Kurden im Irak rufen um Hilfe – «Wir machen hier die Drecksarbeit»

Millionen Iraker flüchten vor der IS-Terrormiliz. Deutschland unterstützt den Anti-Terror-Kampf mit Waffenlieferungen und leistet humanitäre Hilfe. Reicht das aus? Von der Leyen geht bei einer zweitägigen Reise dieser Frage nach.

Die Kurden haben zudem 1800 Tonnen Waffen und militärische Ausrüstung erhalten, darunter 1000 Panzerabwehrraketen und 20 000 Gewehre. (Foto: Flickr/ SFS trains IqAF security forces by DVIDSHUB CC BY 2.0)

Die Kurden haben zudem 1800 Tonnen Waffen und militärische Ausrüstung erhalten, darunter 1000 Panzerabwehrraketen und 20 000 Gewehre. (Foto: Flickr/ SFS trains IqAF security forces by
DVIDSHUB CC BY 2.0)

Vor 34 Jahren war Nihad Latif Kodscha selbst Flüchtling. Damals war er 24 Jahre alt, Fußballtorwart, und er hatte gerade sein Sportstudium absolviert. Weil der Kurde das Regime von Ex-Diktator Saddam Hussein in seiner nordirakischen Heimat nicht mehr ertragen konnte, machte er sich auf nach Deutschland, fand in Bonn eine neues Zuhause und wurde deutscher Staatsbürger.

Jetzt kämpft Kodscha dafür, dass möglichst wenige seiner Landsleute das tun müssen, was er 1981 getan hat. «Wir möchten nicht, dass diese Region entvölkert wird», sagt der 58-Jährige. 2004 ist er nach Erbil zurückgekehrt. Heute ist er Bürgermeister der Millionenmetropole, obwohl er keinen irakischen Pass hat.

Im Moment läuft es nicht so gut für ihn und seine Mitbürger. Die Autonomieregion steckt in einer Wirtschaftskrise, Anfang des Monats gab es gewalttätige Ausschreitungen, Büros der Partei von Präsident Massud Barsani wurden in Brand gesetzt. Gleichzeitig verschlechtert sich die Situation der mehr als 150 000 Flüchtlinge in der Stadt. Das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung.

«Wenn wir kein besseres Leben hier anbieten, können wir die Leute hier nicht festnageln.» Kodscha steht unter einem Torbogen der 7000 Jahre alten Zitadelle von Erbil und blickt auf seine Stadt, als er das sagt. Die Botschaft ist an die Europäische Union gerichtet, an Deutschland und an diesem Montagmittag konkret an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die am Vorabend zum ihrem dritten Irak-Besuch in Bagdad eingetroffen ist.

Als sie zuletzt im Januar hier war, gab es das Flüchtlingsproblem zwar schon im Irak, in Deutschland war es aber noch nicht angekommen. Deshalb ging es damals vor allem um den Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat und die deutsche Unterstützung dafür. 95 deutsche Soldaten bilden in Erbil Kämpfer der Kurden sowie der Jesiden und Kakai – beides religiöse Minderheiten – aus.

Die Kurden haben zudem 1800 Tonnen Waffen und militärische Ausrüstung erhalten, darunter 1000 Panzerabwehrraketen und 20 000 Gewehre. Der Einsatz gegen den IS gehört zur Bekämpfung der Fluchtursachen. Aber auch die Versorgung der Flüchtlinge vor Ort spielt eine zentrale Rolle. Die Bundesregierung hat in den vergangenen zwei Jahren bereits mehr als 150 Millionen Euro für Unterkünfte, Gesundheitsversorgung oder Trinkwasseraufbereitung zur Verfügung gestellt.

Hilfsorganisationen schlagen trotzdem Alarm. «Die Unterstützung nimmt bereits ab, während der Hilfsbedarf weiter zunimmt», sagt Richard Hannah von der französischen Organisation ACTED, die das Camp Harscham in Erbil mit 1500 Flüchtlingen betreibt. Einen Exodus gebe es hier zwar noch nicht. Aber aus anderen Unterkünften habe er schon von größeren Abwanderungen gehört.

Kodscha sagt, es fehle an allem. «Wir haben kein Geld mehr. Teilweise sind sogar Medikamente knapp.» Auch die aus Deutschland gelieferten Waffen reichen seiner Meinung nach nicht aus. «Wir kämpfen nicht nur für uns. Das ist ein internationaler Krieg. Wir machen die Drecksarbeit», sagt er.

Von der Leyen führt am Dienstag Gespräche in Erbil und besucht ein Camp, in dem Bundeswehrsoldaten kurdische Kämpfer ausbilden. In Bagdad versprach sie bereits, die Militärhilfe auch 2016 fortzusetzen. Details nannte sie aber nicht, so die dpa.

Im Ziel ist sich die Ministerin mit Kodscha einig: Es müsse alles dafür getan werden, «dass die Menschen in ihrer Heimat sein können und dort auch wieder Perspektiven haben», sagt sie in Bagdad.

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