Erstes türkisches Auto: Prototypen für 40 Millionen aus Schweden

Der Prototyp des lange erwarteten ersten türkischen Autos wurde offenbar in Schweden angefertigt und für 40 Millionen Euro gekauft. Der Deal soll jedoch alles andere als glatt gelaufen sein. Liefertermine seien nicht eingehalten worden und die Bestellung sei nicht vollständig gewesen.

Schon bei seiner Vorstellung durch den türkischen Industrieminister Fikri Işık am 13. Oktober erntete das Modell in den Sozialen Medien viel Kritik. Die User störten sich an der Ähnlichkeit mit dem Cadillac BLS. Dieser Wagen ist ein Derivat des Saab 9-3.

Obschon der Prototyp von Işık lediglich als erster Schritt auf dem Weg hin zu einem eigenen türkischen Auto bezeichnet wurde, habe dieser schon wenige Tage später erklären müssen, dass der Wagen vollständig vom Saab-Besitzer NEVS (National Electric Vehicle Schweden) produziert worden sei.

„Wir haben die geistigen Eigentumsrechte am Saab 9-3 gekauft, aber nicht den Namen“, verweist die türkische Zeitung Hürriyet auf einen TV-Auftritt des Ministers.

Dem Blatt zufolge gebe es eine Vereinbarung zwischen TÜBİTAK und NEVS aus dem März 2015, die eine Lieferung von vier Prototypen bis zu den Parlamentswahlen am 7. Juni vorsehe.

Geplant waren demnach zwei Limousinen, ein Kombi, ein Cross Over Modell, so auch das Fachportal Nordic Wheels. NEVS habe die Vereinbarung jedoch nicht einhalten können. TÜBİTAK habe reagiert und am 29. Mai nachgelegt und eine zusätzliche Vereinbarung getroffen, so die Hürriyet weiter. Der Wert der Vereinbarung, die binnen neun Wochen zu erfüllen gewesen wäre, soll bei insgesamt 40 Millionen Euro liegen. Doch bis zum 21. August seien lediglich eine konventionelle Limousine sowie ein nicht zufriedenstellend funktionierendes Elektrofahrzeug geliefert worden. Zwei weitere Fahrzeuge fehlten.

Dass die Prototypen aus Schweden stammen, scheint für Minister Işık übrigens keine besondere Relevanz zu haben, was die Definition eines eigenen, türkischen Fahrzeugs anbelangt. Ihm zufolge spiele es keine Rolle, wo produziert würde. Es gehe darum, wer die geistigen Rechte besitze.

Wie die Hürriyet weiter berichtet, sollen die schwedischen Autos in der Türkei von einheimischen Ingenieuren am Marmara-Forschungszentrum von TÜBITAK (der wissenschaftlichen und technologischen Forschungsrat der Türkei), neu erstellt werden. Eingesetzt würden dann lokal hergestellte Elektromotoren, Batterien und Software.

Für das Fachportal Nordic Wheels ist das Ganze jedenfalls ein gewagtes Unterfangen. Die Redaktion schreibt:

„Was von den vereinbarten 40 Millionen € wirklich nach Schweden überwiesen werden wird? Bei nur einem funktionierenden Prototypen, nicht Einhaltung der Lieferzeit, und bisher fehlenden Fahrzeugen?

NEVS hat, seit dem Kauf der Saab Hinterlassenschaften im August 2012, noch kein einziges Produkt fertig entwickelt. Entwicklungsdienstleistungen zu verkaufen, unter diesen Vorzeichen, ist sehr gewagt. Eine noch mutigere Sache ist es, wenn man für ein nationales Auto Projekt einen Partner sucht, der keine Erfahrung und Referenzen hat. Die Türken haben das getan. Das könnte gründlich schief gehen.“

Die Türkei hat sich dem Projekt zur Entwicklung einer nationalen Automarke bereits 2010 verschrieben. Damit sollten die Exporte des Landes gesteigert und gleichzeitig das Leistungsbilanzdefizit reduziert werden. Einige türkische Unternehmer wollten in der Vergangenheit sogar mehrere Automarken auf den Markt bringen (mehr hier).

Investoren zeigten sich jedoch skeptisch ob solcher Vorhaben. „Kein Industrieller wird die Verantwortung dafür übernehmen, ein nationales Auto zu produzieren, wenn die wirtschaftiche Basis für dieses Vorhaben nicht genau berechnet wurde“, erklärte Haydar Yenigün, General Manager von Ford Otosan in der Türkei im Jahr 2012. Zudem sei die Herstellung eines türkischen Autos falsch verstanden worden. Ziel sei es nicht, ein Auto komplett in der Türkei herzustellen, denn das sei „unmöglich“. Ziel sei vielmehr eine eigene türkische Automarke. Die Unterstützung der Regierung sei ebenfalls noch nicht klar durchdacht worden, denn welche Hilfe die Regierung vorsehe, wisse man nicht. Andere zeigten sich optimistischer und sahen die Herausforderung nicht in der Produktion, sondern eher im Vertrieb sowie im Marketing (mehr hier).

Zuletzt kündigte die Türkei im März 2014 eine eigene Automarke an. Gebaut werden sollte ein eigenes Elektroauto. Wie innovativ hier junge türkische Ingenieure sein können, zeigte sich im September des gleichen Jahres. Studenten aus Istanbul haben ein Elektroauto gebaut, das sie anschließend in der ganzen Türkei getestet haben. Das „T-1“ hatte dabe eine hervorragende Alltagstauglichkeit bewiesen. Weite Strecken können mit bis zu 130 Stundenkilometern zurückgelegt werden (mehr hier).

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