Likeminds 2016: „Sicherheit ist nicht im nationalen Alleingang zu haben“

Zum sechsten Mal sind deutsche und türkische Nachwuchsführungskräfte aufgerufen, sich für das binationale Begegnungsprogramms „likeminds: german-turkish junior expert initiative“ zu bewerben. Das in dieser Form einmalige Format stellt 2016 das Thema „Seeking security – in the age of human needs and global necessities“ in den Mittelpunkt.

Wenn Moskau mit dem NATO-Partnerland Türkei im Clinch liegt, macht das keinen sicherer, aber alle nervös. (Foto: DTN)

Wenn Moskau mit dem NATO-Partnerland Türkei im Clinch liegt, macht das keinen sicherer, aber alle nervös. (Foto: DTN)

Im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten erläutert die stellvertretende Akademieleiterin der „Europäischen Akademie“ in Berlin, Dr. Andrea Despot, nicht nur die wesentlichsten Ergebnisse der letzten Runde zum Thema Energie. Sie stellt auch den in Anbetracht der jüngsten Ereignisse hochaktuellen neuen Schwerpunkt vor: Die „menschliche Sicherheit“. Hier sei länderübergreifende Zusammenarbeit gefragt. Zur Sprache kommen soll übrigens auch das türkisch-russische Verhältnis.

Deutsch Türkische Nachrichten: Likeminds geht 2016 bereits in die sechste Runde. Zuletzt stellte das binationale Begegnungsprogramm das Thema „Energie“ in den Fokus. Was sind die wesentlichsten Ergebnisse?

Andrea Despot: Energie ist ein universelles, brisantes und auch kontroverses Thema. Deshalb hatten wir dieses Thema in den Fokus unseres deutsch-türkischen Programms in 2015 gerückt. Hier und dort suchen wir nach Antworten auf diese Fragen: Wie können wir unsere Energieversorgung sicherstellen, ohne Natur und Klima zu ruinieren? Welche Energieträger sind innovativ und haben Zukunft? Oder auch: Was kann jeder einzelne für die Energiewende tun? Darüber haben die likeminds diskutiert – und sagen zu Recht, wir sitzen da in einem Boot. Wir brauchen länderübergreifende Antworten auf diese Fragen.

Deutsch Türkische Nachrichten: „Viele Herausforderungen können nur im Verbund angegangen werden“, stellten Sie mit Blick auf das Jahr 2015 heraus. Ein Thema erscheint dabei nach wie vor omnipräsent: Die Flüchtlingskrise. Inwiefern wird sie nun die nächste Runde prägen?

Dr. Andrea Despot (Foto: Europäische Akademie Berlin)

Dr. Andrea Despot (Foto: Europäische Akademie Berlin)

Andrea Despot: Das trifft natürlich besonders auf die Themen Migration, Flucht und Asyl zu. Wir wollen uns im aktuellen Programmjahr mit ‚Sicherheit‘ beschäftigen und verstehen Sicherheit als „menschliche Sicherheit“. Bei einem solchen Ansatz geht es angesichts der globalen Herausforderungen wie Migration, Terrorismus, Klimabedrohungen oder Wirtschaftskrisen auch um die humanitäre, ökologische, militärische und ökonomische Dimension von Sicherheit, ohne den einzelnen Menschen und dessen individuelle Sicherheit, in Gestalt von garantierten Menschenrechten etwa, zu vernachlässigen. Insofern wird das Thema Migration und Flucht eine Rolle spielen. Welche Akzente die likeminds selbst setzen werden – die Themen bringen die ‚junior experts‘ zum Teil selbst ein –, wissen wir nach dem ersten Workshop im März 2016.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Türkei scheint die EU in dieser Frage ja „in der Hand“ zu haben. Trotz der prekären Menschenrechtslage, wird Ankara regelrecht hofiert. Das zeigen die Ergebnisse des jüngsten Sondergipfels in der Türkei. Ergo: Eine Chance oder eher ein Risiko für Juniorexperten, angehende Führungskräfte und „high potentials“?

Andrea Despot: Eine wichtige und spannende Gelegenheit zum Austausch – und zum harmonischen Streit. Wenn es um Sicherheit geht, zeigt Ihr Beispiel ja gerade: Sie ist nicht im nationalen Alleingang zu haben, ist nicht nur schwarz oder weiß, sondern kann nur durch länderübergreifende Zusammenarbeit gewährleistet werden. Zu welchem Preis dies geschieht, nach welchen Regeln und mit welchen Partnern — genau an diesen Punkten werden sich die likeminds wohl reiben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Türkei hat jüngst einen harten Cut hinnehmen müssen. Als Reaktion auf den Jet-Abschuss hat Putin die wirtschaftlichen Beziehungen durch weitgehende Sanktionen gekappt. Welche Auswirkungen befürchten sie nun für die Türkei?

Andrea Despot: Wenn Moskau mit dem NATO-Partnerland Türkei im Clinch liegt, macht das keinen sicherer, aber alle nervös. Neben den akuten Krisen in der Welt wird in unserem Programm deshalb auch über das türkisch-russische Verhältnis zu reden sein. Das ist arg ramponiert und wird es wohl angesichts der fortbestehenden Konfliktlinien vorerst auch bleiben. Dem türkischen Tourismussektor und dem Außenhandel, vor allem der Exportbilanz von Obst und Gemüse, fügen die Sanktionen erheblichen Schaden zu. Ob die Sanktionen auch Auswirkungen auf die Energieversorgung und Energiesicherheit haben werden – die Türkei bezieht bis zu 20% ihres Gasbedarfs aus Russland –, ist noch nicht absehbar. Die Türkei sorgt aber schon vor und baut sich für die Zukunft Alternativen auf, etwa mit dem Partnerland Aserbaidschan.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie erleben Ihre Programmteilnehmer das aktuelle Verhältnis Deutschland-Türkei/Türkei-Europa? Gibt es von ihnen frische Ideen?

Andrea Despot: Unsere Alumni und likeminds-Teilnehmer_innen sind, seit es das Format mit der Robert Bosch Stiftung, der Europäischen Akademie und der Sabanci Universität gibt, immer wieder thematisch gefordert und packen die Themen aber mit frischen Ideen und Akzenten an. Sie fühlen sich mit dem jeweils anderen Land verbunden und als Teil einer europäischen community – haben aber natürlich auch unterschiedliche Ansichten und Meinungen zu den Sachthemen, die wir uns vornehmen. Unser Anliegen ist es, mit diesem Programm junge Menschen zusammen zu bringen, die das Verhältnis zwischen den beiden Ländern mit Leben füllen. Ich freue mich sehr, dass ihnen das regelmäßig gelingt!

Das Programm geht auf die Initiative der Robert Bosch Stiftung zurück und wird von der Europäischen Akademie Berlin in Zusammenarbeit mit dem Istanbul Policy Center (IPC) der Sabanci Universität durchgeführt.

Bewerbungsschluss ist der 31. Januar 2016. Anmeldeformular und weitere Informationen finden sich unter www.eab-berlin.eu.

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