«Vorurteile sind nie einseitig»: Lale Akgüns Buch wurde verfilmt

Die Politikerin und Buchautorin Lale Akgün ist in der Türkei geboren, lebt aber schon seit ihrer Kindheit in Deutschland. Nun ist eines ihrer Bücher verfilmt worden.

„Viele Türken waren der Meinung, dass die Deutschen kalt und egoistisch sind“, berichtet Lale Akgün. (Screenshot YouTube)

„Viele Türken waren der Meinung, dass die Deutschen kalt und egoistisch sind“, berichtet Lale Akgün. (Screenshot YouTube)

«Tante Semra im Leberkäseland» – so heißt das wohl bekannteste Buch von Lale Akgün, das unter dem schlichten Titel «Leberkäseland» verfilmt worden und nun an diesem Montag (20.15 Uhr) in der ARD zu sehen ist. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa spricht Lale Akgün (62) über ihre Mutter, über Frauenrechte in der Türkei und warum es ihr ein Bedürfnis war, dieses Buch zu schreiben.

Frage: Lehnt sich der Film genau an Ihr Buch «Tante Semra im Leberkäseland» an?

Antwort: Mein Buch besteht aus vielen Episoden und vielen Figuren. Das Drehbuch hat eine Figur in den Mittelpunkt stellt, nämlich meine Mutter. Anhand ihrer Geschichte wird auch die weitere Geschichte der Familie erzählt. In jedem Drehbuch muss es ja eine Heldenfigur oder eine Prinzessin geben, und das ist nun eben meine Mutter. Der Film macht – ebenso wie das Buch – eine Reise durch die Jahrzehnte. Das ist im Roman relativ leicht zu erzählen, aber filmisch schon eine Herausforderung.

Frage: Ihre Mutter wirkt so, als wollte sie gar nicht als Deutschland, als sei sie eine sperrige Figur.

Antwort: Beides ist richtig. Meine Mutter war kein pflegeleichter Mensch, und nach Deutschland wollte sie auch nicht. Sie hat überhaupt keinen Grund gesehen, ihr soziales Umfeld in der Türkei zurückzulassen und nach Deutschland zu gehen. Bei ihr hing die Motivation einfach ein bisschen tief – und zwar zu Recht! Welche Veranlassung hätte sie haben sollen, ihr Leben in Istanbul gegen das Leben in Moers einzutauschen? Sie war der Meinung, dass es ihr in der Türkei viel besser gegangen sei – was letztendlich auch gestimmt hat. Sie hielt Deutschland für ein eher rückständiges Land und etwas hinter dem Mond – vor allem, was Frauenrechte und Laizismus anbelangte. Sie fand, dass es viel zu viel sichtbare Religion in Deutschland gab. Damit kam sie anfangs überhaupt nicht zurecht.

Frage: Aber Ihrer Familie ging es in Deutschland doch sehr gut.

Antwort: Ja, die wirtschaftliche Situation war sehr gut, mein Vater arbeitete ja als Zahnarzt, wir hatten ein schönes Haus und ein großes Auto. Politisch stand mein Vater links. Wenn er in Deutschland gefragt wurde – was ja auch sehr häufig vorkam – dozierte er gerne über Frauenrechte in der Türkei, also der Frau als Objekt und als Opfer der Ausbeutung. Meine Mutter war von dieser ewigen Ausfragerei der deutschen Mittelschicht zum Thema Frauenrechte in der Türkei und den damit offensichtlich innewohnenden Vorurteilen nicht sonderlich angetan. Denn es war ihr ein großes Anliegen, das Bild einer modernen und aufgeklärten Frau nach außen zu tragen.

Frage: Hatten viele Türken damals nicht auch ein falsches Bild von Deutschland?

Antwort: Ja, natürlich. Vorurteile sind nie einseitig. Zum Beispiel war meine Mutter der festen Überzeugung, dass wir damals in Westdeutschland deshalb in so einem zurückgebliebenen Land lebten, weil die wahren deutschen Kulturstätten im Osten lagen, also in Leipzig, Dresden, Weimar. Viele Türken waren der Meinung, dass die Deutschen kalt und egoistisch sind, dass sich die Jungen nicht um die Alten kümmerten, dass man keine Gastfreundschaft pflegt und so weiter. Das waren natürlich dicke Vorurteile, die übrigens aber bei vielen Türken teilweise bis heute bestehen.

Frage: Warum also haben Sie dieses Buch geschrieben?

Antwort: Das ist ganz einfach: Mir ging es immer um Menschen. Wir sind doch alle in erster Linie Menschen, die ganz ähnliche Lebenslagen haben. Wir haben Familien und auch Familienprobleme; wir versuchen alle mehr oder weniger unser Leben zu meistern. Die ethnische Zugehörigkeit ist ein Konstrukt und spielt lange nicht die Rolle, die wir ihr oft zuschreiben. Mir ging es darum, das aufzuzeigen – und zwar mit Humor!

ZUR PERSON: Lale Akgün, 1953 in Istanbul geboren, kam 1962 nach Deutschland. Die Diplom-Psychologin wurde 1982 wurde Akgün SPD-Mitglied und saß bis 2009 im Deutschen Bundestag. Akgün veröffentlichte 2008 ihr Buch «Tante Semra im Leberkäseland – Geschichten aus meiner türkisch-deutschen Familie», weitere Bücher folgten. Sie ist Muslima und bekennende Kritikerin von Kopftuch und der Partei AKP. Lale Akgün ist mit dem Lehrer Ahmet Akgün verheiratet, hat eine Tochter (26) und lebt in Köln.

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