Nach Jet-Abschuss: Türkisch-russische Wirtschaftsbeziehungen stehen auf dem Spiel

Der Abschuss eines russischen Jets durch das türkische Militär könnte auch die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten ins Wanken bringen. Vor allem auf dem Energiesektor sind Russland und die Türkei eng miteinander verbunden. Kommt es nun zu einer Eskalation, könnte Putin hier einen Schlussstrich ziehen.

Exportcontainer warten auf ihre Verladung. (Foto: Flickr/ Doors on Life by www.GlynLowe.com CC BY 2.0)

Exportcontainer warten auf ihre Verladung. (Foto: Flickr/ Doors on Life by www.GlynLowe.com CC BY 2.0)

Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew erklärte am Mittwoch, dass Russland die Aufhebung einiger gemeinsamer Projekte in Erwägung ziehe. Seine Ankündigung wirft nun Fragen über die Zukunft der bislang engen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen der beiden Länder auf.

Türkische Unternehmen könnten nach dem Kampfjet-Vorfall ihren Marktanteil in Russland verlieren, so Medwedew in einer Erklärung, die auf der Website der russischen Regierung veröffentlicht wurde. Der Abschuss könnte dazu führen, dass türkische Unternehmen aus den russischen Märkten ausgesperrt würden.

„Die direkten Konsequenzen sind wahrscheinlich der Verzicht auf eine Reihe von gemeinsamen Projekten. Türkische Unternehmen könnten zudem ihre Position auf den russischen Märkten verlieren“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Medwedew.

Die gemeinsamen Projekte, die hier sofort in den Sinn kommen, sind eine Reihe von bestehenden und geplanten Energieprojekten zwischen Russland und der Türkei. Bereits 2013 wurde mit der russischen Rossatom ein 20-Milliarden-Dollar-Deal über das erste Atomkraftwerk der Türkei in Akkuyu geschlossen (mehr hier). Russland und die Türkei arbeiten auch an einem türkischen Stream-Pipeline-Projekt, einer Alternative zu russischen South Stream-Pipeline, die Gas nach Europa ohne Durchquerung der Ukraine transportieren soll (mehr hier). Die South Stream-Pipeline wurde im vergangenen Jahr aufgrund von Einwänden der Europäischen Kommission fallen gelassen.

Verzögert wurden die Gespräche über eine gemeinsame Pipeline zuletzt durch die türkischen Neuwahlen am 1. November. Die Verhandlungen über Turkish Stream sollten erst fortgesetzt werden, wenn in Ankara die neue Regierung ins Amt komme, sagte Russlands Energieminister Alexander Nowak der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti.

Die Pipeline Turkish Stream soll von Südrussland unter dem Meer in den europäischen Teil der Türkei laufen, so die dpa. Das Projekt ist aber seit Monaten in der Schwebe. Der russische Gaskonzern Gazprom strich im Oktober die Baupläne von vier auf zwei Stränge zusammen, die eine Kapazität von 32 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr haben (mehr hier). Grund ist der vereinbarte Ausbau der Ostseepipeline Nord Stream.

Der türkischen Zeitung Hürriyet zufolge gebe es auch Unstimmigkeiten über den Gaspreis-Rabatt. Gegenüber der Zeitung habe ein Branchenvertreter die Befürchtung geäußert, dass Russland das Projekt wahrscheinlich nicht weiterführen werde, wenn es hier keine versöhnlichen Signale gebe. Er halte es sogar für denkbar, dass Russland ein Alternativ-Projekt starte.

Ankara ist gerade in der Gasfrage hochgradig abhängig von Moskau. Nach den Daten der türkischen Regulierungsbehörde für Energiewirtschaft (EMRA) stillt die Türkei  54,76 Prozent íhres Erdgasbedarfs aus Russland. Im Jahr 2014 waren das rund 26 Milliarden Kubikmeter (bcm) ihrer gut 50 Milliarden Kubikmeter Erdgasimporte. Die Türkei sei damit zweitgrößte Kunde von russischem Gas nach Deutschland. Überdies läuft rund die Hälfte der türkischen Stromerzeugung über Erdgas.

Russland ist außerdem der größte ausländische Markt für türkische Baufirmen. Kommt es tatsächlich zu einer Beschneidung, wäre dieser Sektor wohl am stärksten betroffen. Nach Angaben der türkischen Bauunternehmer Vereinigung (TMB) haben türkische Unternehmen rund 2.000 Bauprojekte im Wert von über 62 Milliarden US-Dollar in Russland seit 1988 abgeschlossen. Türkische Unternehmen unternahmen allein im vergangenen Jahr insgesamt 47 Projekte im Wert von rund vier Milliarden US-Dollar.

Anders als die meisten westlichen Produkte waren die türkischen Lebensmittel auch nich vom 2014 auferlegten Importverbot betroffen. Die Folge: Die Türkei machte allein im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz durch Nahrungsmittelexporte.

Im Jahr 2014 etwa vier Prozent der türkischen Exporte, vor allem Textilien und Lebensmittel, im Wert von sechs Milliarden Dollar nach Russland, so Renaissance Capital in einer Notiz vom 24. November.  Russland sei derzeit der siebtgrößte Markt für den türkischen Export. Von Bedeutung ist überdies der Getreidehandel. Derzeit sind die Türkei und Ägypten die Haupteinkäufer von russischem Weizen. So kaufte Ankara  im vorangegangenen Wirtschaftsjahr, das am 30. Juni endete, 4,1 Millionen Tonnen russischen Weizen.

Abhängigkeiten bestehen auch bei Textilien und Automobilexporten. Die türkischen Textilhersteller haben lange auf eine Wiederbelebung ihrer Ausfuhren in den russischen Markt gewartet. Gleiches gelte für die Automobil-Exporte des Landes, so die Zeitung weiter. Im vergangenen Jahr exportierte die Türkei schließlich Autos im Wert von rund 680 Millionen US-Dollar auf den russischen Markt.

Türkische Einzelhändler haben mehr als 700 Filialen in Russland. Darüber hinaus bilden die russischen Bürger die drittgrößte Käuferschaft von Immobilien in der Türkei. In diesem Jahr kauften sie allein rund 1.750 Einheiten.

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