Nobelpreisträger Aziz Sancar: Türkei sollte mehr Wert auf Bildung legen

Einen Tag nach der Bekanntgabe in Stockholm schlägt der frischgebackene türkische Nobelpreisträger Aziz Sancar kritische Töne in Richtung seines Heimatlandes an. Der Wissenschaftler betonte die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Bildung im frühen Alter. Insbesondere die Bürger im Osten und Südost des Landes sollten ihre jungen Mädchen zur Schule schicken.

Aziz Sancar lebt schon lange nicht mehr in der Türkei. Nun hat er mit zwei Kollegen den diesjährigen Nobelpreis in Chemie erhalten. Grund genug für den Wissenschaftler, ein eindringliches Appell in seine alte Heimat zu senden.

„Von Mardin bis Kars und Edirne, all unseren Kindern sollte allgemeine und berufliche Bildung angebotenen werden, insbesondere unseren jungen Mädchen. Wenn wir unsere Mädchen nicht erziehen, werden wir die Hälfte unserer Arbeitskräfte verlieren. Ich habe immer wieder unsere Brüder und Schwestern im Osten und Südosten der Türkei darum gebeten, ihre jungen Mädchen zur Schule zu schicken“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Sancar, der an der University of North Carolina zuhause ist.

Junge Mädchen werden oft von ihren Eltern aus der Schule genommen – vor allem im Osten und Südosten der Türkei. Nach Ansicht von Sancar, ein US-Bürger türkischer Herkunft, sollte die Türkei der Wissenschaft mehr Beachtung schenken. Gleichzeitig betonte er, dass die medizinische Ausbildung, die er an der Universität in Istanbul erhalten hätte, wesentlich zu seinem akademischen Fortkommen beigetragen hätte.

Obschon in der Ferne, scheint Sancar die Geschehenisse in der Türkei genau zu verfolgen. Zutiefst beunruhigt sei er über die anhaltende Gewalt im Land, so das Blatt weiter. Seiner Ansicht nach sei die ultimative Lösung kritischer Themen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und der Einkommensverteilung zu finden. Nur dann werde die Türkei in eine Position kommen, in der sie mit den europäischen Ländern konkurrieren könne.

Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an Tomas Lindahl (Schweden), Paul Modrich (USA) und Aziz Sancar (USA/Türkei) für Erkenntnisse über die Erbgut-Reparatur. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittwoch in Stockholm bekannt. Die Arbeiten hätten fundamentale Erkenntnisse geliefert, wie lebende Zellen funktionieren – was unter anderem für die Entwicklung von Krebsmedikamenten wichtig sei. Die höchste Auszeichnung für Chemiker ist mit umgerechnet rund 850 000 Euro (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

Mit Aziz Sancar wird in diesem Jahr erstmals ein Wissenschaftler mit dem Nobelpreis geehrt, der aus der Türkei stammt. Sancar wurde 1946 in Savur (Provinz Mardin) im Südosten des Landes geboren. Seine Eltern waren Analphabeten. Er ging aber früh in die USA und forscht dort noch heute. Er erhält den Chemie-Nobelpreis für seine Studien zur Reparatur der Erbsubstanz. Bislang gab es nur einen weiteren Nobelpreisträger aus der Türkei: 2006 erhielt Orhan Pamuk («Schnee») den Preis für Literatur.

Die feierliche Überreichung der Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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