Russische Reise-Veranstalter boykottieren die Türkei

Die großen russischen Reiseveranstalter haben im Zuge einer Reisewarnung des Kremls ihre Türkei-Angebote auf Eis gelegt. Künftig sollen keine Pauschalreisen mehr angeboten werden. Der Boykott könnte die ohnehin angeschlagene türkische Tourismusbranche hart treffen.

Nicht nur der russische Außenminister Sergej Lawrow hat seinen Besuch in Istanbul aufgrund des Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei abgesagt. In Zukunft werden wohl auch größere Touristenströme aus Russland ausbleiben. Grund ist die Entscheidung von Pegas Touristik, Natalie Tours, Biblio Globus und Tez Tour die Türkei aus ihrem Programm zu nehmen.

Der Boykott könnte ein schwerer Schlag für die türkische Tourismusindustrie zu sein. Das Land ist eine der beliebtesten und wichtigsten touristischen Destinationen für die Russen. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres kamen bereits mehr als eine Million russische Urlauber.

Die Tourismusindustrie ist für die Türkei ein bedeutender Wirtschaftssektor. Sie macht derzeit einen Anteil von elf Prozent des türkischen BIP aus, also rund 170 Milliarden US-Dollar. Die Unterbrechung der Flüge von Russland könnte die Türkei etwa 30 Milliarden US-Dollar pro Jahr kosten, das berichtet Russia Today.

Russlands Präsident Wladimir Putin warten Ankara bereits am Dienstag, dass der Jet-Abschuss Folgen haben werde (mehr hier). Die meisten Experten erwarten derzeit in der Tat, dass Moskaus Reaktion auf die wirtschaftlichen Beziehungen abzielt.

Die jüngsten Ereignisse können erhebliche Schäden für die türkische Wirtschaft verursachen, so etwa der Vize-Präsident des Center for Strategic Communications, Dmitry Abzalov. „Gegenwärtig sind die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara angespannt.“ Sein Augenmerk richtet sich daher vor allem auf die Bereiche Energietransport und Kernenergie.

Die gemeinsamen Projekte, die hier sofort in den Sinn kommen, sind eine Reihe von bestehenden und geplanten Energieprojekten zwischen Russland und der Türkei (mehr hier). Bereits 2013 wurde mit der russischen Rossatom ein 20-Milliarden-Dollar-Deal über das erste Atomkraftwerk der Türkei in Akkuyu geschlossen (mehr hier). Russland und die Türkei arbeiten auch an einem türkischen Stream-Pipeline-Projekt, einer Alternative zu russischen South Stream-Pipeline, die Gas nach Europa ohne Durchquerung der Ukraine transportieren soll (mehr hier). Die South Stream-Pipeline wurde im vergangenen Jahr aufgrund von Einwänden der Europäischen Kommission fallen gelassen.

Ankara ist zudem in der Gasfrage hochgradig abhängig von Moskau. Nach den Daten der türkischen Regulierungsbehörde für Energiewirtschaft (EMRA) stillt die Türkei  54,76 Prozent íhres Erdgasbedarfs aus Russland. Im Jahr 2014 waren das rund 26 Milliarden Kubikmeter (bcm) ihrer gut 50 Milliarden Kubikmeter Erdgasimporte. Die Türkei sei damit zweitgrößte Kunde von russischem Gas nach Deutschland. Überdies läuft rund die Hälfte der türkischen Stromerzeugung über Erdgas.

An diesem Donnerstag nun eine erste konkrete Entscheidung: Russland verschärft Lebensmittelkontrollen für türkische Produkte. Der russische Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschew begründete dies am Donnerstag mit „wiederholten Verletzungen russischer Normen durch türkische Hersteller“. Er verwies dabei etwa auf „verbotene und schädliche Substanzen“ sowie stark erhöhte Pestizid- und Nitratwerte (mehr hier). Bereits am Mittwoch hatte die russische Regulierungsbehörde Rosselkhoznadzor eine Lieferung von 162 Tonnen Hühnerfleisch aus der Türkei wegen angeblich nicht korrekter Nahrungs-Sicherheitsbescheinigungen gestoppt, so RT.

Das Handelsvolumen zwischen Russland und der Türkei lag Ende 2014 bei über 30 Milliarden US-Dollar. Erst im vergangenen Monat prognostizierte der russische Vizeaußenminister Alexej Meshkov, dass dieses mit Hilfe gemeinsamer Projekte auf mehr als 100 Milliarden Dollar ansteigen könnte.

Seit den Sanktionen des Westens ist die Türkei einer der wichtigsten Lieferanten von Obst und Gemüse nach Russland. Werde hier eingegriffen, könnte der Verlust für Ankara empfindlich ausfallen.

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