Der Kampf der starken Männer: Putins Feldzug gegen Erdoğan

In der Krise um den Abschuss des russischen Kampfjets prallen mit Putin und Erdoğan zwei mächtige Staatschefs aufeinander. Erdoğan gibt sich ungewohnt zurückhaltend - während Putin Öl ins Feuer gießt.

Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin. (Foto: DTN)

Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin. (Foto: DTN)

Bei Russlands wichtigstem religiösen Ereignis des Jahres hatten sich Wladimir Putin und sein türkischer Ehrengast Recep Tayyip Erdoğan vor laufenden Kameras lächelnd die Hand gegeben. Bei der Eröffnung einer Moschee für 10 000 Gläubige im September in Moskau schienen die beiden Präsidenten mit der vergoldeten Kuppel um die Wette zu strahlen. Seit dem Abschuss des russischen Kampfjets durch die Türkei ist ihnen das Lachen vergangen. Der Konflikt zwischen Russland und der Türkei ist auch zur Krise im Verhältnis der beiden selbstbewussten Präsidenten geworden. Putin führt einen wahren Feldzug gegen Erdoğan – der sich am Kremlchef verhoben haben könnte.

Das Magazin «Foreign Policy» bezeichnete Erdoğan im September als «anatolische Version» Putins. Erdoğan muss das nicht notwendigerweise als abwertend empfunden haben. Auch Erdoğan markiert gerne den starken Mann, der zunehmend autokratisch herrscht und seine Gegner scharf angeht («Bis in ihre Höhlen werden wir sie verfolgen»). Politisch war Erdoğan – der wie Putin aus einfachen Verhältnissen stammt – ähnlich erfolgreich wie der Kremlchef.

Erdoğan führt die von ihm mitbegründete islamisch-konservative AKP seit 2002 von Wahlsieg zu Wahlsieg. Krisen bewältigte er dabei mit harter Hand. Auf Korruptionsvorwürfe reagierte er, indem er Ermittler und Staatsanwälte austauschen und absetzen ließ. Regierungskritische Demonstrationen wie die Gezi-Proteste im Sommer 2013 ließ er niederknüppeln. In Anspielung auf die jüngsten russischen Wirtschaftssanktionen und das oft brutale Vorgehen der türkischen Polizei spottete die Erdoğan -kritische Zeitung «Sözcü»: «Wenn uns das Erdgas abgedreht wird, haben wir genug Tränengas auf Lager!»

Nach dem Ablauf seiner dritten Amtszeit als Ministerpräsident – mehr waren nicht zulässig – ließ Erdoğan sich im vergangenen Jahr vom Volk zum Staatsoberhaupt wählen. Auch dieser Schachzug erinnert an die Wandlungen Putins, der vom russischen Präsidenten zum Regierungschef und wieder zurück mutierte, um an der Macht zu bleiben. Erdoğan allerdings plant keine Rückkehr ins Amt des Ministerpräsidenten. Stattdessen bestimmt er als Staatschef jetzt die Geschicke des Landes. Dass die Verfassung – die Erdogan ändern will – das eigentlich nicht vorsieht, tut dem keinen Abbruch.

Mit dem Abschuss des russischen Kampfjets allerdings hat sich Erdoğan mit einem ungewohnt mächtigen Gegner angelegt – was er nun zu bereuen scheint. Alle Bitten Erdoğans um ein klärendes Gespräch prallen an den Kremlmauern ab. Stattdessen gießt Putin Öl ins Feuer – und die Regierung in Moskau geht Erdoğan persönlich an. So sagte der Vizeverteidigungsminister Anatoli Antonow, «Präsident Erdoğan und seine Familie» seien in den Ölhandel mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verwickelt.

Putin bezeichnet die politische Führung in Ankara in seiner Rede an die Nation als «verräterisches Regime», das in Syrien den IS unterstütze. Und er sagte: «Allah beschloss, die regierende Clique in der Türkei zu bestrafen, und hat sie um den Verstand gebracht.» Angriffe gegen seine Familie und Spott über seine Religion – das sind eigentlich rote Tücher für den strenggläubigen Familienvater Erdoğan. Er reagiert schon auf weniger drastische Beleidigungen allergisch, wie zahlreiche Gerichtsprozesse in der Türkei anschaulich belegen.

Diesmal verhält sich Erdogan ganz untypisch: Er keilt nicht zurück, sondern bemüht sich um Deeskalation in der Krise – die ihm inzwischen ernste Sorgen zu bereiten scheint. Kritik an seiner Familie nannte Erdoğan lediglich «nicht sehr moralisch». Nach dem Abschuss des Kampfjets sagte er: «Hätten wir gewusst, dass es ein russisches Flugzeug war, hätten wir möglicherweise anders gehandelt.» Kurz darauf fügte Erdoğan hinzu: «Wir bedauern den Vorfall wirklich.»

Damit geht Erdoğan für seine Verhältnisse weit auf Putin zu. Die vom Kremlchef geforderte Entschuldigung verweigert er aber. Sie würde für Erdoğan einen Gesichtsverlust bedeuten: Aus seiner Sicht müsste er sich dafür entschuldigen, dass die Türkei ihre Grenzen schützt.

Dennoch erweckt Erdoğan den Anschein, als würde ihn Putins Wut persönlich verletzen. Im Flugzeug auf dem Weg nach Doha sagte der türkische Präsident einem Bericht der Zeitung «Hürriyet» zufolge vor wenigen Tagen, früher habe Putin ihn «tapfer und mutig» und einen «ehrlichen Staatsmann» genannt. Damit ist es seit dem Abschuss des Jets vorbei. Putins Tiraden lassen auch vermuten, dass sich Erdoğan über Lob aus Moskau so bald nicht mehr wird freuen können.

Zwar kamen die Außenminister beider Länder am Donnerstag erstmals seit dem Abschuss des Kampfjets zusammen. Auf Aussöhnungskurs sind Moskau und Ankara aber trotzdem nicht – im Gegenteil. Eine russische Organisation schlug am Freitag vor, die Straße, in der sich in Moskau die türkische Botschaft befindet, in Peschkow-Straße umzubenennen. Oleg Peschkow war der Pilot, der beim Abschuss des russischen Suchoi-Bombers durch türkische F-16-Jets ums Leben kam.

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