Verbitterung, Angst, Wut: Was Fremdenfeindlichkeit antreibt

Anschläge auf Flüchtlingsheime und geifernde Menschen bei fremdenfeindlichen Demonstrationen: Wissenschaftler beobachten zunehmend extreme Tendenzen in Deutschland mit Sorge.

Es gibt kein typisches Profil eines Extremisten. Die Geschichten dahinter sind extrem divers. (Foto: Flickr/ scared by Vik Nanda CC BY 2.0)

Es gibt kein typisches Profil eines Extremisten. Die Geschichten dahinter sind extrem divers. (Foto: Flickr/ scared by Vik Nanda CC BY 2.0)

Flüchtlingsheime werden angezündet. Schlägertrupps sind unterwegs. Hunderte Menschen protestieren gegen den Zustrom von Flüchtlingen. Die Stimmung in Deutschland ist aufgeheizt. Beobachter sprechen von einer Radikalisierung in der Bevölkerung und warnen vor einer Verschärfung der Lage. «Wir sehen, wie sich Extremismus in unterschiedlichster Form unmittelbar um uns herum breitmacht», sagt etwa der Psychiater und Leiter der Fliedner Klinik Berlin, Mazda Adli. Radikale Ansichten habe es schon immer gegeben. Doch die aktuelle Häufung sei neu und bereite Anlass zur Sorge.

Warum Menschen aus der Mitte der Gesellschaft plötzlich extreme Ansichten vertreten, wollen Adli und Kollegen Ende November bei einem Kongress in Berlin diskutieren. In der klinischen Psychiatrie und Psychotherapie sei die Entstehung von Radikalisierung bislang noch nicht ausreichend thematisiert und verstanden worden, sagt Adli. Auch in der Terrorismus- und Extremismusforschung sei es bislang kaum gelungen, Profile von sich radikalisierenden Menschen zu erstellen. «Es gibt kein typisches Profil eines Extremisten. Die Geschichten dahinter sind extrem divers», sagt Adli.

Bei den islamkritischen und ausländerfeindlichen Demonstrationen der Pegida-Bewegung in Sachsen spielt aus seiner Sicht das Gefühl von Ausgegrenztheit und Verbitterung eine wichtige Rolle, so die dpa. «Es ist die Angst davor, dass Leute ins Land kommen und einen rechts überholen.» Gefährlich sei, dass große Ansammlungen diesen Extremismus verstärkten. «In der Masse brüllen und geifern die Leute ja, wie sie es allein nie tun würden. Massen enthemmen», sagt er. Oft gingen Leute auf die Straße, die das Gefühl hätten, ihre Stimme habe kein Gewicht. In der Gruppe fühlten sie sich aufgehoben und glaubten, doch etwas ausrichten zu können.

Auch der Berliner Psychiater und Psychotherapeut Andreas Heinz sieht bei Menschen, die gegen Fremde vorgehen, oft eine «tiefe Verbitterung» und ein «Gefühl, ausgeschlossen zu sein». Das Gefährliche daran sei, dass diese Menschen keine Lösung böten, sondern das Problem nur verstärkten. «Durch den Ausschluss der vermeintlich nicht zu Deutschland gehörenden Muslime betreiben sie deren Radikalisierung. Denn die, die ausgeschlossen sind, fühlen sich dann tatsächlich nicht zugehörig und könnten genau die Gegengesellschaften bilden, die man eigentlich befürchtet», warnt Heinz.

Die Pegida-Bewegung mobilisiert seit gut einem Jahr in Dresden immer wieder Tausende Menschen. Weitere Ableger gibt es auch in anderen Städten. Doch Sachsen gilt als Hochburg der Bewegung. Der sächsische Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Eckhard Jesse glaubt, dass die Menschen dort ein gewisses Selbstbewusstsein haben: «Wer stark genug war, eine Diktatur zu stürzen – der Sturz der DDR ging ja von Sachsen aus – fühlt sich vielleicht auch stark genug, heftige Kritik an vermeintlichen oder tatsächlichen Missständen zu üben».

Die Sachsen seien diktaturerfahren, aber wahrscheinlich noch zu wenig demokratieerprobt, sagt er mit Blick auf aufwieglerische Reden. Die Demonstranten sind aber aus seiner Sicht keineswegs nur Radikale. «Die Masse ist besorgt über die Entwicklung. Man hat derzeit den Eindruck, dass die Politik etwas machen will, aber es nicht schafft. So steigert sich natürlich auch die Aggression», meint Jesse.

Die SPD hat inzwischen ein Durchgreifen von Polizei und Verfassungsschutz gegen Pegida gefordert. Die Bewegung gebe sich als Versammlung angeblich besorgter Wutbürger. Doch Pegida sei nichts anderes als eine Gruppe biedermeierlicher Brandstifter und Volksverhetzer, sagte etwa die scheidende Generalsekretärin Yasmin Fahimi.

Jesse warnt vor einer «Kultur des Verdachts, in der jemand, der Kritik übe, gleich als Neonazi in die rechte Ecke gestellt werde. «Wir müssen von der Radikalisierung wegkommen und den Bürgern das Gefühl geben, sie können ihre Sorgen äußern», forderte er. Umgekehrt müsse auch bei den Reden maßvoll argumentiert und auf emotionale Formulierungen verzichtet werden, die das Klima weiter anheizten. Auch Mazda Adli betont, es sei wichtig, die Ängste aufzunehmen und zu beruhigen, statt sie totzuschweigen. Dazu sei in den Reihen der Politik ein hohes Maß an Geschlossenheit nötig.

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