Fernsehfilm der Woche: ZDF zeigt Sevda, eine selbstbewusste Schülerin mit Kopftuch

In seinem Fernsehfilm der Woche widmet sich das ZDF der Schule als Abbild unserer Gesellschaft. Im Mittelpunkt des Films „Die Neue“ von Regisseurin Buket Alakus steht diesmal die Frage, ob eine Muslima mit Kopftuch tatsächlich reibungslos integriert werden kann. Zumindest für Alakus ist klar: „Trotz aller Unterschiede gehören wir zusammen.“

„Einwanderung und Selbstverständnis von Menschen muslimischen Glaubens werden Deutschland verändern“, so Günther van Endert. (Foto: Flickr/ White by Georgie Pauwels CC BY 2.0)

„Einwanderung und Selbstverständnis von Menschen muslimischen Glaubens werden Deutschland verändern“, so Günther van Endert. (Foto: Flickr/ White by Georgie Pauwels CC BY 2.0)

Das ZDF schreibt hierzu:

Eva ist Lehrerin aus Leidenschaft. Sie lässt sich auf Diskussionen mit ihren Schülern ein und lehrt dabei Offenheit und gegenseitigen Respekt, eine demokratische Streitkultur ist ihr wichtig. Ihre Schüler danken es ihr – sie fühlen sich ernst genommen und verstanden.
Da kommt die Türkin Sevda hinzu. Klug, selbstbewusst, aus gutem Haus und Kopftuchträgerin aus Überzeugung. Sevda fordert ihr Recht auf Religionsfreiheit uneingeschränkt ein, so das ZDF.

Mal wird wegen ihr die Sitzordnung geändert, weil sie nicht neben einem Jungen sitzen möchte, dann gibt es Sonderregelungen für sie im Sportunterricht. Die „Extrawürste“ gehen vielen Mitschülern zu weit. Andere Mädchen tragen umgekehrt plötzlich auch Kopftuch. Bald ist in der Klasse nichts mehr, wie es war. Rolf, der Direktor des Gymnasiums, sieht den Schulfrieden gefährdet und will Sevda das Kopftuch verbieten. Eva hingegen will den nachhaltigeren Weg gehen und überzeugen. Durch den Tod ihrer Mutter ist sie auf eigene, ungelöste Lebensfragen zurückgeworfen und versteht Sevdas Suche nach ihrem Platz im Leben. Doch dann spitzt sich der Konflikt in der Schule zu.

Iris Berben und das muslimische Mädchen
Vorwort von Günther van Endert – Redaktionsleiter HR Fernsehfilm/Serie I

Einwanderung und Selbstverständnis von Menschen muslimischen Glaubens werden Deutschland verändern. Anstatt der Gegenüberstellung von wie auch immer kaschierter Xenophobie einerseits und Multikulti-Klischees anderseits ist eine Betrachtung nötig, die die großen Chancen, aber auch die Probleme dieser Veränderung in den Blick nimmt. Der Dialog ist wichtig. Doch was ist, wenn Worte an Grenzen stoßen? Was bedeutet das viel genutzte Wort Toleranz? Wie empfindet und fühlt jeder einzelne bei der Begegnung mit dem anderen, Fremden?

Iris Berben brilliert in „Die Neue“ in der Rolle einer Gymnasiallehrerin – also als Vertreterin der liberalen, gebildeten, urbanen‚ weltoffenen Mittelschicht, von deren Verhalten entscheidend abhängt und abhängen wird, wie der Kulturwandel gestaltet wird. „Die Neue“ (gespielt von Ava Celik) ist ein Mädchen türkischer Herkunft, das in die Schulklasse kommt und forciert vorgetragene Religiosität – das Tragen des Kopftuchs – zum Kern ihrer Identität und damit zum Grund eines immer tiefer gehenden Streites mit der Lehrerin macht. Dass Sevda aus einer säkularisierten, gut bürgerlichen Familie stammt und dass sie Missions-Erfolge unter deutschen Mitschülern hat, zeugt unter anderem vom vielschichtigen Zugang zur zugrunde liegenden Problematik, den der Film dem Autor Rolf Silber und der Regisseurin Buket Alakus verdankt.

„Die Neue“ ist aber mehr und anderes als nur die in seinen Bausteinen vorhersehbare Fiktionalisierung eines hoch aktuellen Themas. Es ist vor allem auch die komplexe Geschichte der Lehrerin Eva, die sich nach dem Tod der Mutter in ihrer familiären Herkunft zu verorten sucht und ein prekäres Verhältnis mit einem Kollegen hat. Evas Suche nach Klarheit und Sevdas allzu fester Griff nach einer Bestimmung im Leben spiegeln sich ineinander

Das Drama „Die Neue“ ist ein besonderer Fernsehfilm der Woche im ZDF.

„Trotz aller Unterschiede gehören wir zusammen“
Von Regisseurin Buket Alakus

Vordergründig könnte man denken, dass unser Film „Die Neue“ die persönliche emotionale Reise der Deutschlehrerin Eva Arendt erzählt, die auf ihrer Wurzelsuche ihren Vater findet, den sie nie kennengelernt hat. Doch parallel dazu erlebt die Deutschlehrerin eine Auseinandersetzung mit ihrer neuen muslimischen Schülerin Sevda Toprak. Diese weigert sich offensichtlich, sich in das Schulsystem einzufügen, weil sie ihre Religion in der Schule ausführen will und damit die Deutschlehrerin an ihre Toleranzgrenzen drängt. Um so ein Thema und solch einen Konflikt glaubwürdig zu erzählen, war ich dankbar, dass wir Iris Berben für unseren Film gewinnen konnten, die mit Hingabe und Intensität die Deutschlehrerin verkörpert. Denn in unserem Film stehen die Deutschlehrerin und die muslimische Schülerin stellvertretend für unser aktuelles Problem: Wie wir, Deutsche und Moslems, in der Zukunft friedlich zusammenleben können.

In unserem Film begreift die Deutschlehrerin, dass ‚die neue‘ Schülerin, genau wie sie selbst, auf der Suche nach ihren Wurzeln und ihrer Identität ist. Das hilft der Lehrerin, ihre Arbeit an der Schule als Herausforderung anzunehmen und gemeinsam mit der neuen Schülerin Lösungen zu finden. Durch diese Auseinandersetzung lernen beide Helden, dass das Ausüben von Religion im Schulbetrieb nur Konflikte verursacht und Barrieren mit sich bringt. Im Film haben wir einen Kompromiss gefunden: Im Islam ist es erlaubt, die Gebete nachzuholen, daher ist es nicht notwendig in der Schulzeit zu beten oder gar einen Raum dafür zu benötigen.

Für viele Fragen findet jedoch auch unser Film keine eindeutige Antwort oder gar Lösung. Trotzdem bietet er Anregungen und eine Haltung, die auch ich vertrete. Denn ich bin davon überzeugt, dass nur wenn sich alle in Deutschland lebenden Menschen, unabhängig von ihrer Kultur, Herkunft oder Religion, an gemeinsame Regeln des Zusammenlebens halten und Verständnis füreinander entwickeln, ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Und dass dies am Ende für uns alle eine große Bereicherung ist. Denn trotz aller Unterschiede gehören wir zusammen. Nicht der Islam gehört zu Deutschland, sondern die ‚Moslems aus Deutschland‘ gehören zu Deutschland. Das ist keine Kulturromantik, sondern gelebtes Leben, als Deutschtürkin und Filmemacherin.

Mehr zum Thema:

Wirbel um Kopftuch-Model von H&M: Mutig oder unverständlich?
Niederlage für Abercrombie & Fitch: Muslimin bekommt im Kopftuchstreit gegen Modekette Recht
Trotz Qualifikat​ion und Bildung: Arbeitgebe​r stellen Frauen mit Kopftuch nicht ein

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.