Per Casting ins Weltall: Deutschland sucht die Super-Astronautin

Die Raumfahrt ist hierzulande reine Männerdomäne. Ein Unternehmen für Weltallspezialisten hat nun ein Casting ausgerufen: Deutschland sucht die erste deutsche Astronautin.

Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) wählt aus, wer sich für die Missionen eignet. (Screenshot Facebook)

Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) wählt aus, wer sich für die Missionen eignet. (Screenshot Facebook)

Geht es um Deutsche im Weltraum, ist oft nur von einem die Rede: Alexander Gerst. Der Twitter-Philosoph, der von der Internationalen Raumstation ISS Hunderte Aufnahmen von der Erde verschickte und mit seinen Botschaften Tausende Menschen berührte. Gerst zählt zu den elf Deutschen, die es schon ins All geschafft haben. Alles Männer, keine Frauen. Ein Unternehmen will das ändern. Die zündende Idee: eine privat finanzierte Mission, um die erste deutsche Astronautin ins All zu schießen.

Die Kampagne «Astronautin» hat HE Space gestartet – ein Personaldienstleister für Luft- und Raumfahrtspezialisten mit einer in Expertenkreisen prominenten Chefin an der Spitze. «Der zwölfte deutsche Mensch sollte ein Frau sein», sagt Geschäftsführerin Claudia Kessler. Ihr Unternehmen ist eine Art Zeitarbeitsfirma, die auch die Europäische Weltraumorganisation (Esa) mit Ingenieuren versorgt. Was Kessler vergönnt war, will sie nun anderen Frauen ermöglichen.

Eine Deutsche im All würde viele Mädchen ermutigen – und vielleicht ebenfalls zu den Sternen greifen lassen. Davon ist die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) überzeugt. Als Vierjährige verfolgte sie gebannt die Mondlandung im Fernsehen. Die Faszination Weltall ließ sie nicht los: Sie studierte Luft- und Raumfahrt in München, wollte Astronautin werden. Mitten im Studium tat sich eine Möglichkeit auf: eine Ausschreibung für einen Flug ins All. Doch gefragt war ein abgeschlossenes Studium. Kesslers Studium war nicht zu Ende, der Traum platzte. Es griff Plan B: ein Job als Weltraum-Managerin.

Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) wählt aus, wer sich für die Missionen eignet. Seit 1988 gibt es gemischte Esa-Teams aus Männern und Frauen. Vom Jahr 1999 an sei der Anteil von 15 Prozent an weiblichen Bewerbern und Astronautinnen gleich geblieben, erklärt der ehemalige belgische Raumfahrer Frank De Winne. Frauenquote allein des Männerüberschusses wegen? Ausgeschlossen.

«Wir haben ein faires Auswahlverfahren und achten nicht darauf, welchem Geschlecht die Bewerber angehören, sondern wer die besten Fähigkeiten mitbringt», sagt De Winne. Der Ex-ISS-Kommandant ist überzeugt: Bei den strengen Tests hätten Frauen die gleichen Chancen wie Männer. Zuletzt stellte die Italienerin Samantha Cristoforetti den Langzeitrekord für Frauen mit fast 200 Tagen im Weltraum auf.

Dass nur jeder sechste Astronaut weiblich sei, ist Kessler zu wenig. Bis Ende April können sich interessierte Frauen bewerben. Das private Auswahlverfahren sei nicht weniger anspruchsvoll als das reguläre: Die Aspirantinnen müssen ein naturwissenschaftliches oder medizinisches Studium sowie drei Jahre Berufserfahrung vorweisen und werden bei psychologischen und medizinischen Prüfungen auf Herz und Hirn gecheckt. Auch Sportlichkeit, eine gewisse Abenteuerlust und besondere Hobbys seien gefragt. Hoch im Kurs: Klettern, Höhlenwandern oder ein Pilotenschein, sagt Kessler.

Im Herbst stellt sie die Kandidatinnen für die Endrunde vor. Anderthalb Jahre lassen sich die beiden Finalistinnen dann im russischen Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum zur Astronautin ausbilden. Eine von ihnen soll bis 2020 in den Weltraum gebracht werden. Die ganze Prozedur ist teuer: Kessler rechnet mit Kosten von mehreren Dutzend Millionen Euro. Das Geld soll durch Crowdfunding und Spenden zustande kommen.

Seit Jahren sucht die Wirtschaft nach einer Erfolgsformel, wie Schülerinnen für die klassischen Jungsfächer begeistert werden können: Mathematik, Informatik, Chemie, Physik, technische Studiengänge. Bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

Nach einer Analyse des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft ist der Anteil von Frauen in Forschungsabteilungen hierzulande verschwindend klein. Bei den befragten 13 000 Unternehmen machten Männer im Forschungspersonal mehr als 80 Prozent aus. In Forschungsabteilungen der Autobranche seien nur 8 Prozent weiblich.

Dabei mangele es den Weltraum-Anwärterinnen nicht an fehlender Kompetenz, meint Kessler. Zum internationalen Verein «Women in Aerospace» (Frauen in der Raumfahrt) zählen ihr zufolge allein 500 Frauen, knapp 30 Prozent stammen aus Deutschland.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) steht hinter Kesslers Vorhaben. Gerade in naturwissenschaftlichen Fächern würde Nachwuchs dringend benötigt, vor allem weiblicher, erklärt DLR-Chefin Pascale Ehrenfreund. Eine solche Idee könne nicht nur die Raumfahrt beliebter machen, sondern auch jungen Frauen Lust auf ein naturwissenschaftliches Studium.

Die Mission mit der ersten deutschen Astronautin würde auch medizinischen Zwecken zugutekommen: So sollen dabei die Besonderheiten des weiblichen Körpers in der Schwerelosigkeit untersucht werden. «Bislang liegen zu wenig Untersuchungen zur Physiologie von weiblichen Astronautinnen vor», sagt Hanns-Christian Gunga, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Physiologie der Charité Berlin und Leiter dieser wissenschaftlichen Tests. Die Mission solle auch dazu beitragen herauszufinden, wie das Herz-Kreislaufsystem, die Muskulatur oder die Körpertemperatur von Frauen auf die Bedingungen im All reagieren.

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