei haben nach Regierungsangaben fast zwei Millionen Flüchtlinge alleine aus Syrien Zuflucht gesucht.

Die Flüchtlinge am Busbahnhof in Istanbul kommen am Mittwoch nicht weiter. Die Busunternehmen verkaufen keine Tickets nach Edirne an Menschen ohne Papiere oder mit Pässen aus Syrien – und nichts deutet darauf hin, dass sich diese Politik demnächst ändern wird.

Iman Masri gibt dennoch nicht auf. Die 25-Jährige ist mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann auf der Flucht. Die Familie ist – wie viele andere – dem Aufruf der Facebook-Seite «Crossing no more» gefolgt. Der Name der Seite spielt auf die gefährliche Überfahrt über das Meer an und fordert die Menschen auf, im Busterminal auszuharren, bis sie nach Edirne und weiter in die EU geschickt werden.

«Wenn wir nach Syrien zurückkehren, werden wir sterben», zitiert die dpa Masri. «Wenn wir ein Boot nehmen, werden wir vielleicht sterben. Also haben wir keine andere Wahl, als hierzubleiben, bis sie uns die Weiterreise erlauben.» Viele Flüchtlinge am Busbahnhof tragen alle ihre wenigen Habseligkeiten bei sich. Sie schlafen auf dem Boden.

Auch Nafen Stas (36) und ihr Ehemann Mohammad (50) aus Damaskus warten mit ihren zwei Kindern am Busbahnhof. «Wenn Europa die Landgrenzen nicht öffnet, werden wir alle hier Boote nehmen, auch wenn das lebensgefährlich ist. Was bleibt uns sonst übrig?», fragt sie. «Wir haben keine Schulen, keine Jobs, keine Hoffnung, keine Zukunft.» Die Türkei nimmt zwar großzügig Flüchtlinge auf, erteilt ihnen aber keine Arbeitserlaubnis. Die allermeisten Flüchtlinge leben nicht in Camps, sondern schlagen sich in den Städten durch.

Nafen Stas sagt, sie und ihr Ehemann seien Anwälte in Syrien gewesen. Nun arbeite Mohammad Stas schwarz auf dem Bau, wo er gerade einmal 600 Türkische Lira (175 Euro) im Monat verdiene. Ein Drittel davon gehe für Miete drauf. «Er kann keine andere Arbeit finden», sagt Nafen Stas. «Wir wollen nach Deutschland, weil wir gehört haben, dass dort die Bedingungen für unsere Kinder gut sind.»

Mehr zum Thema:

Muslime helfen Flüchtlingen: «Ohne die Moschee wären wir verloren»
Flüchtlinge an Europa: Wenn der Krieg zu uns kommt, kommen wir zu Euch
Ziel Deutschland: Warum fliehen Flüchtlinge von der Türkei weiter nach Europa?

 

 

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.