«Der Hodscha und die Piepenkötter»: Ein Film zeigt, wie es gehen kann

Die große Politik in Deutschland tritt derzeit ziemlich auf der Stelle. Wie das im Kleinen und deutlich besser funktionieren kann, zeigt ein ziemlich aktueller Film.

Amüsantes Spiel mit Vorurteilen und Klischees. (Screenshot http://www.daserste.de)

Amüsantes Spiel mit Vorurteilen und Klischees. (Screenshot http://www.daserste.de)

Eine Moschee soll gebaut werden, in der fiktiven Kleinstadt Lautringen, irgendwo in Nordrhein-Westfalen. Da kochen natürlich sofort die Emotionen hoch, es wird heftig debattiert und gestritten, und die Bürgermeisterin gerät mit einem türkischen Geistlichen aneinander. Darum geht es in dem Film «Der Hodscha und die Piepenkötter», der an diesem Mittwoch (20.15 Uhr, Das Erste) zu sehen ist.

Ursel Piepenkötter (Anna Stieblich) ist die Bürgermeisterin von Lautringen; nach außen hin gibt sie sich leutselig und freundlich, doch in Wahrheit ist sie ebenso machthungrig wie trinkfest. Von ihrem dienstbeflissenen Assistenten Meyer (Eric Klotzsch) lässt sie sich gern chauffieren, er darf schon mal die Handtasche tragen oder ihre müden Füße massieren.

Alles läuft also perfekt – würden da nicht lästige Neuwahlen vor der Türe stehen und wäre da nicht das leidige Thema des Moschee-Neubaus. Das erhitzt nicht nur die Gemüter im Stadtrat, sondern führt auch dazu, dass es Frau Piepenkötter plötzlich mit einem Gegenkandidaten zu tun bekommt: Ihr «Parteifreund» Dr. Schadt (Fabian Busch) wagt es, gegen sie anzutreten. Er steht am ziemlich rechten Rand ihrer Partei und redet den Gegnern einer Moschee mit üblen Parolen das Wort.

So muss Frau Bürgermeisterin nun also richtigen Wahlkampf machen. Und als ob das nicht schon genug wäre, gerät sie auch noch mit dem neuen Geistlichen der türkischen Gemeinde aneinander, Nuri Hodscha (Hilmi Sözer). Der eher fortschrittlich eingestellte und ziemlich impulsiv auftretende Mann hört gerne die Musik von Bruce Springsteen und entpuppt sich als ein mindestens genauso großes Schlitzohr wie Frau Piepenkötter. Und dann verliebt sich auch noch ihr heftig pubertierender Sohn Patrick (Damian Hartung) ausgerechnet in Hodschas clevere Tochter Hülya (Yeliz Simsek).

«Zunächst wirkt die Ursel Piepenkötter ja ziemlich herzlos, kühl, sie ist eine alte Zicke», sagte Schauspielerin Anna Stieblich (50, «Türkisch für Anfänger», «Die Kanzlei», «Die Stadt und die Macht») im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur über ihren Film. «Sie hat aber zumindest dem Sohn gegenüber ein warmes Herz, und später taut sie dann ja immer mehr auf. Es hat mir sehr gefallen, dass wir das Klischee des gepämperten Abgeordneten umgedreht haben und sich jetzt eben mal eine Frau bedienen lässt. Das hat man so bislang bei uns auch noch nicht gesehen.»

Stimmt, und es macht richtig Laune. Man nimmt ihr die Rolle der ehrgeizigen und egoistischen Politikerin ab, die ihre Pfründe sichern und ihr Amt behalten will. «Jeder, der in die Politik geht, ist zunächst mal Idealist – das glaube ich zumindest», so Stieblich. «Irgendwann bleibt der Idealismus wohl auf der Strecke, wenn man merkt, dass sich gewisse Interessen verschieben und Kompromisse nötig werden. Dann muss man aufpassen, dass man sich nicht verbiegt.»

So ist es wohl, und Autor Gernot Gricksch («Das Leben ist nichts für Feiglinge») und Regisseurin Buket Alakus («Die Neue») haben das und vieles andere sehr fein beobachtet und filmisch gekonnt umgesetzt. Entstanden ist eine kluge Culture-Clash-Komödie – mit durchaus gelungenen Szenen, die Unverständnis und Inflexibilität auf beiden Seiten deutlich zeigen. Nicht jeder Muslim ist ein Islamist (und umgekehrt), und nicht jeder Nachbar ist ein Demokrat. Das alles ist ein schmaler Grat, der gerade bei so sensiblen Themen wie Migranten, Religion und Weltanschauung auch gehörig daneben gehen könnte – was hier zum Glück eindeutig nicht der Fall ist.

Das Wort «Gutmensch» (kürzlich zum Unwort des Jahres 2015 gewählt) kommt ganz am Ende vor und zeigt klar, dass es als absolutes Schimpfwort benutzt wird. Anfangs mag der Mutter-Sohn-Konflikt und die Liebesgeschichte zwischen dem Nachwuchs unnötig erscheinen – jedoch ist beides für das Weitertreiben der Handlung recht wichtig. Im Gesicht von Anna Stieblich spielt sich unglaublich viel ab, da muss man nicht noch viele Worte draufsetzen. Fazit: Der aktuelle Stoff ist geschickt als überspitzte Komödie verpackt, die sehr glaubhaft und witzig mit Vorurteilen und Klischees spielt.

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