Kamera-Überwachung des Tempelbergs: Kann die Gewalt gebannt werden?

Der Zank um den Tempelberg hat die jüngste palästinensische Anschlagsserie mit ausgelöst. Eine strenge Video-Überwachung der heiligen Stätte soll dazu beitragen, die Wogen wieder zu glätten.

Der Tempelberg in Jerusalem ist einer der sensibelsten Orte der Welt. (Foto: Flickr/ Dome of the Rock by Paul Arps CC BY 2.0)

Der Tempelberg in Jerusalem ist einer der sensibelsten Orte der Welt. (Foto: Flickr/ Dome of the Rock by Paul Arps CC BY 2.0)

Der Tempelberg in Jerusalem ist einer der sensibelsten Orte der Welt. Jede noch so kleine Veränderung auf dem leidenschaftlich umkämpften Plateau in der Altstadt kann ein politisches Erdbeben und neues Blutvergießen auslösen. Deshalb soll jetzt eine ständige Video-Überwachung der Muslimen wie Juden heiligen Stätte der Legendenbildung vorbeugen – und so dabei helfen, die jüngste Welle der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern einzudämmen. Ob dieser Geist aber so einfach wieder in die Flasche gesperrt werden kann, gilt als sehr zweifelhaft.

US-Außenminister John Kerry hatte die Maßnahme am Samstag nach intensiven Vermittlungsgesprächen mit Israel, Jordanien und den Palästinensern als «ersten Schritt» verkündet. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gelobte außerdem eine Achtung des seit 1967 herrschenden Status quo: «Muslime beten auf dem Tempelberg, Nicht-Muslime besuchen den Tempelberg.» Im Klartext bedeutet dass, das Juden nicht auf der Anhöhe beten dürfen, die laut der Überlieferung auf den Überresten des im Jahre 70 zerstörten zweiten jüdischen Tempels steht.

Netanjahu bekräftigt damit in seltener Deutlichkeit den Status quo, den die Palästinenser durch demonstrative Besuche jüdischer Aktivisten gefährdet sahen. Beide Seiten werfen sich ständig gegenseitige Provokationen auf dem von Jordanien verwalteten Tempelberg vor, auf dem heute die islamischen Heiligtümer Felsendom und Al-Aksa-Moschee stehen. Wie genau die Überwachung durch Kameras ablaufen soll und ob dies nun mehr Klarheit und Einigkeit bringen wird, ist jedoch ungewiss.

Denn in zentralen Fragen des Konflikts ist die Lesart von Israelis und Palästinensern häufig völlig konträr. Seit Monatsbeginn sieht Israel sich etwa einer brutalen Angriffswelle junger Palästinenser mit Stich- und Schusswaffen ausgesetzt. Mindestens neun Israelis und 58 Palästinenser wurden in dieser Zeit getötet. Die meisten der Palästinenser kamen nach Angaben Israels bei ihren Anschlägen, andere bei Konfrontationen ums Leben. Die Palästinenserführung in Ramallah spricht hingegen von gezielten «Hinrichtungen» junger Palästinenser und wirft den israelischen Sicherheitskräften übertriebene Gewaltanwendung vor.

Der Streit um dem Tempelberg gilt zwar als zentraler Auslöser der jüngsten Gewalt, der Konflikt wird jedoch von weiteren tiefliegenden Problemen genährt. Ein ranghoher palästinensischer Repräsentant sagte der israelischen Zeitung «Haaretz» (Sonntag-Ausgabe): «Wenn Kerry glaubt, die Videoüberwachung des Tempelbergs werde Ruhe bringen, liegt er völlig falsch.» Das Hauptproblem sei weiterhin die israelische Besatzung der Palästinensergebiete. Palästinensische Berichte, der israelische Regierungschef habe Kerry auch heimlich einen Siedlungsausbaustopp versprochen, dementierte Netanjahu eilig.

Selbst minimale Konzessionen in der Tempelberg-Frage bescheren Netanjahu sofort Druck rechtsnationaler Koalitionspartner, die für Gebetsrechte von Juden auf dem Plateau kämpfen. «Nichts wird Juden davon abhalten, an dem für sie heiligsten Ort der Welt zu beten, auch keine Kameras», sagte Jinon Magal von der Siedlerpartei Das Jüdische Haus. Der jüdische Tempelberg-Aktivist Jehuda Glick, der vergangenes Jahr von einem palästinensischen Attentäter lebensgefährlich verletzt worden war, rief zu einer massiven Besuchswelle von Juden auf.

Bei der ersten größeren Demonstration seit Beginn der Gewalt forderten am Samstagabend in Tel Aviv Tausende von Israelis eine friedliche Lösung des Konflikts, so die dpa. Sie versammelten sich an dem Ort, an dem vor 20 Jahren der damalige Ministerpräsident Izchak Rabin von einem jüdischen Fanatiker ermordet worden war – weil er den Palästinensern im Gegenzug für eine Friedensregelung Land abtreten wollte. Rabins damaliger Weggefährte, Ex-Präsident Schimon Peres, sagte dem Armeesender, Israel habe inzwischen das Ziel aus den Augen verloren: «Ich weiß heute nicht mehr, was das Land eigentlich will. Wollen sie zwei Staaten oder nicht? Es ist mir nicht klar.»

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