Mieses Kietzdeutsch? Deutsch-türkische Jugendsprache muss in den Unterricht

Kiezdeutsch hat seinen schlechten Ruf offenbar völlig zu Unrecht. Eine Linguistin bricht eine Lanze für den Sprachmix und sagt: Mit sprachlicher Inkompetenz hat das wenig zu tun. Die Verwendung unter Jugendlichen sei vielmehr ein Zeichen für Normalität und gehöre ihrer Ansicht nach sogar in den Unterricht.

"Durch einen Vergleich im Unterricht zwischen Kiezdeutsch und Standardsprache, also dieser unterschiedlichen Register und sprachlichen Varietäten, wird Jugendlichen oft erst bewusst, dass sie ganz unterschiedliche 'Sprachen' verwenden", so Maria Pohle. (Foto: Flickr/teenagers by chiesADIbeinasco CC BY 2.0)

„Durch einen Vergleich im Unterricht zwischen Kiezdeutsch und Standardsprache, also dieser unterschiedlichen Register und sprachlichen Varietäten, wird Jugendlichen oft erst bewusst, dass sie ganz unterschiedliche ‚Sprachen‘ verwenden“, so Maria Pohle. (Foto: Flickr/teenagers by chiesADIbeinasco CC BY 2.0)

Die Linguistin Maria Pohle will das so genannte Kiezdeutsch als echte Ressource und modernes sprachliches Phänomen verstanden wissen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl der deutschen Sprache der Gegenwart der Universität Potsdam sieht darin nämlich kein Defizit, sondern vielmehr ein Zeichen jugendlichen Solidaritätsgefühls. Ihrer Ansicht nach gehöre das Kiezdeutsch sogar in die Schule.

„Im Begriff ‚Kiezdeutsch‘ stecken (…) gleich zwei wichtige Informationen: Es geht um einen ‚Kiez‘ und es geht um ‚Deutsch‘. Der Begriff ‚Kiezdeutsch‘ bezeichnet also eine Varietät des Deutschen, im Gegensatz zum Beispiel zur Bezeichnung ‚Kanak Sprak‘, die eine Sondersprache bezeichnen würde“, erklärt die Doktorandin, die zum Thema “Kiezdeutsch im Sprachrepertoire” promoviert, im Gepräch mit dem Portal für Pädagogik zwischen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus. Das Wort „Kiez“ impliziere dabei nicht einen geographisch begrenzten Raum, sondern den konkreten Sprachgebrauch von Jugendlichen innerhalb ihres Wohnviertels, eben in ihrem „Kiez“. Es gehe also um die informelle Kommunikation der Jugendlichen im Alltag.

Mehrsprachigkeit, so die Wissenschaftlerin, gelte vor allem in urbanen und multiethnischen Räumen als Folge der Globalisierung als Normalfall. Es seien also meistens Viertel wie Berlin-Kreuzberg, Berlin-Neukölln oder Hamburg-Altona, in denen sich Kiezdeutsch als Sprachgebrauch entwickelt. Gesprochen werde es vor allem von Jugendlichen, sowohl mit als auch ohne sogenannten „Migrationshintergrund“.

Pohle stellt in diesem Zusammenhang klar:

„Jugendliche sprechen Kiezdeutsch dann, wenn sie in einem Kiez aufwachsen, in dem ganz viele verschiedene Sprachen in Gebrauch sind. Wie in jeder Jugendsprache möchten sich die Jugendlichen dabei abgrenzen und gleichzeitig Solidarität untereinander vermitteln. Deswegen verwenden sie ganz viele neue Wörter.“

Ein neues Phänomen sei das überdies ganz und gar nicht. Gegeben habe es das auch schon in historischen Formen der Jugendsprache des 19. Jahrhunderts oder im Jugendslang der 50er, 60er, 70er, 80er und auch 90er Jahre. Heute würden neue Wörter eben nicht mehr nur aus dem Lateinischen oder Englischen geschöpft, sondern auch aus dem Arabischen, Türkischen, Kurdischen, Russischen und Vietnamesischen.

Das negative Image des Kiezdeutsch ergibt sich ihrer Ansicht nach aus mehreren Faktoren. Einmal sei Jugendsprache generell nie beliebt gewesen, ebenso wenig wie Abweichungen von der Standardsprache. Zudem werde es nach wie vor mit so genannten „Migrantenvierteln“ assoziiert. Gegenden, die auch heute noch eher zu den sozialschwachen Wohngebieten in einer Großstadt gehören. „Dabei wird nicht die Sprache an sich bewertet, sondern immer die Sprechenden: Diejenigen, die Kiezdeutsch sprechen, seien dumm, aggressiv, sozial schwach – und sie können kein ‚richtiges‘ Deutsch“, so Pohle. Eine nicht zu unterschätzende Rolle weist die Forscherin hier auch den Medien zu, die entsprechende Bilder aufbauen. „Deswegen ist es gerade für Lehrende und Erziehende, die tatsächlich in ihrem Alltag mit Kiezdeutsch konfrontiert werden so wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen und eigene Vorurteile zu hinterfragen.“

Ihrer Ansicht nach kann es sich durchaus lohnen, Kiezdeutsch in den Unterricht einzubauen:

„(…) natürlich sollten sowohl diese spezielle Jugendsprache als auch die Mehrsprachigkeit der Schülerinnen und Schüler im Allgemeinen unbedingt im Unterricht aufgegriffen werden. Jugendsprache und Mehrsprachigkeit können wunderbar als Ressource genutzt werden, um dann über das Standarddeutsch zu sprechen. Der Ansatz der letzten zehn, zwanzig Jahre besagt vor allem, man müsse die meisten Schülerinnen und Schüler in ihren Deutschkompetenzen fördern. Mittlerweile ist es ja aber so, dass die Schülerinnen und Schüler ‚mit Migrationshintergrund‘ der dritten oder vierten Generation hier leben, sie wachsen mit Deutsch als ihrer Muttersprache auf – sie haben eben oft einfach mehrere Muttersprachen. Deutschkompetenzen sind also durchaus schon vorhanden. Was eher ein Problem ist, ist die Registerkompetenz. Das heißt, es muss den Schülerinnen und Schülern gegebenenfalls noch bewusst gemacht werden, in welchen Situationen welcher Sprachgebrauch tatsächlich angemessen ist.“

Übrigens: Jugendjargon verbindet – da ist es egal, woher die Ausdrücke ursprünglich kommen. Eine gemeinsame „Multi-Kulti-Sprache“ ist ein Zeichen für gelungene Integration. Das haben Wissenschaftler der Universität Potsdam schon vor einiger Zeit herausgefunden.

„Valla“ (ehrlich), „lan“, (Typ): Worte aus dem Sprachwortschatz türkischer Jugendlicher sind jetzt immer häufiger aus dem Mund ihrer deutschen Altersgenossen zu hören. Immer mehr deutsch-sprachige Jugendliche haben sich bei ihren Kumpeln aus der dritten Generation der türkischen Einwanderer Slang-Ausdrücke abgeguckt und bauen sie in ihren tägliche Sprachgebrauch ein. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Potsdam aus dem Jahr 2012.

Für ihre Untersuchung zeichneten die Forscher Gespräche von insgesamt 48 Stunden zwischen 14-18-jährigen Teenagern auf und untersuchten, inwiefern türkische Wörter in die deutsche Sprache integriert werden. Die Verschmelzung der beiden Sprachen wurde auch hinsichtlich ihrer regionalen Verteilung untersucht. Das Ergebnis: Am häufigsten fließen türkische Jugendausdrücke in die deutsche Sprache in Berlin.

Professor Heike Wiese, Leiterin der Studie ist der Meinung, aus der linguistischen Verwendung der türkischen Ausdrücke entwickle sich nicht etwa ein neuer Dialekt. Vielmehr sei sie Ausdruck einer erfolgreichen Integration von verschiedenen Gesellschaftsgruppen (mehr hier).

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