Neue Studie: Europas Muslime noch lange nicht gleichberechtigt

Die französisch-türkische Soziologin Nilüfer Göle hat eine umfassende Studie über Muslime in Europa vorgelegt. Die Forscherin stellt fest: Eine Gleichberechtigung mit der einheimischen Bevölkerung ist noch lange nicht in Sicht. Dabei wollen sich Migranten genau hier zuhause fühlen.

Die immer wieder von Medien vermittelte These, dass die Integration gescheitert sei, kann Göle in ihrer Studie nicht teilen. (Foto: Flickr/ Young Muslim Women by Garry Knight CC BY 2.0)

Die immer wieder von Medien vermittelte These, dass die Integration gescheitert sei, kann Göle in ihrer Studie nicht teilen. (Foto: Flickr/ Young Muslim Women by Garry Knight CC BY 2.0)

Derzeit sollen rund 13,5 Millionen Muslime in Europa leben. In einer soziologischen Studie hat die französisch-türkische Soziologin Nilüfer Göle sich genau dieser Gruppe angenommen. Bereist hat die Forscherin dafür von 2009 an vier Jahre lang 21 europäische Städte. Ihr Augenmerk richtete sich dabei vor allem auf jene Punkte, wo der Islam in die Schlagzeilen geraten war.

Die immer wieder von Medien vermittelte These, dass die Integration gescheitert sei, kann Göle in ihrer Studie nicht teilen. In diesem Zusammenhang zitiert der Deutschlandfunk aus ihrer Arbeit.

„Die erste Einwanderer-Generation blieb unauffällig: Sie war nicht vertraut mit der Sprache und den kulturellen Codes des Aufnahmelands. Hannah Arendt sagte: Seine Präsenz und seine Eigenheit auszudrücken, bedeutet einen staatsbürgerlichen Akt. Wer Schleier trägt, die Baugenehmigung für eine Moschee beantragt, Halal konsumiert, verleiht seiner Präsenz in der Öffentlichkeit Ausdruck, bezeugt, Akteur zu sein, Bürger der Gesellschaft. In der Post-Migrations-Phase wollen sich die muslimischen Bürger zuhause fühlen, denn dies ist nun ihre Heimat. In den Medien werden die Muslime oft entweder als Opfer oder als Provokateure dargestellt. Sich sichtbar zu machen, bedeutet, im Austausch mit der Gesellschaft zu seiner Eigenart zu stehen.“

Ihre Feldforschung belege zudem, dass die hiesigen Muslime mehr und mehr einen ‚europäischen Islam‘ entwickeln würden. Beispielhaft wird hier die Einstellung einer jungen Frau geschildert, die der Anwendung der Scharia, etwa wenn es um das Thema Ehebruch geht, völlig ablehnend gegenübersteht. Dass Ehebrecher gesteinigt und ausgepeitscht werden könnten, schockiere sie sehr. Für sie wäre es heute undenkbar, sich solch einer Behandlung zu unterwerfen, heißt es.

Die Forscherin konstatiert:

„Die europäischen Muslime orientieren sich weniger an der Scharia, also den Verboten. Sie richten ihr Alltagsleben lieber aus nach den Regeln des Halal – also all dem, was erlaubt ist. Das betrifft nicht nur das Essen, sondern auch Musik, Theater, islamische Finanzregeln. Das ist für mich ein Wesenszug des europäischen Islam, der sich weltweit verbreitet.“

Auf der anderen Seite zeigt Göle auf, wie viel noch zu tun sei. Die Muslime, die sie zu ihren Gesprächsgruppen eingeladen habe, erschienen. Sie hätten diskutieren und mit Andersdenkenden zusammenkommen wollen. In Berlin beispielsweise sei das Ganze allerdings katastrophal abgelaufen: „Die einzigen deutschen Nicht-Muslime, die überhaupt kamen, blieben nicht. Da drehten sich die Muslime zu mir um und sagten: Ein Mal mehr finden wir uns nur unter uns wieder.“

Nilüfer Göle, Musulmans au quotidien. Une enquête européenne sur les controverses autour de l’islam, Paris, La Découverte, coll. « Cahiers libres », 2015, 240 p., ISBN : 978-2-7071-7592-2.

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