Istanbul: Prozess gegen Fethullah Gülen eröffnet

In Istanbul hat am Mittwoch der Prozess gegen den Prediger Fethullah Gülen begonnen. Der erklärte Gegner Präsident Erdogans muss sich in Abwesenheit zusammen mit anderen Angeklagten vor Gericht verantworten. Ihnen werden Komplott und versuchte Diffamierung zur Last gelegt.

Staatspräsident Erdoğan wirft seinem einstigen Verbündeten Gülen vor, Polizei und Justiz unterwandert zu haben und die Regierung stürzen zu wollen. (Screenshot YouTube)

Staatspräsident Erdoğan wirft seinem einstigen Verbündeten Gülen vor, Polizei und Justiz unterwandert zu haben und die Regierung stürzen zu wollen. (Screenshot YouTube)

In Istanbul hat am Mittwoch der Prozess gegen den islamischen Prediger Fethullah Gülen begonnen – einen früheren Vertrauten und heutigen Erzfeind von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der in den USA lebende Gülen soll sich in Abwesenheit wegen mutmaßlicher „Umsturzversuche“ und „Bildung einer Terrorgruppe“ verantworten. In seiner Anklagerede forderte der Staatsanwalt von Istanbul am Mittwoch lebenslange Haft für den 74-jährigen Gülen und zwei mitangeklagte, frühere Polizeichefs.

Gülen wird vorgeworfen, Verbündeten in den Reihen der türkischen Polizei Anweisungen zum Sturz der islamisch-konservativen Regierung gegeben zu haben. Insbesondere sollen der Prediger und seine Verbündeten Korruptionsvorwürfe konstruiert haben, die im Dezember 2013 die Regierung Erdogans unter Druck gebracht hatten.

Die Verteidigung sieht in dem Verfahren einen politischen Prozess. Der Prediger Gülen hat noch immer großen Einfluss in der Türkei, wo seine Bewegung Schulen, Unternehmen und Hilfsorganisationen leitet und Kontakte zu Polizei, Justiz und Medien pflegt. Mit Gülen sind 70 weitere Verdächtige angeklagt, vor allem ehemalige Polizisten.

Gülen und Erdogan sind lange Zeit enge Verbündete gewesen – die Gülen-Bewegung hat den Aufstieg der AKP erst möglich gemacht. Doch später kam es zum Zerwürfnis. Erdogan wirft Gülen unter anderem vor, ein Agent der US-Geheimdienste zu sein.

Die Gülen-Bewegung unterhält auch zahlreiche soziale Einrichtungen in Deutschland. Ihr Problem: Sie hat niemals volle Transparenz gezeigt, was die weitverzweigten Arme ihres kommerziellen Imperiums anlangt. Gülen selbst hat sich auch in der Kurden-Frage widersprüchlich geäußert: Teilweise ließ er Hass-Tiraden vom Stapel, dann wieder setzte er sich für die Aussöhnung ein.

Die DTN haben vor einigen Jahren ein Interview mit Gülen geführt, in dem sich der Geistliche durchaus gemäßigt zeigte. In dem Interview trat er für eine Aussöhnung von Kemalisten und Muslimen ein. Der Harvard-Professor Dani Rodrick warf Gülen vor einigen Jahren in einem DTN-Interview vor, in dunkle Machenschaften verstrickt zu sein. Rodrik kritisierte damals die Verstrickung Gülens in den neuen Machtapparat der AKP.

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