Report: Türkisches Bildungssystem diskriminiert ethnische und religiöse Minderheiten

Das türkische Bildungssystem diskriminiert offenbar weiterhin ethnische und religiöse Minderheiten im Land. Das geht aus einem gemeinsamen Bericht des History-Stiftung und des türkischen Ablegers der Minority Rights Group hervor. Der Report hebt insbesondere die negativen Auswirkungen der ideologischen Neuausrichtung durch die AKP hervor.

Der Bericht mit dem Titel „Auf Farbe, Herkunft, Sprache, Religion und Glauben basierende Diskriminierung im türkischen Bildungssystem“, beruht auf 18 Monaten Forschung und wurde am 30. September in einer Pressekonferenz vorgestellt.

Im Rahmen der Untersuchung wurde ein Netzwerk aus 17 zivilgesellschaftlichen Organisationen ins Leben gerufen, um Diskriminierungen im Bildungsbereich zu überwachen. Das Netzwerk befragte Einzelpersonen, Schulverwaltungen und andere zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Türkei in Istanbul, Diyarbakir, Mardin, Ankara und Edirne, die sich ungerechte behandelt fühlten. Daneben wurden Fälle von Diskriminierung überwacht und  Gerichtsentscheidungen sowie Nachrichten überprüft, um ein detailliertes Bild des Bildungssystems zu erhalten. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Der Bericht hebt besonders die negativen Auswirkungen der ‚ideologischen‘ Neuordnung der Bildung unter der AKP-Regierungen hervor, die eine ‚religiöse‘ und ’nationalistische‘ Jugend heranziehen will, so das Blatt weiter.Es wurde festgestellt, dass Verweise auf die Religion in Schulbüchern und wissenschaftlichen Veranstaltungen in den letzten Jahren zugenommen haben. Die Doktrin von der ‚türkisch-islamischen Synthese‘ wird neu belebt und den Schülern aufoktroyiert, so der Bericht.

Der Bericht stelle insbesondere Probleme bei der Ausbildung in der Muttersprache in den Vordergrund, ebenso wie beim obligatorischen Religionsunterricht. Daneben gebe es eine diskriminierende Rhetorik gegen Personen, die nicht sunnitische Muslime und ethnische Türken seien.

Die Verfasser stellten außerdem fest, dass die Schul-Wochenstunden in Philosophie, Wissenschaften, Kunst und Sport zu Gunsten der religiösen Kurse reduziert worden seien. So werde etwa beschrieben, wie Imam-Hatip in Vierteln mit alevitischer Mehrheit eröffnet würden. Darüber hinaus würden Fälle von muslimischen Schülern aufgezeigt, die keine religiöse Ausbildung erhalten wollten und gegen ihren Willen in Imam-Hatip Schulen geschickt worden seien.

Der Bericht kritisierte außerdem den Umstand, dass die Ausbildung in Muttersprachen nur in Minderheitenschulen gestattet wäre, wodurch Millionen von Schülern zur Ausbildung in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache gezwungen wären, wodurch sie letztlich benachteiligt würden. Er unterstreicht, dass das Wahlpflichtfach Lebendige Sprachen und Dialekte unzureichend sei, weil die entsprechenden Lehrpläne ohne Rücksprache mit Vertretern der Gruppen enstünden.

Eine weitere Einschränkungen sei darüber hinaus die Regel, dass mindestens zehn Schüler an einer Schule erforderlich seien, um ein Wahlfach anzubieten. Diskriminierend sei auch die Tatsache, dass keine angemessenen Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien durch das Bildungsministerium vorbereitet worden seien und es immer noch kein Budget für Organisationen der Zivilgesellschaft gebe, um genau das umzusetzen.

Der Bericht unterstreicht auch, dass die Schüler, deren Muttersprache nicht die Türkische sei, häufig mit Schülern verwechselt würden, die mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hätten. Schließlich würden auch die Schulbücher zur Verstärkung eines exklusivistischen Diskurs beitragen. Sie würden das sunnitische Türkentum auf Kosten der ethnischen und religiösen Minderheiten, die ebenfalls die türkische Staatsbürgerschaft hätten, hervorheben. Lehrbücher würden demnach weder Kurden, Armenier, Juden, Griechen, Abchasen oder Laz einbeziehen und das Land unter einem monolithischen Licht darstellen, so der Bericht. Das Pronomen wir werde nur verwendet, um sich auf den muslimischen Türken zentralasiatischer Herkunft zu beziehen, während alle anderen negativ definiert würden. Beispielsweise würden Lehrbücher Atheisten beschuldigen, der Gesellschaft Leid zuzufügen.

Der Bericht fordert schließlich die Überprüfung des Systems im Sinne eines pluralistischen Lehrplans und fordert verfassungsmäßige Garantien für die Ausbildung in Muttersprachen. Er fordert auch den Staat außerdem dazu auf, angemessene und zugängliche Justiz- und Regulierungsmechanismen für Schüler zu installieren, die mit Diskriminierung in der Schule konfrontiert würden.

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