Kürzungen bei „Funkhaus Europa“: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss Vielfalt aushalten

Die Neuen deutschen Medienmacher stellen sich gegen die Kürzungspläne des WDR für „Funkhaus Europa“. Sie halten dagegen: Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten hätten einen Programmauftrag. Sie sollten berücksichtigen, dass ein gutes Fünftel der Menschen in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte besitzt.

Auch Star-Kabarettist und -Komiker Fatih Çevikkollu sieht die Kürzungen kritisch. (Screenshot YouTube)

Auch Star-Kabarettist und -Komiker Fatih Çevikkollu sieht die Kürzungen kritisch. (Screenshot YouTube)

Seit Ende Februar ist bekannt, dass der WDR den interkulturellen Radiosender Funkhaus Europaumstrukturieren will. Der Plan: Die täglichen fremdsprachigen Sendungen sollen in Zukunft nur noch 30 statt wie bisher 60 Minuten lang sein, ab 18 Uhr im Internet und ab 20 Uhr im Radio laufen. Eine Sendung auf Arabisch kommt hinzu. Die Musikausrichtung soll sich nicht ändern, einige Sendungen wechseln aber vom Wochenende auf werktags 18 bis 20 Uhr. Das Sparziel des WDR liegt bei zehn Prozent.

In einer den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegenden Stellungnahme kommentieren die Neuen deutschen Medienmacher das Vorhaben. Die Organisation von Medienschaffenden mit und ohne Migrationsgeschichte schreibt:

Eine „Programmreform“ nennt der Sender seine geplanten Kürzungen bei den muttersprachlichen Sendungen und im Musikprogramm. Mit der Einführung einer täglichen, halbstündigen Sendung für geflüchtete Menschen versucht er, der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch neue Angebote für Geflüchtete dürfen nicht gegen etablierte Angebote für alteingessene Einwanderergruppen ausgespielt werden. Beides gehört zum Integrationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Oft sind die muttersprachlichen Angebote ab 18 Uhr die einzige Möglichkeit, um sich hierzulande politisch unabhängig und qualitativ hochwertig zu informieren und Wissenswertes aus den Communities zu erfahren. Kaum jemand berichtet ausdauernder über den NSU-Prozess als die türkischsprachige Redaktion im Funkhaus Europa. Zudem bilden die Sprachenangebote ein Gegengewicht zu den zunehmend staatlich kontrollierten Medienangeboten der Herkunftsländer.

Die Live-Sendungen sollen halbstündigen, bereits voraufgezeichneten Sendungen weichen, die zwei Stunden vor ihrer Ausstrahlung ins Netz gestellt werden. Unsere Befürchtung ist, dass damit der Online-Ausgliederung der Muttersprachenprogramme Vorschub geleistet wird – um ein „durchhörbares“, mainstreamiges Programm an diesem Sendeplatz zu etablieren.

Wir halten dagegen: Eine Einwanderungsgesellschaft und ein der Interkulturalität verpflichteter, öffentlich-rechtlicher Rundfunk müssen Vielfalt, auch in den Sprachen, aushalten und fördern. Statt die speziellen Angebote für diese Zielgruppen zu kürzen, sollte sich der WDR lieber eine Quote geben, um den Anteil an Mitarbeitern mit Migrationshintergrund auf allen Ebenen zu erhöhen – bis er dem Durchschnitt der Bevölkerung entspricht.

Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten haben einen Programmauftrag. Sie sollten berücksichtigen, dass ein gutes Fünftel der Menschen in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte besitzt und mehrsprachig aufwächst.

Wir fordern deshalb den WDR auf, seine Pläne ernsthaft zu überdenken.

Auch innerhalb der Community regt sich Widerstand. So läuft bereits eine Petition auf Change.org, um gegen die Kürzungen vorzugehen. Petitentin Sevgi Demirkaya liegt besonders das seit 1964 auf Türkisch ausgestrahlte Köln Radyosu“ von Funkhaus Europa am Herzen. Ihre Argumentation:

„Hörer zahlen Rundfunkbeiträge – und haben, wie auch kulturinteressierte oder junge oder ältere Hörer das Recht auf öffentlich-rechtliche Spartenprogramme, auch wenn die Sendung pro Tag nur eine Stunde beträgt.

Der WDR gefährdet mit den massiven Kürzungen der Muttersprachensendungen die sprachliche und kulturelle Vielfalt und verstösst somit auch gegen das Gebot der Muttersprache als identitätsbestimmendes Kulturgut.

Und das in einer Zeit, in der Medienangebote aus der Türkei wegen der fehlenden Pressefreiheit überhaupt keine Alternative darstellen.“

Unterstützung erhält das Anliegen auch durch Star-Kabarettist und -Komiker Fatih Çevikkollu:

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