Unmenschlich und unmoralisch: Türkischstämmige Unternehmer wollen keinen Stacheldraht nach Ungarn liefern

Die Bestellung sollte einen Wert von einer halben Million Euro haben. Zwei türkischstämmige Unternehmer aus Berlin haben aber offenbar kein Interesse daran, Ungarn mit 10.000 Drahtsystemen zu beliefern, die 40 Kilometer Grenze abriegeln könnten. Der Grund: Der Zaun ist zur Grenzsicherung gedacht und soll Flüchtlinge an einer Weiterreise gen Westen hindern.

Falsch angebracht wird ein Stacheldraht zur verheerenden Falle. (Foto: Flickr/ Elige vestra religio sapienter by Randy Heinitz CC BY 2.0)

Falsch angebracht wird ein Stacheldraht zur verheerenden Falle. (Foto: Flickr/ Elige vestra religio sapienter by Randy Heinitz CC BY 2.0)

Der Berliner Drahtgroßhändler Mutanox hat es offenbar abgelehnt, einer internationalen Anfrage aus Ungarn nachzukommen. Die beiden Geschäftsführer Talat Değer und Murat Ekrek sollen vergangenen Juli während eines Türkeiaufenthaltes eine entsprechende Anfrage für ein Angebot bekommen haben. Ein solcher Auftrag käme für sie allerdings nicht infrage.

„Wir haben sie durchdacht und für unmenschlich sowie unmoralisch befunden. Deshalb haben wir entschieden keine Ware an Ungarn zu verkaufen”, zitiert die deutsche Ausgabe der türkischen Zeitung Sabah die beiden Unternehmer. Deutschland habe mit der Flüchtlingsaufnahme positive Signale in die ganze Welt versendet, so die Firmenchefs gegenüber dem Blatt. „Als Migrantenkinder wollen wir auch unseren Beitrag für das Ansehen Deutschlands leisten. Am Ende haben wir sehr positive Rückmeldungen erhalten, die wir nicht erwartet hätten. Mit den letzten Flüchtlingsbildern haben wir gesehen, dass wir richtig gehandelt haben.”

Gegenüber der englischen Ausgabe des Blattes erklärt Değer zudem die ernsthafte Bedrohung, die von einem solchen Draht für alle Lebewesen ausgehe, wenn er falsch angebracht wird. Wie schlimm die Situation an der ungarisch-serbischen Grenze sei, habe er auf dem Weg in den Türkeiurlaub mit eigenen Augen gesehen:

„Normalerweise wird der Stacheldraht auf eine zwei Meter hohe Wand oder eine andere Struktur gesetzt, um Menschen und Tiere vor unerwünschten Verletzungen zu schützen. Die ungarische Regierung legt diesen Draht jedoch direkt auf den Boden. (…) für Flüchtling stellt er so eine ernsthafte Verletzungsgefahr dar (…).

Verfange sich ein Mensch oder ein Tier in diesem Draht, könne er nur mit Hilfe von außen wieder befreit werden, so der Fachmann weiter. Bei einem Selbstversuch verletze man sich umso mehr, je intensiver man sich befreien möchte.

Der „Welt“ zufolge habe ein anderer deutscher Händler, der nicht namentlich genannt werden möchte, zwar ein Angebot abgeben, sei dann aber nicht zum Zug gekommen. „Das musste alles ganz schnell gehen und war undurchsichtig. Im Nachhinein sind wir froh, nicht den Zuschlag erhalten zu haben“, zitiert das Blatt den Firmenchef. „Kinder, gefangen im Draht, sind eine Schande.“

Die Redaktion ging auch der Frage nach, woher der so genannte Nato-Draht für Ungarn stammen könnte. Und schreibt:

„Große Anbieter sitzen beispielsweise in den USA. Weltmarktführer dürfte die US-Firma Razor Ribbon sein. Daneben gibt es auch große Hersteller in der Türkei und vermehrt in China, die wiederum über Händler in Afrika ‚die Märkte überfluten‘, wie ein Branchenkenner sagt. (…) Den Nato-Draht für die jüngste Grenzsicherung zwischen Ungarn und Serbien dürfte nach Ansicht mehrerer Branchenexperten China geliefert haben. Angeblich wurde der Draht sogar per Luftfracht eingeflogen. Die eigentliche Montage erfolgte wohl durch das ungarische Militär.“

Die Flüchtlings-Katastrophe kommt, anders als von den Politikern in Europa behauptet, nicht überraschend. Vor allem Frankreich und Deutschland haben versucht, mit den Balkan-Staaten und der Türkei Deals abzuschließen, damit diese Staaten die Flüchtlinge geräuschlos aufnehmen. Doch alle geheimen Pläne scheiterten – weil sich der Skandal der unmenschlichen Behandlung der Flüchtlinge nicht länger verbergen ließ (mehr hier).

Von Tag zu Tag wird die Flüchtlingspolitik in Staaten der EU aggressiver, unmenschlicher und unverständlicher. Zäune, Stacheldrähte, bewaffnete Polizisten und Soldaten entlang der eigenen Grenze, Schlagstöcke, Wasserwerfer, Tränengas – das sind nach wie vor die wichtigsten Schutzmaßnahmen an den Außengrenzen der EU. Verhaftete, verletzte und erniedrigte Flüchtlinge werden in Kauf genommen.

Journalisten werden wahllos und mit einer noch nicht dagewesenen Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit gegenüber krankenhausreif verprügelt. Ihre Kameras werden zu Schrott gemacht und die Foto- und Videoaufnahmen – das Beweismaterial für die kriminelle EU-Flüchtlingspolitik – vernichtet.

Dafür gibt es weder rechtliche noch diplomatische Konsequenzen. Ganz im Gegenteil – alle EU-Politiker mit der deutschen Regierung an der Spitze schauen einfach zu und murmeln hin und wieder nach Kritik klingende Floskeln dahin. „Europa muss Solidarität zeigen“, – das ist die seit drei Wochen am meisten verwendete leere Phrase der entrüsteten europäischen Politik. Kein Politiker meint es ernst, keiner von ihnen unternimmt etwas Konkretes, um die Solidarität unter den EU-Ländern zu fördern. Dabei wäre es ganz einfach, wenn sie sich wenigstens an die Flüchtlingskonvention halten und den Flüchtenden erlauben würden, einen Asylantrag zu stellen.

Mit jedem Tag, an dem neue Flüchtlingsströme in die EU strömen, wird klarer: Der Plan A der EU-Flüchtlingspolitik, den syrischen und irakischen Flüchtlingen durch Grenzzäune, Stacheldrähte und Gewalt den Weg in den EU-Raum zu versperren, ist gescheitert (mehr hier).

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