SV Anatolia Birkenau: Mehr als ein Verein

Im zweiten Teil des Projektes über den Amateurfußball in ganz Deutschland nimmt Gazetefutbol.de den SV Anatolia Birkenau unter die Lupe.

SV Anatolia-Birkenau 1980 e.V. (Screenshot http://chayns.net)

SV Anatolia-Birkenau 1980 e.V. (Screenshot http://chayns.net)

Hartplatz und Linien streichen war gestern. Heute spielen die meisten Amateurvereine auf modernem Kunstrasen. Leider – nur die Meisten. Stellen Sie sich einmal einen Verein vor, der trotz schlechten Platzverhältnissen, jeden Sonntag den Zuschauern leidenschaftlichen Fußball zollen möchte. Dann sind Sie bei der SV Anatolia Birkenau richtig. Der türkische Klub aus dem südhessischen Ort Birkenau gehört noch zu den Vereinen, die im Jahre 2015 dazu verdammt wurden, auf einem Hartplatz Fußball zu spielen. Doch für die Spielvereinigung ist das längst kein Hindernis mehr. Selbst ein Hartplatz kann die Spieler nicht daran hindern ihren Leidenschaft nach zugehen und dabei noch Erfolg zu haben. Anatolia ist momentan mit einem Spiel weniger auf dem 3. Platz in der Kreisliga A und ist seit neun Spielen unbesiegt.

Ein kalter Freitagnachmittag auf dem ?Sportplatz in Löhrbach-Buchklingen?, dem kleinen Ortsteil der Gemeinde Birkenau. Genau an diesem Ort sammeln sich die Fußballer von SV Anatolia Birkenau, um sich auf ihre Spiele vorzubereiten. Die räumlichen Voraussetzungen sind alles andere als optimal. Ein steiniger, ruppiger Hartplatz. Trotzdem ist die Freude der Spieler deutlich erkennbar, wenn sie sich zwei bis drei Mal die Woche auf dem ?Sportplatz in Löhrbach? treffen. Denn für die Spieler und Funktionäre ist der SV Anatolia Birkenau mehr als nur ein Verein – es ist eine Familie. Eine ganz große Einheit, die sich auch neben dem Platz so präsentiert. Dabei ist sich auch kein Spieler zu schade dafür, ein Besen in die Hand zu nehmen und den Hof zu kehren oder für seine Mannschaftskollegen Cay (türkischer Schwarztee) zu kochen. Auch bei den Hochzeiten, die Anatolia im Nachbarort Reisen organisiert, sind die Spieler immer präsent. Hierbei entstehen Aufgaben wie Tische und Stühle auf- und abzubauen sowie das Essen zu verteilen. Diese erledigen die Spieler wie sonntags auf dem Platz – gemeinsam – als eine Einheit eben.

Ali Gülal: „Anatolia ist meine Familie!“

„Unser Ziel war es seit unserer Gründung (1980) nur Fußball zu spielen. Wir hatten keinerlei Interesse daran uns in die politischen Konflikte einzumischen – so wie es andere türkische Vereine getan haben“, so Ali Gülal, Mitgründer sowie Vorstandsmitglied des Vereins. „Ali Abi“ – so wie ihn alle im Verein rufen – ist die erste Anlaufstelle, wenn jemand ein Problem hat. Schließlich hat er im Verein schon alle Funktionen ausgeübt – vom Teamarzt bis Cheftrainer – überall, wo er gebraucht wurde. „Hier ist mein zweites zu Hause, die Spieler sind wie meine Kinder. Die Menschen hier gehören alle zu meiner Familie“, verdeutlicht Gülal seine Bindung zum Verein.

Murat Cin: Ein Sinnbild für den Erfolg

Den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte feierte Anatolia Birkenau in der Saison 1992/1993 unter der Leitung von Murat Cin, als der Aufstieg in die Bezirksliga gelang. Immer wieder war es der erfahrene Trainer Cin, der den Verein zu Triumphen geführt hat. Mit ihm an der Seitenlinie konnte die Anatolia insgesamt vier Mal die Meisterschaftstrophäe in die Höhe stemmen. Dazu kam zuletzt auch der Aufstieg in die Kreisliga A. Darüber hinaus erinnert sich Gülal auch gerne an die Relegationsspiele zurück, die unter Beobachtung von 2000 Zuschauern ausgetragen worden sind.

Nedim Özbek gibt Marschroute vor

Die Fußstapfen, die Murat Cin seinem Nachfolger hinterlässt, sind sehr groß. Keine Frage. Doch mit der Verpflichtung von Nedim Özbek glaubt der Verein, dass es an der Zeit ist, neue Erfolgsgeschichten zu schreiben. Seine Motivation, Arbeit und Qualitäten sind in allen Ecken des Vereins zu sehen und deutlich zu spüren. Ein Blick auf die Tabelle spiegelt die Arbeit von Özbek bestens wieder: Zehn Siege, ein Unentschieden und drei Niederlagen. Doch so schön war es für den gelernten Stürmer nicht immer. Mit 18 Jahren stand er beim türkischen Erstligist Genclerbirligi kurz vor einer Profikarriere und musste aufgrund einer Verletzung zurück nach Deutschland. Doch davon ließ er sich nicht abschrecken und legte in Deutschland eine beachtliche Karriere hin. Er wurde unter anderem bei Schwetzingen in der Oberliga sechs Jahre lang Torschützenkönig. Darüber hinaus spielte er bei weiteren Oberligisten wie VfR Mannheim oder Heidelberg-Kirchheim. Er ist auch dafür bekannt, dass er immer deutliche und kritische Worte findet. Von seinen Spielern erwartet Özbek, dass sie auf dem Platz alles dafür geben um zu siegen. „Im Fußball ist es wie im Berufsleben. Wenn du nicht bereit bist 100 Prozent zu geben, dann hast du auch keine Chance erfolgreich zu sein!“, so Özbek, der seit 2014 B-Lizenzinhaber ist. Dabei hat er ganz klare Anforderungen an seine Spieler: „Sie müssen sich gut auf die Spiele vorbereiten. Das fängt schon im Privatleben an. Ich möchte das meine Spieler von meinen langjährigen Erfahrungen profitieren. Damit sie irgendwann auch höherklassig spielen können!“ Aus dem Grund müssen die Spieler genau zuhören, wenn ihr Trainer Anweisungen gibt. Die ersten Früchte seiner Arbeit hat Özbek bereits erhalten: In puncto Raumverschiebung und Verhalten bei Überzahl-Situationen bewegen sich seine Spieler in die richtige Richtung. Für diese Runde peilt der Coach die Spitzenränge an, die zum Aufstieg führen. Doch mit langfristigen Zielen muss man im Fußballgeschäft vorsichtig sein, das weiß auch Özbek – er kann es am besten bezeugen. „Mein Trainerteam und ich sind positiv gestimmt. Nicht nur weil die Ergebnisse stimmen, sondern die Entwicklung meiner Spielern mit großen Schritten vorangeht. Sie verinnerlichen immer mehr meine Spielphilosophie und verdeutlichen es auch auf dem Platz!“, sagt Nedim Özbek.

Tarik Arici: „Für mich zählt nur der Aufstieg!“

Eine wichtige Stütze für Nedim Özbek ist sicherlich auch der Trainer von der 2. Mannschaft : Tarik Arici. Der junge Trainer ist seit Anfang des letzten Jahres richtig ins Trainergeschäft eingestiegen. Arici versucht immer wieder Spieler in die 1.Mannschaft zu geben, wenn Not am Mann ist. Seine persönliche Ziele spielen für Arici eine sekundäre Rolle. „Ich möchte mit meiner Mannschaft dieses Jahr aufsteigen. Für mich kommt nichts anderes in Frage!“, sagt Arici voller Selbstvertrauen. Er hat nächstes Jahr auch vor seinen C-Trainerschein nach zuholen. Mit Nedim Özbek hat er einen erfahrenen Mentor neben sich, der ihn auch dabei tatkräftig unterstützen wird.

Ugur Altundal: Neuer Pressesprecher bringt frischen Wind

Seit fünf Monaten hat die Anatolia Birkenau nicht nur einen neuen Trainer, sondern auch einen neuen Pressesprecher: Ugur Altundal. Der 23-Jährige ist nun seit fünf Monaten im Amt. Des Weiteren ist Altundal für den Internetauftritt des Vereins zuständig. Eine ganz zentrale Rolle hat er auch bei der Verpflichtung von Nedim Özbek gespielt. Den ersten Kontakt stellte er selbst mit dem Mannheimer her. Familiäres Verhältnis, Hartplatz und 35 Jahren bestehen ohne einen großen Sponsor: Mit diesen Worten beschreibt Altundal sein neues Umfeld. Trotz seiner Bindung zum Verein findet er auch kritische Worte: „Anatolia muss ihre Mentalität gegenüber der Außenwelt verändern. Wir sind zwar ein Birkenauer Verein, aber beteiligen uns nicht an den örtlichen Festlichkeiten!“ Für die sportlichen Zielen hat er auch klare Vorstellungen: „Wir werden dieses Jahr definitiv aufsteigen!“, so Altundal.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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