Erdoğan-Anhänger: „Ja, ich würde für ihn sterben“

Im türkischen Fernsehen hat sich kürzlich ein offenbar glühender Erdoğan-Anhänger zu Wort gemeldet. Anders als der Präsident selbst, bezeichnete der Bürger diesen als Diktator, allerdings wohl im positiven Sinn. Denn für diesen würde er sogar sterben.

Vor laufender Kamera erklärte der Mann: „Ja, er ist ein Diktator. Was ist schon dabei?“ (Screenshot Rota Haber)

Vor laufender Kamera erklärte der Mann: „Ja, er ist ein Diktator. Was ist schon dabei?“ (Screenshot Rota Haber)

Ein Mann hat sich im türkischen Fernsehen überschwenglich zu Recep Tayyip Erdoğan bekannt. Der regierungsnahe Kanal „Akit TV“ veröffentlichte das glühende Plädoyer für den türkischen Präsidenten in der vergangenen Woche. Es verdeutlicht, wie sehr der AKP-Mann den Personenkult um sich in den vergangenen Jahren vorangetrieben hat.

Vor laufender Kamera erklärte der Mann: „Ja, er ist ein Diktator. Was ist schon dabei? Soll halt auch mal ein Diktator aus der Türkei hervorgehen. Auch in vielen anderen Ländern wird diktatorisch geherrscht. Warum sollte er das nicht tun? (…) Ich bin zufrieden, ich bin zufrieden mit der AKP. Vor 13, 14 Jahren sah es noch anders aus in der Türkei.“

Auch auf die Frage des Moderators, ob er für den türkischen Präsidenten sterben würde, hatte der Mann dem Handelsblatt zufolge eine klare Antwort:„ Ja, ich würde, würde man mich jetzt sofort an den Galgen hängen, wäre ich bereit dazu.“

Eine US-Wissenschaftlerin sieht in Premierminister Erdoğan übrigens ein Spiegelbild der Gesellschaft. Diese sei maskulin, unerschrocken, aber auch manipulierbar (mehr hier). Die amerikanische Sozialanthropologin der Uni Boston, Jenny White, beobachtet Erdoğans politische Karriere seit dessen Zeit als Oberbürgermeister Istanbuls (1994-1998). Sie sagt:

„Erdoğan ist ein Produkt der türkischen Kultur. Die zeichnet sich in erster Linie durch kämpferische Männlichkeit aus, die jederzeit in Gewalt umschlagen kann. Sie ist wie eine geladene Waffe, die leicht zu manipulieren ist und Gefahren in sich birgt.

Dieser Ansicht ist auch die türkische Schriftstellerin Elif Şafak (mehr hier).

Die bedingungslose Begeisterung für den türkischen Präsidenten konnte der in Istanbul geborene Harvard-Professor Dani Rodrik bereits 2012 nicht nachvollziehen. Seiner Ansicht nach bewege sich die Türkei in eine gefährliche Richtung. Die Anklage gegen den Pianisten Fazil Say sei ein Akt der Willkür, so der türkische Ökonom damals in einem Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. Erdoğan liege die Demokratie nicht am Herzen, er wolle ein autoritäres Regime wie etwa jenes in Malaysia. Einen Gottesstaat will er dagegen nicht.

Schon zu jener Zeit warnte er: „Nun, da die alte ultrasäkularistische Elite besiegt ist, dreht sich die neue Achse der türkischen Politik um den Machtkampf zwischen Erdoğan und den Gülenisten. Leider – ganz egal, wer triumphiert – gibt es keine gute Nachrichten für die Demokratie.“ (mehr hier).

Ähnlich glühende Szenen der Verehrung wie sie jetzt in der Türkei zu sehen waren, hat ein deutscher Sender hingegen nicht zugelassen. In Deutschland kam ein Erdoğan-Fan kurz vor dessen Köln-Besuch 2014 nicht zu Wort. Die Reporterin wurde offenbar mit Antworten konfrontiert, die sie nicht erwartet hatte. Der Mann legte der RTL-Reporterin dar, warum er den damaligen türkischen Premier unterstütze. Er äußerte allerdings auch massive Kritik an den deutschen Medien und der Polizeigewalt in Deutschland und stellte das in Vergleich mit der Türkei. Prompt entschied sich das RTL, das Kurzinterview nicht zu veröffentlichen. AKP-Anhänger haben das Interview daraufhin in ein politisches Werbevideo eingebettet und teilten es in den Sozialen Medien. (mehr hier).

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